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Alltagsdeutsch – Podcast

Der Neandertaler

Als sehr brutal, etwas dümmlich, stark behaart – so stellen sich die meisten Menschen den Neandertaler vor. Die Wissenschaftler haben inzwischen ganz andere Erkenntnisse über unseren frühen Verwandten.

Sprecher:

"Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnis. Da schuf Gott den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und als Weib erschuf er sie. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: wachset und mehret euch. Erfüllet die Erde und macht sie euch untertan. Und so geschah es. Und Gott sah alles, was er gemacht hatte und siehe, es war gut."

Sprecherin:

So beschreibt die Bibel die Entstehung des Menschen am sechsten Schöpfungstag. Jahrhunderte lang galt diese Darstellung als eine genaue Beschreibung der Tatsachen. Erst mit dem Durchbruch objektiver wissenschaftlicher Verfahren geriet dieses Bild ins Wanken. 1859 veröffentlichte der englische Biologe Charles Darwin sein Hauptwerk von der Entstehung der Arten. In diesem Buch trat er den Beweis an, dass die Lebewesen auf der Erde, also auch die Menschen, seit ihrer Entstehung einem ständigen Wandel unterworfen waren und nicht, wie bis dahin geglaubt wurde, seit der Schöpfung unverändert existierten.

Sprecher:

Bereits 1856 fanden Arbeiter bei Steinbrucharbeiten in der Nähe von Düsseldorf ein Skelett, das der Elberfelder Lehrer Fuhlrott als Überrest eines Urmenschen identifizierte. Nach dem Fundort, dem Neandertal, wurde diese Urmenschenart später als Homo sapiens Neandertalensis oder auch kurz Neandertaler bezeichnet. Seit dieser Zeit gilt der Neandertaler weltweit als Sinnbild für den Urmenschen.

Sprecherin:

Der Neandertaler, der wahrscheinlich vor 150.000 bis 50.000 Jahren lebte, hat bereits sehr früh den Weg aus den Fachdiskussionen in die alltäglichen Gespräche der Menschen gefunden. Bei keinem anderen Frühmenschen existieren so viele Vorstellungen darüber, wie er ausgesehen und gelebt haben könnte. Das wird besonders deutlich, wenn man sich einmal auf der Straße umhört.

O-Töne:

"Zunächst mal, die Neandertaler waren wesentlich kleiner gewesen als wir. Ich glaub' die hatten 'ne Größe von circa Meter vierzig, Meter fuffzig, haben so Einschnitte würd' ich sagen, wie vielleicht so'n mongoloider Mensch. Die Nase sehr breit, ja die Füße im Grunde auch sehr breit gespreizt, also wir würden heute sagen Plattfüße. / Ohoho, ich schätze bald wie sie so'n Affe, ne, nur etwas größer noch. Behaart ne, der wird in Höhlen gewohnt haben, nehm' ich mal an. / Ja, so wie ich. Sehr viele Haare, schöne Augen, klarer Bart. Und sehr stark. / Ja, gelebt haben, wahrscheinlich in Höhlen oder in Baumhäusern oder wat sie sich gebastelt haben. Die hatten kein Stress."

Sprecherin:

Vor allem ein kleines, affenartiges, stark behaartes Wesen stellen sich die meisten unter dem Neandertaler vor. Einer der Befragten vergleicht den Gesichtsausdruck unseres Urahnen mit dem mongoloider Menschen.

Sprecher:

Mit mongoloid bezeichnet man in der deutschen Umgangssprache Personen, die eine bestimmte Behinderung, das sogenannte Down-Syndrom, aufweisen. Menschen, die an dem Down-Syndrom erkrankt sind, weisen neben ihren körperlichen und geistigen Behinderungen ein besonders charakteristisches Merkmal auf. Sie besitzen sehr schmale, asiatisch anmutende Augen. Aus diesem Grund hat sich der Ausdruck mongoloid, also mongolisch aussehend, im Volksmund eingebürgert.

Sprecherin:

Gegen die Vorstellungen, der Neandertaler sei ein affenähnlicher, brutaler und etwas dümmlicher Vormensch gewesen, stehen die Ergebnisse der Wissenschaft. Die Untersuchungen in den letzten 70 Jahren haben ein ganz anderes Bild von dem Neandertaler ergeben, wie Dr. Gerd-Christian Weniger, Leiter des Neanderthal-Museums berichtet.

Gerd-Christian Weniger:

"Das Problem ist halt, dass der Neandertaler praktisch vom Beginn seiner Entdeckung bis zum heutigen Tage fast immer eine schlechte Presse gehabt hat. Man ist immer davon ausgegangen, dass ist so ein kräftiger Schlagetot, der wild behaart ist, halb nackt durch die Gegend gelaufen, seine Keule geschwungen hat. Das trifft alles nicht zu. Der Neandertaler war sehr weit entwickelt. Er hatte ein Gehirn, das dem unseren entsprach, im Durchschnitt sogar ein bisschen größer gewesen ist als das Gehirn des Homo sapiens sapiens. Er hat mit Sicherheit keine Keule geschwungen und ist auch nicht nackt oder dicht behaart durch Europa gelaufen, denn er lebte auch zu Beginn der letzten Eiszeit, da wurde es schon sehr kalt hier. Und wenn er dort nicht eine Fellkleidung gehabt hätte, die auch haltbar gewesen ist, dann hätte er hier überhaupt nicht überleben können."

Sprecher:

Gerd-Christian Weniger erklärt die existierenden Vorurteile über den Neandertaler dadurch, dass unser Urahne, wie er sagt, bis heute fast immer eine schlechte Presse gehabt habe. Die Presse, das heißt die Journalisten des Rundfunks und der Zeitungen, bestimmen mit ihren Sendungen und Artikeln die öffentliche Meinung mit. Wenn diese Journalisten in der überwiegenden Mehrzahl abwertend oder ablehnend über einen Menschen berichten und somit wahrscheinlich auch die Meinung der Bevölkerungsmehrheit über diese Person eher negativ ist, so sagt man, diese Person hat eine schlechte Presse.

Sprecherin:

Und diese schlechte Presse hat dazu geführt, dass viele Menschen bei dem Neandertaler an einen, wie Dr. Weniger es ausdrückt, kräftigen Schlagetot denken.

Sprecher:

Das Wort Schlagetot – die Substantivierung des Verbs totschlagen – ist ein veralteter Ausdruck für einen sehr kräftigen, streitsüchtigen Menschen, dessen Intelligenz soweit beschränkt ist, dass er Konflikte lediglich mit roher körperlicher Gewalt lösen kann. Ein Schlagetot ist also nichts anderes als ein totaler Schläger.

Sprecherin:

Dieses Vorurteil vom Neandertaler als Schlagetot bestimmt auch die Vorstellungen vieler Menschen über den Umgang, den unsere Urahnen untereinander pflegten.

O-Ton:

"Ja, weiß ich nicht, ob da viel Zwischenmenschliches geherrscht hat. Ich denke mal, dat da recht raue Sitten geherrscht haben. Ich glaube, dat et kaum noch 'n Unterschied ist zu heute. Heute herrschen derart raue Sitten, dat Mitgefühl für die Mitmenschen dat is ja, gänzlich auf der Strecke geblieben. Hier wird doch nur noch mit Intelligenz versucht, den anderen zu bescheißen, auf gut Deutsch gesagt."

Sprecher:

Diese Frau glaubt, in der Zeit des Neandertalers hätten raue Sitten geherrscht. Herrschen irgendwo raue Sitten, dann ist – alltagssprachlich ausgedrückt – der Umgang der Menschen miteinander vor allem durch Härte geprägt. Gegenseitige Rücksichtnahme ist dort nicht zu finden. Brutale Umgangsformen sind nichts Außergewöhnliches. Es herrschen eben raue Sitten.

Sprecherin:

Allerdings beklagt die Befragte, dass heutzutage auch wieder ähnliche raue Sitten herrschen wie damals. Sie meint, dass in unserer Gesellschaft das Gefühl für den Mitmenschen bei vielen auf der Strecke geblieben ist.

Sprecher:

Bleibt etwas auf der Strecke, so meint diese umgangssprachliche Redewendung, dass etwas verloren geht – ähnlich einem Rennwagen, der wegen eines Motorschadens ausscheidet, also auf der Rennstrecke liegen bleibt – , erreicht im übertragenen Sinn etwas nicht sein vorgegebenes Ziel. Eigentlich ist eine der größten menschlichen Tugenden das Mitgefühl für seinen Nächsten. Doch das ist, wie es scheint, in letzter Zeit häufig verloren gegangen – also auf der Strecke geblieben.

Sprecherin:

Ein Indiz für diese verloren gegangene Mitmenschlichkeit ist für die befragte Frau, dass viele versuchen, andere zu bescheißen. Das derbe Wort bescheißen meint in der Umgangssprache jemanden betrügen oder übervorteilen.

Sprecher:

Und das gute Deutsch, das die Befragte anspricht, ist eine alltagssprachliche Floskel. Sagt jemand etwas auf gut Deutsch, so heißt das, dass er ganz unverhohlen und ohne Beschönigung seine Meinung äußert. Nur eine klare Sprache – in diesem Fall gut Deutsch – ist in der Lage, die Tatsachen ohne Umschweife zu benennen. Dabei sei allerdings angemerkt, dass diese Gabe natürlich nichts mit den guten Sprachkenntnissen zu tun hat.

Sprecherin:

Kehren wir nun wieder zu unserem eigentlichen Thema zurück. Die Forschungen der Prähistoriker und Archäologen haben nämlich gezeigt, dass der Neandertaler alles andere als ein dummer, brutaler Einzelgänger mit rauen Sitten war, sondern ein intelligentes Gruppenwesen. Neue Erkenntnisse über das soziale Verhalten von Urmenschen zu erhalten, ist für die Forscher allerdings kein leichtes Unterfangen.

Gerd-Christian Weniger:

"Um überhaupt einigermaßen verlässliche Daten vorfinden zu können, benötigt man einen Kontext, man benötigt nicht nur die Knochen selbst, sondern man muss einen ganzen Lagerplatz finden. Und dann kann man feststellen, dass dort eine Gruppe zum Beispiel gelebt hat, die etwas größer gewesen ist, dass es keine Einzelwesen waren, nicht nur kleine Familien, sondern dass Gruppen dort gewohnt haben. Wir wissen von den Bestattungen der Neandertaler. Neandertaler sind die ersten Menschen gewesen, die ihre Toten bestattet haben. Auch das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es ein Sozialleben gegeben hat, dass man sich spirituell mit dem Leben und dem Tod auseinandergesetzt hat. Darüber hinaus kennen wir von vielen Neandertaler-Skeletten Verletzungen – im Armbereich, im Hüftbereich –, die darauf hinweisen, dass diese Person mit diesen Verletzungen nicht hätte überleben können, wenn es nicht eine Gruppe gegeben hätte, die diese Person mit versorgt haben. Also auch daraus lässt sich schließen, dass Neandertaler keine brutalen Steinzeit-Rambos waren, sondern dass es in der Tat Menschen waren, die feinfühlig waren, die sozial gedacht haben und gehandelt haben und Mitglieder der Gruppe, auch wenn diese eigentlich auf sich selbst gestellt nicht hätten überleben können, weiterhin betreut haben und mit in das Gruppenleben aufgenommen haben."

Sprecher:

Auch diese Erkenntnisse widersprechen der Vorstellung vom schlichten Gemüt des Neandertalers. Er war eben kein Steinzeit-Rambo. In diesem Wort ist eine berühmte Figur eines Hollywood-Films aus den 80er Jahren sprichwörtlich geworden. Rambo, dargestellt von Schauspieler Sylvester Stallone, ist in den verschiedenen gleichnamigen Filmen ein skrupelloser, brutaler Einzelkämpfer, der mit äußerster Gewalt gegen seine Gegner vorgeht. Der Name dieses fiktiven Leinwandhelden steht in der Umgangssprache als Sinnbild für eine rücksichts- und skrupellose Person. Mit dieser Figur hatte der Steinzeitmensch Neandertaler rein gar nichts gemein.

Sprecherin:

Neben Ausgrabungen bedienen sich die Prähistoriker weiterer Methoden, um mehr über das Leben in der Steinzeit zu erfahren. Eine Möglichkeit ist dabei die Beobachtung von noch lebenden Urvölkern, die bislang weitgehend unberührt von der sogenannten westlichen Zivilisation leben. Diese Menschen nutzen bis in die heutigen Tage hinein beispielsweise uralte traditionelle Jagdmethoden, die mit den Techniken der Steinzeit zu vergleichen sind. Die Entwicklung wissenschaftlicher Methoden und die dadurch gewonnenen Erkenntnisse beraubten den Menschen zunächst seiner Sonderstellung, die er nach dem bis dahin gültigen kirchlichen Dogma innehatte. Sollten wir nur ein Baustein der Natur, etwa nur ein Tier unter Tieren sein? Der Neandertaler bot somit die Möglichkeit, die Sonderstellung zurückzugewinnen, indem man den kulturellen Fortschritt seit der Steinzeit als Indiz für die Überlegenheit des Menschen auffasste.

Fragen zum Text

Der Neandertaler erhielt seinen Namen …

1. wegen des Ortes, an dem sein Skelett entdeckt wurde.

2. wegen des Forschers Neanderthal, der das erste Skelett fand.

3. wegen zahlreicher Taler (Münzen), die in seiner Grabstätte lagen.

Herrscht eine negative Meinung über jemanden, dann …

1. bleibt jemand auf der Strecke.

2. hat jemand eine schlechte Presse.

3. ist jemand beschissen worden.


Bestatten ist ein anderes Wort für …

1. sich zum Schlafen in ein Bett legen.

2. Möbel in einen Raum stellen.

3. jemanden beerdigen.

Arbeitsauftrag

Schreiben Sie eine kurze Zusammenfassung dieses Beitrags. Stellen Sie dabei die Meinungen der Menschen auf der Straße über den Neandertaler den Forschungsergebnissen gegenüber. Ein Beispiel: Meinung: Der Neandertaler war nackt. Forschung: Der Neandertaler trug eine Fellkleidung, um sich gegen die Kälte zu schützen.

Autor: Marcel Erlinghagen

Redaktion: Beatrice Warken

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