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Kultur

Der Osten entdeckt Mozart

Das Salzburger Mozarteum gilt als weltweit bekanntes Institut in der Mozartforschung. Ein Gespräch mit dem Vize-Rektor über das Genie in der Lehre, seiner Wirkung in China und über zukünftige Pläne.

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Abendstimmung auf dem Mozart-Platz in Salzburg mit dem Mozart-Denkmal

DW-WORLD : Herr Holzer-Graf, wie sind Sie mit Mozart in Berührung gekommen?

Holzer-Graf: Als Klavier spielender Schüler kommt man natürlich mit Mozart in Verbindung und glaubt zunächst einmal, hier handelt es sich um einfache Musik und dass es andere Komponisten gibt, die diffiziler die Parameter der Musik vorführen können, doch zuletzt findet man, dass Mozart in seiner vermeintlich einfachen Kantilene und seiner voraussehbaren Harmonie das ganze Spannungsfeld des klassischen Repertoires und viele zukunftsweisende Dinge einbaut. Man bekommt vor Mozart immer mehr Respekt je älter man wird und je mehr man sich mit ihm beschäftigt.


Und diese Bewunderung ist Grundlage ihrer Arbeit am Mozarteum?

Wolfgang Amadeus Mozart

Die Vielseitigkeit Mozarts lädt zu immer neuer Diskussion ein.

Das ist es, was uns im Mozartjahr und als Universität beschäftigt: die Selbstverständlichkeit der täglichen Berührung mit Mozart umzulegen in ein Staunen, was Mozart nun eigentlich ist: ein Europäer, ein bereitwilliger Schüler, ein Rebell, der sich im Umbruch der gesellschaftlichen Entwicklung für die Freiheit entscheidet, ein Kenner der italienischen Oper, ein gläubiger Mensch, ein ausfälliger Wirtshauskumpane - also all das ist Mozart und wenn man jetzt die Quellen anlässlich eines Jahres wie diesem neu liest, dann ergibt das Potenzial für eine Universität, sich einige Jahre wieder mit neuem Blick der Thematik zu widmen.

Mozart als fester Teil des Lehrplans

Das Mozarteum fördert und bildet heute besonders begabte Musiker aus. Inwiefern ist denn der Name der Hochschule leitend für die Lehre?

Wir haben drei Profil bildende Schlagworte in unserem Entwicklungsplan: Neben Salzburg und Exzellenz ist das Mozart. Er ist im Kanon unserer Ausbildung ein wesentlicher Teil und überall verpflichtend. Obwohl wir eine Universität sind, die Stile über 500 Jahre und mehr zu vermitteln hat, zeigt unser Entwicklungsplan, dass wir in jeder Abteilung, in jedem künstlerischen Instrument und auch sogar in den anderen Sparten, an die man vielleicht gar nicht sofort denken würde, wie Bühnenbild oder Bühnenkunst, das Gesamtkunstwerk Mozart bedenken.

Mozartboom im Osten

Was sind das für Menschen, die am Mozarteum studieren? Woher kommen sie?

Die Studenten, die zu uns kommen, sind in den künstlerischen Klassen zu 90 Prozent Ausländer und machen auch in den pädagogischen Studien immerhin etwa ein Drittel aus. Das heißt, wir müssen uns einerseits fragen, was wollen etwa die Chinesen, die zu uns kommen, was wollen die Studenten die aus Russland kommen, was wollen die aus der Bundesrepublik? Auf der anderen Seite müssen wir auch deutlich machen, was wir geben können und wovon wir überzeugt sind. Viele der chinesischen und asiatischen Studenten etwa kommen mit fehlendem Verständnis, was sie hier in Europa erwarten können, zu uns.

Wie wird Mozart denn in weit entfernten Gegenden wie Nordamerika oder gerade auch in China wahrgenommen? Gibt es Weltgegenden, in denen Mozart besonders stark antizipiert wird?

Die Öffnung der Universitäten in Richtung China ist eine sehr neue Tendenz. Wir sehen jetzt, dass es in China einen besonders hohen Anteil an Klavier- und Geigenspielern gibt. Mit Nordamerika stehen wir leider in nicht sehr starker Interaktion. Es ist also eher der Ferne Osten und Osteuropa, wo Mozart viel gespielt wird.

Viele verbinden vor allem klassische Musik mit Europa

Wie erklären sich dieses starke Interesse der Osteuropäer und Chinesen an Mozart?

Xiaos Weg

Ausdruck europäischer Kultur: Millionen Chinesen wollen heute Mozart spielen.

Die Öffnung hin zum Westen ist natürlich eine sehr attraktive Sache und das harmloseste Spielfeld der Öffnung ist immer die Kultur und der Sport. Und deshalb beginnen sich nun Millionen von Chinesen mit europäischer Musik auseinanderzusetzen. Und da sind die Multiplikatoren, die europäische Musik vertreten, nun einmal nicht Avantgarde oder Pop, sondern für diese Leute, die eine Schule besuchen und eine musikalische Ausbildung erhalten, doch unsere Klassiker und Romantiker. Gleichzeitig gibt es in der Zeit, in der sich ein Land nach Außen öffnet, eine starke Ignoranz gegenüber der eigenen Tradition. Die chinesische oder japanische Musik ist für uns eine hochinteressante Quelle der Inspiration, die Chinesen selber werden wohl aber fürs Erste ihre Oper gering schätzen - zu Unrecht.

Debatten über Mozart erwünscht

Sie wollen im Jubiläumsjahr eine Brücke zwischen Traditionsbewahrung und zeitgenössischer Kultur schlagen. Können sie uns ein Beispiel geben, wie das funktionieren soll?

Die Brücke zum zeitgenössischen findet sich zunächst einmal in der Pädagogik, wo wir eine sehr ausgeprägte Informationskampagne für Schüler und die Öffentlichkeit veranstalten, damit sie die Konzerte besuchen. Zum anderen wollen wir auch weniger bekannte Werke, wie die frühen Opern und die Singspiele in Verbindung mit den Festspielen an die Seite der großen Opern stellen.

Außerdem soll auch durch die Gründung von Instituten, die sich einerseits mit der Rezeptionsforschung und andererseits explizit mit den Mozart-Opern beschäftigen, eine Debatte belebt werden. Ist Mozart nun ein moderner Komponist, den man mit den Mitteln der Romantik umsetzen kann oder ist er eher dem Sektor der Alten Musik zugeneigt? Was würde Mozart heute tun, würde er rocken, würde er in der Popmusik gehen, wo würde er sozial stehen? Wir wollen die divergierenden Meinungen zu Mozart in Salzburg hören und nicht ein einheitliches Bild vermitteln.

Professor Gottfried Holzer-Graf ist Vize-Rektor für die Lehre an der Universität Mozarteum in Salzburg. Er lehrt dort seit 1974, zuletzt in Veranstaltungen zu Improvisation, Generalbass, Didaktik und Orgel.

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