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Amerika

Der neue amerikanische Traum – Auswandern in den Süden

Zigtausende Mexikaner versuchen jedes Jahr illegal über die Grenze in die USA zu gelangen - um der Armut zu entfliehen. Gleichzeit wollen immer mehr US-Bürger ihren amerikanischen Traum in Mexiko verwirklichen.

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San Miguel de Allende ist zur Wahlheimat für tausende US-Bürger geworden

Vier Autostunden nördlich von Mexiko Stadt, zwischen staubigen Straßen und heruntergekommenen Barackensiedlungen vermutet niemand ein Mekka für US-Aussteiger. Die Kleinstadt San Miguel de Allende liegt in Guanajuato, einem der ärmsten Bundesstaaten Mexikos. Sie hat keinen Zugang zum Meer, liegt nicht mal an einem Fluss.


Trotzdem ist das Stadtzentrum ungewöhnlich herausgeputzt. Die Fassaden sind rot, gelb und ocker angestrichen. Von Balkonen herunter wuchern in leuchtendem Pink Blütenbüsche. Die engen Gassen mit Kopfsteinpflaster sind sauber, Polizisten stehen an jeder Ecke. Alles, damit sich die „Ex-Pats“ wohl fühlen, die „Expatriots“, Auswanderer wie Bonnie Philipps eine ist. Sie sitzt in einem Café im Schatten, trägt ein sonnengelbes, weites Leinenkleid mit mexikanischen Stickereien, große Ethno-Ohrringe und eine passende Kette aus Holz. Sie ist 64 Jahre alt, seit zehn Jahren hier und will nicht mehr zurück. In ihrer Heimat USA hatte sie sich schon lange nicht mehr wohl gefühlt. „Wenn Du älter wirst, spielst Du in der amerikanischen Ellbogengesellschaft keine Rolle mehr. Ich war geradezu unsichtbar.“


„Egal was Du sein willst – hier ist alles möglich!“

Mexikanische Idylle Gasse in San Miguel del Allende

Eine Gasse in San Miguel de Allende - die großen Autos der Neubürger aus den USA passen kaum in die engen Straßen der kolonialen Altstadt


In San Miguel de Allende aber erfand sie sich neu. So neu, dass sie gar nicht mehr über ihren alten Beruf sprechen mag. Hier in Mexiko arbeitet sie als abstrakte Malerin, entwirft Schmuck, übt sich im Ausdruckstanz. „Egal wer Du sein willst oder was Du tun willst – hier ist es möglich“ sagt sie und lächelt überlegen. Sie hat einen Weg gefunden, den amerikanischen Traum außerhalb der USA zu leben. Genau wie 4.000 weitere Landsleute, die dauerhaft nach San Miguel gezogen sind. Die vielen Touristen sind in dieser Ziffer nicht enthalten. Sie alle haben sich ausgerechnet die Wiege der mexikanischen Unabhängigkeit als Wahlheimat ausgesucht – San Miguel wurde nach dem Unabhängigkeitskämpfer Ignacio Allende benannt.


Heute ist das Stadtbild geprägt durch weiße Haare, denn fast alle Auswanderer sind Rentner. Das Leben in Mexiko ist deutlich günstiger, das Klima angenehm, und so ist San Miguel eine interessante Alternative zum Rentnerparadies Florida. „Allerdings ist das Leben hier eine echte Herausforderung!“ sagt Catherine Wilder. Sie ist 63 Jahre alt, manchmal arbeitet sie noch als Psychotherapeutin. Sie hat kurze weiße Haare und einen Nasenring, trägt eine fliederfarbene Weste aus grobem Flies. Ihre hellblauen Augen reißt sie immer wieder zur Bestätigung des Gesagten auf. Sie mag ihre mexikanischen Nachbarn – kann sich aber nicht mit ihnen unterhalten.


„Wenn die hier kein Englisch können, sterbe ich ja nicht gleich dran.“

Die Kirche von San Miguel del Allende

US-Zuwanderer bringen Geld in die Stadt: Die Kirche von San Miguel de Allende wird renoviert.


Sie hat es oft mit Spanischkursen versucht, wie sie sagt. Aber zu viel mehr als „Hola“ in einem Geschäft reicht es nicht. Ihr ist es egal. „Mein Gott, wenn ich was nicht kaufen kann, weil die mich nicht verstehen, ist das ja nicht so schlimm. Und wenn die mir was nicht reparieren, weil sie kein Englisch können, dann sterbe ich auch nicht dran.“ Catherine Wilder geht es da wie vielen anderen „Ex-Pats“. Ihr Spanisch reicht nicht, um Bekanntschaften oder Freundschaften mit Einheimischen zu schließen. Dennoch fehlt ihr nichts. Denn die Community der US-Auswanderer hält zusammen, sie bleiben untereinander. Die Mexikaner sehen sie als das an, was sie auch in den USA sind: Dienstleister.


„Die behandeln unsere Landsleute in den USA wie Fußabtreter!“


Viele der Einheimischen stört das. Sie halten die Gäste aus dem Norden für höflich, aber oberflächlich. „Nur sehr wenige von denen würden zulassen, dass wir je ihre Freunde werden“, sagt Barkeeper Paco. „Die ziehen da eine klare Grenze. Und wir haben natürlich auch Vorbehalte, denn wir wissen ja, dass die unsere Landsleute in den USA wie Fußabtreter behandeln.“ Dass die „Gringos“ in Mexiko mit ihrem Geld trotzdem alles haben können, ärgert ihn, aber er unterdrückt den Ärger. Denn er weiß auch, dass die Amerikaner die Wirtschaft ankurbeln. Sie gehen teuer essen, trinken Kaffee, kaufen ein. Und das schafft Arbeitsplätze, auch für ihn.

Aber es gibt Nachteile: Die Mexikaner aus San Miguel können es sich nicht mehr leisten, im Zentrum essen zu gehen. Sie können sich auch keine Häuser kaufen. Denn mittlerweile gibt es genauso viele Maklerbüros wie Restaurants. Die Preise sind in die Höhe geschossen, haben die Einheimischen aus dem Zentrum vertrieben.


Vorteile für San Miguel: Ehrenamtliche Arbeit der „Ex-Pats“

Malerin in San Miguel de Allende

Farbenfrohe Vorlage: die Altstadt von San Miguel de Allende ist zum beliebten Motiv für die Hobbymaler aus den USA geworden.


Auf der anderen Seite engagieren sich viele der Auswanderer ehrenamtlich, zum Beispiel für Bildung, Medizin, Umweltschutz. Viele arbeiten unentgeltlich in ähnlichen Berufen wie früher weiter, organisieren Kulturveranstaltungen, erteilen kostenlosen Englischunterricht. Das kommt auch den Menschen aus San Miguel zugute. Viele von ihnen sprechen mittlerweile passabel Englisch und machen mit Stipendien finanzierte Schulabschlüsse – und das im mexikanischen Bundesstaat Guanajuato, der mit zehn Prozent eine der höchsten Analphabetenquoten des Landes hat.


Es gibt zwei Migrationen – in den Norden und in den Süden


Auch Catherine Wilder will wenigstens dadurch helfen, dass sie in ihrem eigenen Land Aufklärung betreibt. „Alle sollen verstehen, dass hier zwei Migrationen stattfinden – in den Norden und in den Süden!“ Sie weiß, dass es die mexikanischen Einwanderer in den USA nicht leicht haben – obwohl viele von ihnen für eine Arbeit dort ihr Leben aufs Spiel setzen. „Wir Amerikaner kriegen zwar mehr auf die Reihe – aber wir können auch eine Menge von den Mexikanern lernen, was ihre menschliche Wärme angeht.“ Ein Klischee? „Ja, vielleicht“, sagt sie. Trotzdem wünscht sie sich zwei Dinge ganz besonders: Dass die USA ihre Angst vor den Einwanderern abbauen. Und dass sie San Miguel nie wieder verlassen muss.

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