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Amerika

Der neue Goldrausch in den USA

Kreditkrise, Rezessionsfurcht, Inflationsangst - davon profitiert eine Geldanlage, die lange ein Nischendasein führte: die USA erleben einen neuen Goldrausch, Schürfen ist wieder Teil des "American Dream".

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Der San Gabriel River, 50 Meilen nördlich von Los Angeles. Bernie McGrath steht im Flussbett und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Dann greift der 74 jährige in eine Plastikschüssel, die er zum Auswaschen benutzt hat. Diesmal hat er Glück. Nur Sand rinnt durch seine Finger - kein einziges, glitzerndes Flöckchen. Denn für Mc Grath ist Gold wie der Teufel, wie eine Sucht, wie Heroin: "Du willst immer mehr davon. Siehst du das Geröll da hinten? Darunter befindet sich eine ganze Ader, ich weiß es, denn es ist die Stelle, wo das Wasser am langsamsten strömt. Wenn du hier fündig werden willst, musst du den Fluss kennen!"

Seit 20 Jahren sucht Bernie im San Gabriel River nach Gold. Bislang hat er dem Boden ungefähr 500 daumengrosse Nuggets abgetrotzt. Die schönsten Exemplare bewahrt er in seinem Wohnmobil auf: Versteckt in einem Glaskasten unter der Matratze, gleich neben der Revolversammlung – aus Angst vor Dieben: "Bisher lassen sie mich in Ruhe, denn sie wissen, dass ich zurückschieße! Du musst zäh sein für die Goldsuche. Einmal ist dieser riesige Felsen über mir zusammengebrochen, ich habe so lange darunter gelegen, dass mein Körper schon ganz schwarz war!"

Als Bernie mit dem Schürfen begann, war die Feinunze rund 300 Dollar wert. Inzwischen hat sich der Preis verdreifacht. Deshalb wird es immer geschäftiger am San Gabriel River. An die 50 Menschen haben sich an diesem Wochenende eingefunden. Überall liegen Pumpen im Wasser, deren Schläuche unter Hochdruck stehen, um die Erde aufzuwühlen .

Wo liegt der Tresor von "Eldoradoville"?

Goldrausch in den USA

Rick Martin hat Tausende von Dollar in seine Ausrüstung investiert. Für den Autoverkäufer ist die Goldsuche eine Überlebensfrage. Seine Geschäfte laufen schlecht. Klagen kriegt man von dem Mittvierziger jedoch nicht zu hören. Nach dem Beispiel seiner Vorfahren will er die schwere Wirtschaftskrise nicht einfach hinnehmen, sondern selber die Ärmel hochkrempeln: "Wir Goldgräber sind genau so robust wie die Pioniere, die damals unser Land erschlossen haben! Wir sind ehrliche Kerle: Wenn mein Kumpel sein Werkzeug irgendwo ablegt, fange ich nicht an, am selben Platz zu graben!" Dabei gehe es nicht nur ums Geld, versichert Martin: "Es ist auch diese unvergleichliche Erfahrung, dass du dem Boden etwas ablocken kannst, das Millionen Jahre lang kein Sonnenlicht gesehen hat."

Um den Hals trägt Rick ein Nugget, das er im Norden Kaliforniens gekauft hat. Dort ist die Erde ergiebiger, aber dort braucht man auch eine Lizenz zum Schürfen. Laiengräber dürfen ihr Glück in den USA nur auf öffentlichem Land versuchen. Rick hat bislang nur Körner aus dem Boden geholt. Doch das bremst in nicht. Zu verlockend ist die Sage, von der die verwitterten Holzkreuze auf den umliegenden Bergen erzählen: "Ein bisschen weiter flussaufwärts gab es früher einen Ort, der 'Eldoradoville' hieß - genau so, wie das sagenhafte Goldland! 1883 hat eine Flutwelle dort alles zerstört, zahllose Menschen kamen dabei um. Aber der Tresor, wo sie ihre Funde drin aufbewahrten, wurde nie gefunden. Ich bin überzeugt, dass er irgendwo hier im Wasser liegt!"

Der spezielle kalifornische Mythos

Goldrausch in den USA

Alte Goldmine in Dawson City

Jeden Abend versammeln sich die Gräber am San Gabriel River zum Barbecue. Kaliforniens letzter Goldrausch liegt 160 Jahre zurück. 300.000 Glücksritter strömten damals wie die Besessenen an die US-amerikanische Westküste. Die sozialen Umwälzungen aus dieser Zeit prägen die USA bis heute, sinniert Pat Keene , der auf einem umgestülpten Bierkasten sitzt: "Anfangs herrschte hier die protestantische Einstellung vor, die besagt, dass jeder es schaffen kann, so lange er nur hart arbeitet. Dann aber gab es auf einmal diese Möglichkeit, über Nacht reich zu werden. Und viele erkannten, dass nicht jeder gleichermaßen belohnt wird. Der Goldrausch hat wirklich verändert, wie wir Amerikaner über Wohlstand denken."

Pat Keene muss es wissen, denn er gehört zur Gold Prospectors Association of America. Der Interessenverband zählt heute dreimal mehr Mitglieder als noch vor wenigen Jahren. Alleine 2008 kamen jeden Tag bis zu 250 neue Goldsucher hinzu. Für Keene hat das vor allem mit dem kalifornischen Selbstverständnis zu tun: "Besonders in Kalifornien leben wir alle mit dieser Idee, dass du dich hier jederzeit neu erfinden kannst. Die einen versuchen es in Hollywood, andere mit einer Internetfirma im Silicon Valley, und wir eben mit der Schürferei! Natürlich schaffen es nur die wenigsten von uns, aber es ist eben dieser Mythos!"

Gold rostet und vergeht nicht: Im Gegensatz zu Aktienkursen und Papierwährungen. Auch der neuerliche Boom ist auf die Rarität des gelben Metalls zurückzuführen. Seit ihren Anfängen hat die Menschheit gerade mal 150 000 Tonnen gefördert: Das entspricht einem Würfel nicht grösser als ein Mehrfamilienhaus.