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Welt

Der Opfer gedenken, für Demokratie kämpfen

Zum Jahrestag der Gezi-Proteste gingen die Menschen in Istanbul wieder auf die Straßen, unter ihnen der Journalist Özgür Gürbüz. Er sagt, das Demokratie-Verständnis der Türken habe sich im letzten Jahr radikal geändert.

DW: Warum sind Sie am Jahrestag der Gezi-Proteste auf die Straße?

Gürbüz: Für uns alle ist das ein wichtiger Tag, um an die Freunde zu denken,

die wir bei den Protesten verloren haben

. Sie haben für mehr Demokratie und Transparenz in der Türkei gekämpft und wurden deswegen getötet, einige von ihnen von der Polizei. Erst kürzlich wurde wieder ein unschuldiger Mann, ein Alevit, vor einem Gebetshaus von einer Kugel aus einer Polizeiwaffe getötet. Wir schulden es ihnen einfach, hier zu sein.

Polizisten am Gezi-Park am 31. Mai (Foto: dpa)

Die Polizei riegelt den Gezi-Park ab, Erdogan warnt vor einer Teilnahme an den Demonstrationen

Das Positive an den Protesten ist ja: Der Gezi-Park ist immer noch ein Park. Er ist nicht einem Shoppingcenter gewichen, wie das geplant war. Wir haben es also geschafft, den Park zu retten. Dass wir wieder zusammenkommen, ist auch ein Signal an die Regierung, dass, wenn sie erneut irgendetwas mit dem Park plant, sie uns wieder auf den Straßen sehen wird. Die Menschen protestieren aber aus allen möglichen Gründen. Die Aleviten etwa kämpfen für mehr Akzeptanz, andere für den Erhalt der Türkei als säkularen Staat.

Die Polizei hat bereits im Vorfeld versucht, größere Proteste zu verhindern. Wie haben Sie die Polizeipräsenz vor den Demonstrationen wahrgenommen?

Um den Platz herum waren viele Polizisten postiert, in zivil und in Uniform. Ich wohne etwa 25 Minuten zu Fuß vom Taksim-Platz entfernt und habe unterwegs etwa hundert große Busse der Polizei gesehen. Zudem waren Polizisten in zivil auch in Geschäften und Hotellobbys unterwegs. Die öffentlichen Transportmittel, etwa die Fähre, die die beiden Teile Istanbuls verbindet, sind gesperrt worden, auch die U-Bahn.

Auf welche Veränderungen in der Türkei hoffen Sie?

Die Türkei hat sich im vergangenen Jahr bereits sehr verändert: Die Menschen verlassen sich nicht mehr nur auf Wahlen. Sie gehen raus, kämpfen auf der Straße für ihre Rechte. Es gibt Diskussionsforen in den Parks, die Menschen halten Versammlungen in ihren Vierteln ab. Das Demokratie-Verständnis hat sich radikal geändert. Früher sind wir nur zum Wahllokal gegangen und haben gehofft, dass wir die Zukunft unseres Landes durch unser Votum bestimmen können. Jetzt haben die Menschen das Gefühl, aktiv werden zu müssen, um mehr Demokratie zu bekommen.

Erwarten Sie auch Veränderungen auf politischer Ebene?

Man geht ja nicht auf die Straße, ohne eine Hoffnung zu haben. Seit ich denken kann, habe ich die Hoffnung, dass sich in der Türkei auch politisch etwas verändert - früher oder später wird das auch passieren. Vielleicht auch früher: Die schnelle Verbreitung von Informationen über das Internet, vor allem über soziale Medien, verändert alles.

Niemand hätte es vor zwei Jahren für möglich gehalten, dass sich die türkische Gesellschaft so wandeln würde. Im kommenden Jahr sind Parlamentswahlen. Vielleicht sehen wir da das Ende der AKP [Partei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, Amn. d. Red.], vielleicht braucht es aber auch weitere Wahlen. Auf jeden Fall hat sich die Idee, dass ein Land allein von einem Mann regiert wird, überlebt.

Özgür Gürbüz ist Journalist. Er hat viele Jahre bei Greenpeace gearbeitet und sich unter anderem gegen den Bau von Atomkraftwerken in der Türkei engagiert. Außerdem hat er an den Gezi-Park-Protesten im vergangenen Jahr teilgenommen.

Das Gespräch führte Jennifer Fraczek.

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