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Politik & Gesellschaft

Der neue Wunsch nach Transparenz

Innerhalb weniger Tage wurden zwei historische Untersuchungen zur NS-Zeit vorgestellt. Sie beschäftigen sich beide mit der braunen Vergangenheit von deutschen Unternehmen - darunter der Modehersteller Hugo Boss.

Der Schriftzug des Modeproduzenten Hugo Boss AG Foto: Daniel Kopatsch/dapd

Auch Hugo Boss nutzte die NS-Zeit, um seinen Profit zu steigern

Bemerkenswert daran: kein investigativer Journalist brachte da Verstecktes zu Tage, sondern beide Studien wurden von den Unternehmen selbst in Auftrag gegeben. Unabhängige Historiker erhielten Einsicht in Firmenarchive und konnten so ein objektives Bild der Vergangenheit recherchieren.

Hugo Boss – Uniformen für die Wehrmacht

Hugo Boss, NSDAP Mitgliedsausweis; Copyright: Bundesarchiv Berlin

Hugo Boss in seinem NSDAP Mitgliedsausweis 1932

Transparenz habe man schaffen wollen, sagt Hjördis Kettenbach, Sprecherin des Modeunternehmens Hugo Boss auf Anfrage von DW-WORLD.DE. Schon Ende der 90er Jahre war das Unternehmen im Zuge der Diskussion um Zwangsarbeiterentschädigungen mit Vorwürfen konfrontiert worden, der Firmengründer Hugo Boss sei durch nationalsozialistische Protektion und den Einsatz von Zwangsarbeitern aufgestiegen.

Daraufhin beauftragte das Unternehmen, das damals schon nicht mehr im Besitz der Familie Boss bzw. der Erben war, eine Historikerin mit der Überprüfung dieser Vorwürfe. Die unveröffentlichte Kurz-Studie von Elisabeth Timm führte dazu, dass das Unternehmen sich an dem Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter beteiligte, der im Jahre 2000 von der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft angelegt worden war.

Und die börsennotierte Modemarke legte noch nach: Über die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte beauftragte sie den Wirtschafts-Historiker Roman Köster, eine umfassende Untersuchung der Firma Boss im baden-württembergischen Metzingen anzufertigen, von der Gründung 1924 bis zum Entnazifizierungsverfahren des Firmengründers, der 1948 verstarb.

Angehörige der SS bei einer Großkundgebung im Berliner Sportpalast 1943; Copyright: Deutsches Bundesarchiv

Nicht nur für die Wehrmacht, auch für die Waffen-SS stellte Hugo Boss Uniformen her

Roman Köster legte nun eine 117-seitige Abhandlung vor, die zu dem Schluss kommt, Hugo Boss habe nachweislich vom Nationalsozialismus profitiert. Durch seine Spezialisierung auf die Herstellung von Uniformen und durch das Einsetzen von Zwangsarbeitern sei ihm der Aufstieg von einem Kleinunternehmer zum Mittelständer gelungen. Boss sei überzeugter Nationalsozialist gewesen, schon 1931 in die Partei eingetreten. Ihn allerdings als "Hitlers Schneider" zu bezeichnen, sei übertrieben: das Unternehmen Hugo Boss sei ein Fertigungsbetrieb unter vielen gewesen.

Man habe sich vonseiten der Firmenleitung entschlossen, den Namen Hugo Boss weiter zu führen, sagt Kettenbach. Damit sei aber auch die Verpflichtung verbunden, sich der Firmen-Vergangenheit zu stellen: "Unser Wunsch war ja auch, durch eine objektive Studie zu sagen, schaut her, das hat damals stattgefunden, wir bedauern das auch. Heute sind wir aber dieser Konzern und da bitten wir auch um ein differenzierteres Bild."

Die Quandts – Braune Vergangenheit und Familientraumata

Die Chefin der Quandt Group, Johanna Quandt und ihr Sohn Stefan Quandt gehen am Mittwoch, 17. Oktober 2007 in Muenchen zur Einweihung der BMW Welt. AP Photo/Diether Endlicher)

Der Enkel von Günther Quandt, Stefan Quandt mit seiner Mutter Johanna Quandt 2007

Ein Fernsehfilm brachte 2007 den Stein ins Rollen: "Das Schweigen der Quandts" hatten die Autoren ihre Dokumentation genannt. Darin wurde Günther Quandt – der erste Ehemann von Magda Goebbels – als unmoralischer Ausbeuter gezeigt, der KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter benutzte, um ein Firmenimperium zu schaffen, das noch heute besteht. Die Familie hält große Anteile unter anderem an dem Autohersteller BMW und dem Chemiekonzern Altana.

Die Enkel von Günther Quandt entschlossen sich, das Schweigen zu brechen und beauftragten den Bonner Historiker Joachim Scholtyseck mit der Aufarbeitung der Familienvergangenheit. Dazu öffneten sie erstmals auch das Firmenarchiv.

Nach vier Jahren legte Scholtyseck nun die Ergebnisse seiner Untersuchungen vor. Ergebnisse, die die Verstrickung der Unternehmerfamilie in das nationalsozialistische Regime deutlich belegen. Zwar seien die Quandts schon vor 1933 reich und erfolgreich gewesen, als Rüstungs-Unternehmer habe Günther Quandt aber aktiv an Verbrechen der Nationalsozialisten teilgenommen.

In einem Lager für zur Zwangsarbeit verschleppte Polen in Deutschland. Bestand: Bild 183 - Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst - Zentralbild

In einem Lager für zur Zwangsarbeit verschleppte Polen in Deutschland

Rund 50.000 Zwangsarbeiter beschäftigte er während des Zweiten Weltkrieges, teilweise auch KZ-Häftlinge. Auch bei der Übernahme von Unternehmen aus jüdischem Besitz griff Quandt skrupellos zu.

Als "schmerzhaft" bezeichneten die Auftraggeber in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" die Wahrheiten, die in dem Bericht über ihren Großvater und auch Vater ans Licht kamen. Als Zeichen der neuen Transparenz und Offenheit der Familie übergaben die Enkel Teile des Firmenarchivs an das Hessische Wirtschaftsarchiv.

Auswärtiges Amt - aktiv an Holocaust beteiligt

German Foreign Minister Guido Westerwelle, center, receives a report by four historians, Peter Hayes, Eckart Conze, Moshe Zimmermann, and Norbert Frei, from left, about the Foreign Ministry's Nazi past in Berlin, Germany, on Thursday, Oct. 28, 2010. (AP Photo/Markus Schreiber)

Übergabe der Studie zum Auswärtigen Amt vor einem Jahr

Doch nicht nur Familienunternehmen setzen sich zunehmend mit der NS-Vergangenheit auseinander: Vor rund einem Jahr, im Oktober 2010, stellte eine internationale Historikerkommission die Ergebnisse einer Studie vor, die die Beteiligung des Auswärtigen Amtes an der systematischen Ermordung der europäischen Juden belegte. In Auftrag gegeben hatte sie 2005 der damalige Bundesminister des Auswärtigen, Joschka Fischer.

Das Auswärtige Amt, stellte die Studie fest, war aktiv an der verbrecherischen Politik des selbsternannten Dritten Reiches beteiligt. Bundesaußenminister Guido Westerwelle würdigte 2010 die Arbeit als wichtigen Schritt zur "Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels unserer deutschen Vergangenheit" und fügte hinzu: "Transparenz und Offenheit konnten das Verdrängen, das Verschweigen und auch das Vertuschen nur schrittweise überwinden."

Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes scheint eine neue, größere Bereitschaft gewachsen zu sein, sich der eigenen braunen Vergangenheit zu stellen.

Autorin: Rachel Gessat
Redaktion: Sabine Faber

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