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Gedanken zur Woche

Der normalste Ort der Welt

Schlösser an einem Brückengeländer können nerven.Doch manchmal sind sie ein starkes Zeichen für das, was eine Brücke sein soll. Für die Evangelische Kirche berichtet Klaus Möllering von einer Brücke in der Stadt Berlin.

Alles ganz normal
Auf den ersten Blick wirkt sie wie der normalste Ort der Welt: Eine Brücke am Rande Berlins, die über eine Wasserstraße führt. Ab und an fährt ein Frachtschiff unter der Brücke hindurch, an den Wochenenden sind es die Motorboote der Freizeitkapitäne, die unterwegs sind zu den nahen Seen. Und über die Brücke fließt der Verkehr, früh am morgen pendeln die meisten zur Arbeit hinein nach Berlin, am Nachmittag kommen sie zurück aus der Stadt; zwischendurch Lieferwagen, Handwerker, Radfahrer. Nein, auf den ersten Blick ist wirklich nichts Auffälliges an dieser nüchternen, zweckmäßigen Brücke über den Teltowkanal, die den früheren Osten mit dem ehemaligen West-Berlin verbindet.

Niemands Land
Bis vor einem Vierteljahrhundert ging hier allerdings gar nichts mehr. Hier war bis 1989 die Welt zu Ende. Hier ging nichts mehr, hier traf allenfalls die Machtlosigkeit des Westens auf die Todesgrenze des Ostens. Und auch als die Mauer endlich fiel und die Grenze scheinbar verschwand, war dies noch lange eine Gegend voller Trostlosigkeit. Niemandsland. Auch wer den ehemaligen Riss durch unser Land nicht mehr spürte, konnte den Gedenkstein am einen Ufer und die zwei Stelen am anderen Ufer nicht übersehen. Sie erinnerten an Flüchtlinge, die beim Versuch, durch den Kanal zu schwimmen, ihr Leben gelassen hatten. Ja, lange Zeit war dies nur ein Platz zum Seufzen – eine Seufzerbrücke war sie, wenn auch etwas anders als bei dem berühmten alten Brückenbau in Venedig. Denn diese Berliner Brücke war eine, die nichts miteinander verband, sondern die Menschen trennte, die hier nicht weiter, schon gar nicht zueinander kamen.

Seufzerbrücke
Wenn ich dagegen heute über diese Brücke fahre, finde ich einen neuen, einen anderen Grund, sie weiterhin „Seufzerbrücke“ zu nennen – nun mit einem Seufzer der Erleichterung. Denn auf dieser Brücke mit ihrer unheilvollen Geschichte kann ich beobachten, wie die Vergangenheit allmählich vergeht. Dass sich diese Brücke nun für die Zukunft öffnet, ist nämlich ausgerechnet an den Schlössern zu beobachten, die seit ein, zwei Jahren im Drahtgitter des Brückengeländers hängen. Erst waren es ein, zwei auf jeder Seite, noch etwas unscheinbar; aber dann kamen immer mehr hinzu –mal rot oder auch schlicht schwarz lackiert, mal rostig und mal aus blankem Messing. Nein, es ist noch lange keine solche Plage wie an den Brücken der Innenstädte in Venedig, Paris, Rom oder auch in Berlins Mitte, wo die vielen Touristen Schlösser zu Massen an die Brückengeländer hängen. Eine Mode der Verliebten, die manchmal geradezu zur Plage werden kann – vor einiger Zeit konnte man lesen, dass ein Geländer auf der berühmten Pont Neuf in Paris sogar unter dieser Last nachgegeben hatte und in die Seine gestürzt war. Die unscheinbare Brücke über den Teltowkanal ist davon zum Glück noch weit entfernt.

Zusammenhalten
Ich finde es ganz ermutigend, dass eben auch hier manchmal so wie anderswo das eine oder andere Paar über die Brücke spaziert und in ihr nichts mehr von früher sieht. Nur zwei Menschen, die über das Wasser hinweg mit verliebten Augen in den Sonnenuntergang schauen, an nichts denken als an ihre romantischen Gefühle. Die darauf hoffen, dass diese so ewig halten wie das Schlösschen, das sie dann wie einen Treueschwur ins Geländer hängen, bevor sie den Schlüssel dazu in hohem Bogen ins Wasser werfen. Als Sehnsuchtssymbol, dass ihre Liebe alles zusammenhalten wird. Auch darin zeigt diese Brücke doch wieder ihren eigentlichen Zweck, nämlich Menschen zu verbinden - hoffentlich für immer und ewig.
Ja, wie hoffnungsvoll: Endlich, ein Vierteljahrhundert, nachdem diese Grenze verschwand, sehen Liebende hier nichts weiter als eine Brücke, die ein Ost- und ein Westufer verbindet, indem sie einen Kanal überwindet. Sie spüren nichts sonst als ihr Sommer- und Liebesglück. Es braucht manchmal nur einen liebevollen Blick, um diese glückliche Seite der Welt zu sehen – so als wäre sie das Normalste der Welt.

Pfarrer Klaus Möllering Berlin

Pfarrer Klaus Möllering

Zum Autor:
Klaus Möllering (Jahrgang 1953) arbeitet seit 2009 als Pfarrer und Seelsorger im Seniorenwohnstift Augustinum in Kleinmachnow bei Berlin. Seit vielen Jahren ist er Autor kirchlicher Radio- und Fernsehsendungen. Denn er war ab 1986 zunächst acht Jahre als evangelischer Beauftragter beim WDR tätig, danach zwölf Jahre als Beauftragter für Deutschlandradio und Deutsche Welle. Von 2007 bis 2008 leitete er in Berlin die Evangelische Medienakademie und die Evangelische Journalistenschule. Klaus Möllering ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und eine reizende Enkeltochter.


Redaktionelle Verantwortung: Pfarrer Frank-Michael Theuer