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Wirtschaft

Der Niedergang des Handwerks

In München findet zurzeit die 58. Internationale Handwerksmesse statt. Der Branche geht es nicht gerade gut, im vergangenen Jahr gingen 3,6 Prozent der Arbeitsplätze verloren.

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Ein Tischler bei der Arbeit

Warum teure Handwerker beauftragen, wenn es selbst viel günstiger geht? Das denken die Kunden, die sich in einem Münchener Baumarkt mit Lacken und Pinseln eindecken. Vor dem Regal mit den Farben steht ein junger Mann. Seine Wände hat er selbst gestrichen, ein Handwerker wäre nicht in Frage gekommen. "Ja, das geht doch gar nicht - das kann man sich nicht leisten", sagt er. "Außerdem kennt man ja genug Leute, die das gerne machen würden, die das schon tausend Mal gemacht haben oder eben Handwerker geworden sind, die das können. Und der wird es mir bestimmt so machen."

Steuern und Sozialabgaben als Hauptfaktor

Baumarkt in Deutschland Praktiker Baumarkt

Baumarkt in Köln

"So machen", das heißt ohne Rechnung, "schwarz", illegal. Ein großer Teil der Handwerkskosten sind Steuern und Sozialabgaben. Bei einer Handwerksstunde von durchschnittlich von 43 Euro entfallen fast 6 Euro auf die Mehrwertsteuer. Etwa 12 Euro gehen weg für Sozialaufwendungen, das ist der Arbeitgeberanteil der Kranken- und Rentenversicherung oder das Urlaubsgeld. Dann sind da noch die so genannten betrieblichen Gemeinkosten. 13 Euro entfallen auf Miete, Heizung, Werbung oder Kosten für das Auto. Gerade mal 12,50 Euro - also nicht einmal ein Drittel - landet als Bruttolohn in der Tasche des Arbeitnehmers. Netto, also abzüglich seiner Sozialabgaben, bleibt dem Handwerker nicht mehr viel von den 43 Euro. Doch das ist der Betrag, der für die Kunden zählt.

Der Münchener Malermeister Raimund Müller wagt schon gar nicht mehr, so viel pro Stunden abzurechnen. Er kalkuliert seine Aufträge so knapp, dass er nur noch Gewinn macht, wenn seine Mitarbeiter besonders schnell arbeiten. Den Preisdruck gibt er direkt weiter. "Man muss ja schauen", sagt er. Es würde von dem Mitarbeiter eben generell immer mehr Leistung bei der Arbeit gefordert. "Kann er dem nicht mehr standhalten, ist er arbeitslos. Und auch wenn jemand älter ist, haben wir auch ein Problem damit."

Arbeitsplatzverluste bei geringem Wachstum

Auch wenn das Handwerk für dieses Jahr ein geringes Wachstum von einem Prozent erwartet, werden trotzdem rund 70.000 Arbeitsplätze wegfallen, schätzt der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Otto Kentzler. Heute gibt es noch knapp fünf Millionen Stellen in fast 900.000 Betrieben. Der Schwund hält seit zehn Jahren an. Kentzlers Forderung: Die Lohnnebenkosten müssen sinken, damit die Arbeit wieder billiger wird. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 19 Prozent macht die Handwerksstunde jedoch noch teurer. "Das ist absolut kontraproduktiv", sagt Kentzler. "Das haben wir der Regierung auch immer wieder klargemacht."

Einige Maßnahmen der Bundesregierung begrüßt der Handwerkspräsident aber auch. Wer etwa seine Immobilie saniert, bekommt künftig zinsgünstige Darlehen, geplant sind auch Zuschüsse. Außerdem können Privatleute bis zu 600 Euro jährlich von der Handwerksleistung steuerlich absetzen. Auch wenn das den Handwerker günstiger macht, für jeden dürfte er dann noch immer nicht erschwinglich sein.

"Also, da mache ich es lieber selber und es ist nicht so perfekt. Aber es ist wirklich nur eine Geldfrage", sagt etwa einen Münchenerin, die ihre Wohnung komplett selbst gestrichen hat. Hätte sie eine schöne, perfekt eingerichtete Wohnung, würde sie sicher auch die Wände professionell streichen lassen. "Aber bei mir bewegt sich das alles eher in einem mittleren Segment, würde ich mal sagen. Und das wäre mir zu viel Geld, ganz ehrlich."

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