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Deutschland

Der mystische Islam in Deutschland

Sufis werden meist mit islamischen Ländern in Verbindung gebracht. Doch es gibt sie auch in Europa. In Deutschland hat der mystische Islam rund 5000 Anhänger, die in verschiedenen Verbänden organisiert sind.

Zusammenkunft von Mitgliedern der AISA-Gemeinschaft (Foto: AISA)

Zusammenkunft von Mitgliedern der AISA-Gemeinschaft

Rhythmische Gesänge und immer wieder der Ausruf "La ilaha illa Allah" ("Es gibt keinen Gott außer Gott") dringen aus den Fenstern eines Wohnhauses in der Rüsselsheimer Innenstadt. In traditionelle weiße Gewänder gehüllt wiegen sich Männer, Frauen und Kinder im Takt der Gesänge. Alle sind Mitglieder des Alawiyya-Sufi-Ordens. In den Liedtexten bekunden sie ihre Liebe zu Gott. Außerdem wird bei dem so genannten Almunadjat, dem Zwiegespräch mit Gott, das Glaubensbekenntnis der Muslime gesungen und die 99 Namen Allahs rezitiert.

Taoufik Hartit, Vorstandsvorsitzender von AISA (Foto: Taoufik Hartit)

Taoufik Hartit, Vorsitzender der AISA-Gemeinschaft

Da in Deutschland eine Ordensgründung der Sufis nicht möglich ist, wurde 2007 als Ersatz der Verein AISA gegründet. Er ist der größte dieser Art in Europa. Weltweit gibt es zahlreiche dieser Orden. Der vor allem in Frankreich und Algerien beheimatet. Alawiyya-Orden hat nun auch einen Zweig in Deutschland und der Schweiz. Hierzulande hat er 120 Mitglieder. "Die Mystik ist letzen Endes genau das, was in jeder Religion meines Erachtens den Kern ausmacht", sagt Taoufik Hartit, Vorstandvorsitzender der AISA-Gemeinde.

Gesänge, Meditation und Trance

Die Mystik der Sufis besteht darin, Gott so nahe wie möglich zu kommen. Sufis, auch Derwische genannt, glauben, dass er ständig im menschlichen Herzen präsent ist. Nach Ansicht der Sufis können die sunnitischen Muslime durch den so genannten Dhikr, bestehend aus Gebeten, Gesängen und regelmäßiger Meditation, ihr eigenes Ego überwinden und zu Gott finden. Muslimische Pflichten, wie zum Beispiel die täglichen fünf Gebete, bleiben davon unberührt. Die Dhikrs können alleine oder in der Gemeinschaft abgehalten werden. Als Nebeneffekt bei einer solchen Zeremonie kann es auch vorkommen, dass Teilnehmer in einen Trancezustand verfallen. Gemeinschaften wie die Mevlevi-Ordensgemeinschaft in der Türkei sind auch für ihre sich in Trance tanzenden und sich drehenden Derwische bekannt.

Tanzender Derwisch in der Türkei (Foto: AP)

Tanzende Derwische in der Türkei

Der Sufismus machte seit der Frühzeit, schon zu Lebzeiten des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert, einen zentralen Teil der islamischen Kultur aus und war in allen Schichten verbreitet. Er entwickelte sich vor allem in Ägypten, Marokko und im Sudan. Sufis gibt es aber unter anderem auch in Libyen, im Senegal und in Indien. Die Auswirkungen der islamischen Mystik blieben jedoch nicht auf die islamische Welt beschränkt. So gründete in den 1920er Jahren der Inder Hazrat Inayat Khan die internationale Sufi-Bewegung in Westeuropa.

Während aber in Ländern wie Ägypten manche Bruderschaften einen regen Zuwachs verzeichnen, gibt es in Deutschland nur rund 5000 Mitglieder. Sie sind in den entsprechenden Verbänden vertreten.

Missachtung durch orthodoxe Muslime

Jürgen Wasim Frembgen, Ethnologe (Foto: Jürgen Wasim Frembgen)

Ethnologe Jürgen Wasim Frembgen

Orthodoxe Muslime äußern allerdings ihr Missfallen gegenüber dem spirituellen Islam. Auch heute noch meinen Kritiker, dass Musik, Tanz und Meditation heidnischen Ursprungs und daher unislamisch seien. Zudem stößt die Tatsache, dass jeder Orden einen Cheikh, also einen spirituellen Lehrmeister haben muss, auf Ablehnung. In einigen Ländern sind Sufis Verfolgungen ausgesetzt. Jürgen Wasim Frembgen, Ethnologe und Leiter der Orient Abteilung des Staatlichen Museums für Völkerkunde, hat sich auf seinen Reisen eingehend mit dieser Facette des Islams beschäftigt und sagt: "Sufis wurden immer wieder überall und zu allen Zeiten kritisiert für ihre persönliche, innige Gottesbeziehung."

Jugendarbeit und Interreligiöser Austausch

Nachdem die Mitglieder des Rüsselsheimer Alawiyya-Ordens nach inzwischen dreistündigem Singen das Almunadjat beendet haben, sind sie erschöpft. Dennoch hat jeder auf seine Weise von dieser Zusammenkunft profitiert: "Meine Seele ist sehr friedlich und ruhig geworden", sagt Ilham El Marnissi. Kaddour Elkarrouch sagt: "Wenn diese spirituelle Atmosphäre nicht wäre, dann hätte die Erde keine Berechtigung weiter zu leben." Auch die Kinder nehmen etwas mit. Die elfjährige Safae Cherrati sagt: "Also mir gefällt es das hier alle zusammen singen. Manchmal machen wir auch Ausflüge zusammen. Das macht mir sehr viel Spaß."

Kindergruppe (Foto: AISA)

Jugendarbeit bei der AISA

Die Mitglieder von AISA engagieren sich auch für die interne und externe Kinder -und Jugendarbeit. Der spirituelle Lehrmeister des Ordens, Cheikh Bentounés plant demnächst einen Marsch der Jugend aller Religionen mit der "Flamme der Hoffnung", einer dem olympischen Feuer nachempfundenen Flamme, durch größere deutsche Städte. Der Vorstandsvorsitzende Hartit sieht es gern, wenn Angehörige anderer Religionen bei dem Almunadjat dabei sind. Denn er glaubt: "In jedem Menschen ist Gottes Geist- so wie es die einzelnen Schriften wie der Koran oder die Bibel bestätigen. Das ist es, was für den Sufi zählt und deshalb hat er auch keine Probleme, mit Andersdenkenden zu sprechen und einen fruchtbaren Austausch hervorzubringen."

Autorin: Christina Beyert
Redaktion: Klaus Krämer

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