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Wagner 200

Der neue "Ring" in Bayreuth: Tagebuch, 4. Teil

Die Regie ein Ärgernis, die Musik eine Offenbarung: Die Zielvorgabe bei den Wagnerfestspielen ist damit erreicht worden, findet Rick Fulker: Der Castorf-Petrenko-"Ring" wird uns noch lange beschäftigen.

Rick Fulker untersucht Festigkeit der Fassade während der Renovierung des Festspielhauses in Bayreuth (Foto: Anastassia Boutsko/ DW)

Festspielhauses in Bayreuth

"So was habe ich noch nie erlebt!" war der am häufigsten gehörte Satz im Zuschauerraum.

Bei einem neuen Bayreuther "Ring" ist es Tradition, dass der Regisseur sich erst nach der "Götterdämmerung" vor den Vorhang tritt und sich dem Publikumsurteil stellt. Der Moment kommt, auf den alle gewartet haben. Frank Castorf und sein Regieteam treten hervor. Eine noch nie gehörte Kaskade von Buhs, Schreien und Zwischenrufen poltert auf sie los. Castorf lächelt gnädig - und bleibt stehen. Tippt mal mit dem Zeigefinger auf seine Stirn, als will er sagen: "Seid ihr alle blöd?" Diese Beleidigung steigert das höllische Gebrüll noch mehr. Bewegungslos, leicht nach vorne geneigt, süffisant lächelnd: Castorf bleibt stehen. Selbst dann, wenn der Vorhang sich öffnet, damit Chor, Orchester und alle an der Produktion Beteiligten Ovationen entgegennehmen können. Als ob er sagen will: "Um mich geht es hier allein." Sogar der großartige Dirigent Kirill Petrenko und seine Musiker müssen Buhrufe mit der Regie teilen. Ganze fünf Minuten lang. Weil Castorf nicht geht, steht das Publikum selber auf und fängt an, den Saal zu verlassen. Mir wird jetzt ein bisschen schlecht im Bauch.

Regisseur Frank Castorf in Bayreuth beim Dreh mit dem DW-Team (Foto: DW/ A.Boutsko)

Theaterregisseur Frank Castorf

Dass nach vier Tagen und sechzehn Stunden Musik das Publikum endlich dran ist, erklärt die Emotionalität des Augenblicks. Diese Emotion war aber der blanke Hass. Zwanzig Minuten dauerte das "Nachprogramm" zur diesjährigen Neuinszenierung von Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" bei den Bayreuther Festspielen. Deshalb gehe ich hier so ausführlich darauf ein. Jetzt hat Bayreuth seinen Skandal. Und wie mir es scheint, muss das das oberste Ziel der Festivalleitung gewesen sein.

Geschichte geschrieben

Dabei war das Ganze gar nicht so schlecht. Ich habe applaudiert - auch für die Regie. Dazu gehören Aleksandar Denic, der Bühnenbilder von großer Poesie und nachhaltigem Eindruck geschaffen hat, Adriana Braga Petretzki als Kostümdesignerin und Andreas Deinert, der für die fantastischen Videos zuständig war. Von den Musikern ganz zu schweigen.

Kirill Petrenko hat bei seinem Bayreuth-Debüt einen "Ring" abgeliefert, der alle anderen, die ich hier gehört habe - und das sind vier - in den Schatten stellt. Petrenko vereint in sich die musikalische Rhetorik eines Christian Thielemann, die Klangschönheit eines James Levine und die laserscharfe Präzision eines Giuseppe Sinopoli. Und dieser Teufelskerl, so mein Gefühl, hat sogar noch Spielraum nach oben. Ja, er schafft den "großen Bogen", verdeutlicht aber auch die Brüche und Gegensätze in Wagners Musik. Und das passt wiederum zur Regie.

Diffuser "Ring"

Zur Szene eine kleine Rückschau: Im "Rheingold" waren es ein Motel und eine Tankstelle in Texas. Bei der "Walküre" Ölförderung und Revolution der Bolschewiki in Baku. "Siegfried" zeigte einerseits Mount Rushmore mit Ostblockhelden, andererseits den Berliner Alexanderplatz zu DDR-Zeiten. Jetzt zur "Götterdämmerung" ein großer alter Backsteinbau, teils Kirche, teils Industrieanlage, Dönerbude und Krimskramsladen inklusiv. Die Bühne dreht sich, um eine große, eingepackte Struktur zu offenbaren. Nicht der Reichstag wurde hier eingepackt, sondern die New York Stock Exchange. Zwischendurch: "VEB Chemische Werke - Plaste und Elaste aus Schkopau" in großen leuchtenden Buchstaben. Spätkapitalismuskritik? Geschichte der Ölförderung? Ostalgie-Ring? Das wäre zu weit gegriffen, denn Frank Castorf erzählt gar keine Geschichte, auch keine Gegengeschichte.

Rätselhafte Momente

Mann sitzt am Bayreuther Festspielhügel vor Wagner-Statuen (Foto: Rick Fulker/ DW)27.7.2013

Was wird sich wohl da drinnen abspielen?

In der "Götterdämmerung" etwa verabschiedet sich Siegfried von Brünnhilde und singt: "Zu neuen Taten!" Dann legt er sich aber auf eine Bank. Warum? Nachdem Hagen (wahrlich dämonisch in der Rolle: der koreanische Bassist Attila Jun) brutalste Morde an Siegfried und Günter begangen hat, segelt er auf einem kleinen Boot friedlich davon. Wieder: Warum? Jeder, der sich über Sinn und Unsinn der Inszenierung Gedanken macht, wird, glaube ich, von Frank Castorf verachtet. Das ist das Ärgernis dieses "Rings". Dabei enthält er auch so viel Interessantes und Schönes, etwa die Statisten und die Videosequenzen. Ich fühle mich veräppelt - um nicht einen stärkeren Ausdruck zu gebrauchen.

Anarchisch und brüchig sind die Einfälle des Regisseurs. Konsequenz scheint das einzige zu sein, wovor er sich fürchtet. Vielleicht aber auch vor dem "Ring" selbst. Jedenfalls dürfte es niemanden mehr geben, der fordert, dass in Bayreuth endlich etwas Neues gezeigt wird.

Nachklang im Kopf

Ich verabschiede mich jetzt von der Wagnerstadt mit großartigen Wagnerklängen im Kopf. Rechtzeitig auch, denn die kühlenden Wolken der letzten drei Tage weichen einem stahlblauen Himmel und brüllend heißen Temperaturen.

Doch noch ein letztes Wort: Ich glaube, wir haben die Geburt einer großartigen neuen Brünnhilde erlebt. Die sympathische englische Sopranistin Catherine Foster wird sich, so meine Prognose, an den ganz großen Wagner-Sängerinnen wie Kirstin Flagstadt oder Birgit Nilsson messen lassen können. Was auch immer auf der Bühne geschieht.

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