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Ostmitteleuropa

"Der Monolith Familie bekommt Risse"

- Auch in Polen ist die Ehe bei weitem nicht mehr die einzige bevorzugte Lebensform

Warschau, 3.7.2004, POLITYKA, Nr. 27, poln., Joanna Podgorska

Der traditionelle Monolith Familie bekommt Risse. Immer attraktiver und populärer werden andere Bindungsformen und diese Veränderungen vollziehen sich nicht, wie früher, innerhalb von Jahrhunderten, sondern innerhalb von Jahrzehnten. (...) Die Ehe wird immer häufiger als gemeinsame Firma betrachtet, deren Funktionieren teuer werden kann. Ein nichteheliches Verhältnis ist dann die einfachere und bequemere Lösung. (...)

Das nichteheliche Verhältnis ist gewöhnlich eine Übergangsform. Statistisch gesehen dauert es in Polen zwei Jahre, dann zerfällt es oder es wird legalisiert. Jedenfalls regt sich kaum jemand darüber auf. Die Denkweise hat sich diesbezüglich blitzartig geändert. Noch im Jahre 1988 behauptete über die Hälfte aller Polen, keinen zu kennen, der in einem nichtehelichen Verhältnis lebt. Bis zum Jahre 1996 war der Begriff "Konkubent" im Wörterbuch gar nicht zu finden, und das Wort Konkubine bedeutete Geliebte, eine Frau, die ausgehalten wird. Die Bezeichnung "Konkubinat" riecht übrigens immer noch nach Gerichtssaal. Wendungen wie "wilde Ehe" [polnisch: "mit Fahrrad-Führerschein"] oder "in Sünde leben" sind nicht mehr gebräuchlich. "Kohabitation", was Soziologen vorschlagen, setzt sich nur schwer durch. Das Leben ist schneller als Definitionen.

Aus der allgemeinen Volkszählung geht hervor, dass etwa 400 000 Polen in partnerschaftlichen Beziehungen leben. Nach Ansicht von Soziologen sind diese Zahlen sehr tief gegriffen, denn viele gaben einen legalen Familienstand an (geschieden, verwitwet, alleinerziehend). Das ist ein städtisches Phänomen. Es leben meistens Leute zweier gesellschaftlicher Pole zusammen - mit der schlechtesten und der besten Bildung. Erstere können sich oft eine Trauung oder eine offizielle Auflösung der Ehe einfach nicht leisten.

Etwa 10 Prozent aller unehelichen Verhältnisse bleiben es auch auf Dauer, und zwar bewusst. (...)

Bozena wohnt mit ihrer Tochter bei ihren Eltern, die Funktion des Vaters hat also natürlicherweise der Großvater übernommen. Die Kleine hat ihren biologischen Vater einige Male im Leben gesehen, sie fühlt sich mit ihm nicht verbunden. Er übrigens ist auch nicht wild auf Kontakte. Er hat eine Geschiedene geheiratet und erzieht als Adoptiv-Großvater ihre Enkel.

Frauen wie Bozena gibt es in Polen immer mehr. Gebildet, selbständig, suchen sie bewusst nach einem Erzeuger und entscheiden sich für das Alleinerziehen. (...) Über die Hälfte der Polen hat nichts gegen Frauen mit unehelichen Kindern. Alleinerziehende Mütter - das ist die Gruppe, die heute am stärksten zunimmt. Es sind etwa 15 Prozent der polnischen Familien. Die gesellschaftlichen Pole sind auch hier entgegengesetzt: einerseits ist es die junge Frau vom Lande, die wieder einmal schwanger ist, von wem, weiß keiner - andererseits die aus der Großstadt - gebildet, geschieden. Es gibt neuerdings Vorschläge, die zweite Gruppe nicht als alleinstehende, sondern als selbständige Mütter zu bezeichnen. "Ich kann mich noch daran erinnern, wie mitleidig Kinder aus gescheiterten Ehen betrachtet wurden. Heute ist das die Norm. Keinen einzigen Moment fühlte ich mich gebrandmarkt", sagt Agnieszka, eine freiberufliche Journalistin, die seit vier Jahren allein ihren Sohn erzieht." "Die Familie ist irgendwie auseinandergefallen. Manchmal fällt es mir schwer, meinem Sohn zu erklären, wer eigentlich seine Familie ist. Mein Ex-Mann hat noch einmal geheiratet und hat eine kleine Tochter. Die Stiefschwester ist für Ignas Familie, aber ob es auch ihre Mutter ist, das weiß ich selbst nicht."

Eine neue Bindung sucht Agnieszka nicht. Sie hat einen Geliebten, Vater von zwei Kindern, dessen Ehe in einer ständigen Krise steckt, aber sie sagt sofort, sie habe nicht vor, diese Ehe zu zerstören. Im Gegenteil, wenn Marek wieder einmal seine Ehefrau verlässt, dann bringt das nur Probleme, denn dann muss er aus seinen Depressionen herausgeholt werden. "Ich bin schließlich ein großes Mädchen und kann Liebe von Leidenschaft unterscheiden", deklariert Agnieszka. "Mit Marek verbindet mich Sex und Freundschaft. Ich habe jemanden, an den ich mich anlehnen kann oder den ich anrufen kann, wenn ich traurig bin, aber ohne endgültige Verpflichtungen und ohne Verantwortung für den anderen. Ein Geliebter - das hat nur Vorteile. Ich habe mich daran gewöhnt, allein zu leben und brauche nicht ständig einen Mann zu Hause. Der Preis scheint mir sehr hoch zu sein. Ich würde mich fühlen wie Schneewittchen: Wer hat aus meinem Becherlein getrunken? Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen? Agnieszka schließt nicht aus, dass eines Tages die Liebe kommen und ihr alle Vorurteile nehmen wird, aber sie wird sie nicht mit Gewalt suchen. (...)

Vor zwei Jahren war der norwegische Finanzminister mit seinem Partner auf dem Standesamt, obwohl er Mitglied einer konservativen Partei ist, die für christliche Werte eintritt. Für uns klingt das nach wie vor unwahrscheinlich, im Westen hat sich die Revolution aber bereits vollzogen. Unter anderem Dänemark, Schweden, Norwegen, Frankreich, Deutschland und die Niederlande haben inzwischen homosexuelle Verbindungen legalisiert. In den Vereinigten Staaten werden 5 Prozent aller Haushalte von homosexuellen Partnern geführt. In Polen trifft dieses Thema immer noch auf empörte Gegnerschaft. Homosexuelle Paare in Kleinstädten wecken Aggressionen und es ließe sich eine endlose Reihe an Fällen aufzählen, in denen ihre Umwelt gegen sie hetzt. Aber auch bei uns hat sich ein gewisser Wandel vollzogen. Sehr häufig ist in Großstädten eine gleichgültige Distanz festzustellen, die in der Feststellung "diese Schwulen aus Haus 2" zum Ausdruck kommt. Und wenn die Nachbarn beobachten, dass "diese Schwulen" ständig zusammen sind, keine Orgien veranstalten, keine rosa Pelzjäckchen tragen und nicht ihren nackten Hintern zeigen, dass sie arbeiten, gemeinsam Einkäufe machen, gern dabei helfen, den Schrank in die Wohnung zu tragen oder Salz ausleihen - dann wird aus Gleichgültigkeit einfache nachbarliche Akzeptanz. (...)

Welchen Weg wir auch beschreiten werden - die Erwachsenen werden die Form einer Beziehung wählen, die sie zum Leben brauchen. (TS)

  • Datum 06.07.2004
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