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Filme

Der Nazi-Opa

Was hat mein Großvater im Dritten Reich getan? Dieser Frage geht der Regisseur Jens Schanze in seinem Dokumentarfilm "Winterkinder" nach. Besonders für seine Mutter wurde der Film zu einer schmerzhaften Spurensuche.

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Alte Unterlagen helfen, ein Bild des Großvaters zu konstruieren

"Sage nicht immer 'Nazi'; sage doch 'Nationalsozialist'!", bittet Antonie Schütze ihren Sohn. Als ob das einen Unterschied machen würde. Aber sie spricht über ihren Vater, den sie als "unseren guten Vater" bezeichnet. "Guter Vater"? Ein Mann, der kein kleiner Mitläufer war. Als frühes Parteimitglied wurde er zum hohen NSDAP-Funktionär in Niederschlesien. Er war SA-Mann und glühender Antisemit. Dem Führer folgte Jens Schützes Großvater bis zum Schluss treu. Er starb 1954. Seine Tochter behielt ihn reichlich verklärt im Gedächtnis.

Antisemitische Hetzreden

Winterkinder

Antonie Schanze mit einem Bild ihres Vaters

Diese Verklärung versucht der 1971 geborene Regisseur in vorsichtigen Gesprächen mit seiner Mutter aufzubrechen. Er macht ihr keine Vorwürfe, sondern fragt sensibel nach. Das, woran sie sich angeblich nicht erinnern kann, entnimmt er den Briefen seines Großvaters, die er selbst aus dem Off vorliest. In den Briefen finden sich antisemitische Hetzreden und Lobeshymnen auf Hitler. So rekonstruiert der Regisseur mit Hilfe der Briefe, Familienfotos und anderen Dokumenten ein neues Bild des Großvaters. Auch die älteren Schwestern kommen zu Wort. Ihre Kindheit war geprägt von Kälte und Schweigen. Der Krieg war mit einem unausgesprochenen Redeverbot belegt. In einer sehr bewegenden Szene steht die Mutter von Jens Schanze an einem Verbrennungsofen in einem Konzentrationslager in Niederschlesien. Dort bricht sie schließlich in Tränen aus.

Winterkinder

Jens Schanzes Eltern

Die Verstrickungen des Großvaters in den Nationalsozialismus waren in der Familie jahrelang verschwiegen und verheimlicht worden. Die Entscheidung der Mutter, die kritische Beschäftigung mit der Person ihres Vaters zuzulassen, bringt unverhofft Bewegung in scheinbar festgefahrene Familienstrukturen.

Deutsche Gegenwartsgeschichte

"Winterkinder" erzählt ein Stück deutsche Gegenwartsgeschichte, indem der Film die Suche des Regisseurs, seiner Eltern und seiner Geschwister nach dem Großvater begleitet und die dabei beginnende Auseinandersetzung zwischen Kinder- und Enkelgeneration dokumentiert. Mit großer Intensität widmet sich der Film der Frage, was die Erfahrung der Zeit und das Schweigen darüber mit dem Lebensgefühl der Kinder- und Enkelgeneration zu tun haben.

Verklärtes privates Erinnern

Eigentlich wird auch im Ausland allgemein anerkannt, dass Deutschland sich angemessen mit seiner jüngsten Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Eine Emnid-Umfrage kam vor drei Jahren allerdings zu einem überraschenden Ergebnis: Fast die Hälfte aller Deutschen glauben, dass ihre eigenen Angehörigen dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden. Jens Schanzes Film zeigt exemplarisch, wie es zu dieser Diskrepanz zwischen öffentlichem und privatem Erinnern kommen kann. Vielleicht kann "Winterkinder" auch in anderen deutschen Familien zum Austausch über die Vergangenheit anregen. Auf dem "Festival de Films de Montréal" wurde der Film mit einer "Special Jury Mention“ ausgezeichnet. (chr)

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