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Deutschland

Der moderne Tante-Emma-Laden

Tante Emma ist zurück. Eigentlich sterben die Kaufmannsläden um die Ecke seit Jahren aus. Zwei Männer haben in Düsseldorf einen Tante-Emma-Laden eröffnet - erfolgreich dank des Internets.

Faszinierend, was Benjamin Brüser alles mit seinem Smartphone anstellen kann. Kurz hält er sein Handy an eine Säule, die vor dem Einkaufsladen "Emmas Enkel" in Düsseldorf steht, auf der mehrere Produkte abgebildet sind. Mit der Kamera seines Smartphones fixiert er den Produktcode des Kamillentees und scannt den Code ab. Zwei Klicks weiter baut sich auf seinem Handy die Emmas-Enkel-Website auf. "Dann kann man einen Blick in den Warenkorb werfen und schon sieht man, dass die Packung mit dem Kamillentee bereits im Einkaufskorb ist", erklärt Brüser den Jugendlichen, die mit großen Augen um ihn herumstehen und Bauklötze staunen. "Cool", sagt einer von ihnen.

Die QR-Codes einiger Produkte prangen an einer Säule vor dem Laden Emmas Enkel in Düsseldorf Foto: Arne Lichtenberg (DW/)

Einkauf per Smartphone: Produkt wählen, QR-Code scannen - fertig

Einkaufen im 21. Jahrhundert, so könnte man es überschreiben, was Benjamin Brüser vor seinem Laden in der Düsseldorfer Innenstadt den Jugendlichen vorführt. Doch was futuristisch klingt, ist im Tante Emma-Laden von Brüser und seinem Mitstreiter Sebastian Diehl Wirklichkeit, aber auch nur eine von mehreren Möglichkeiten des Einkaufs. Im Herbst 2011 eröffneten die beiden Sauerländer mitten im Zentrum von Düsseldorf ein Geschäft mit dem originellen Namen "Emmas Enkel".

Eine Hommage an eine längst vergangene Zeit

Betritt man Brüsers Laden, umweht einen gleich ein Hauch von Nostalgie. Die Produkte stehen fein sortiert in schmucken Holzkästen, der Laden wirkt luftig und einladend, nicht zu vergleichen mit den anonymen und sterilen Discountern, die man sonst in deutschen Städten vorfindet. Überall in den Ecken stehen Reminiszenzen an eine vergangene Zeit: Eine alte Kasse, eine Kaufmannswaage wie zu Großmutters Zeiten, ein Radio oder ein alter Herd, der in den fünfziger Jahren in vielen deutschen Küchen stand.

Die beiden Geschäftsführer des Ladens Emmas Enkel in Düsseldorf: Benjamin Brüser (li.) und Sebastian Diehl (re.) Foto: Arne Lichtenberg (DW)

Benjamin Brüser (li.) und Sebastian Diehl wollen den Kunden wieder Zeit schenken

"Wir hatten die Idee schon vor über zehn Jahren im Kopf. Damals kam das Internet und die Handys langsam auf und wir dachten, es wäre doch eine gute Idee, wenn man in seinem Tante-Emma-Laden anrufen und seine Bestellungen aufgeben könnte. Eine halbe Stunde später fährt man dann vor und nimmt seine bestellten Sachen mit", sagt der 30-jährige Benjamin Brüser. Einige Zeit schlummerte die gemeinsame Idee in der Schublade, ohne jedoch in Vergessenheit zu geraten.

Das Internet ist so weit

2011 sahen sie die Zeit und das Internet reif genug für ihr Konzept: Ein Tante Emma-Laden mit Online-Komponente. Denn bei "Emmas Enkel" kann man nicht nur auf dem herkömmlichen Wege einkaufen. Die Kunden können sich in der sogenannten "Guten Stube" auf gemütlichen Sesseln niederlassen, entspannt einen Kaffee trinken und auf einem ausliegenden Tablet-PC ihren Einkauf tätigen. "Unsere Leute im Lager hinter dem Tresen sehen dann, dass der Kunde hier im Laden ist und wartet". Der Einkauf werde dann besonders priorisiert, sagt Sebastian Diehl und innerhalb von einer Tasse Kaffee, also in fünf oder zehn Minuten, können die Kunden dann ihre Waren in Empfang nehmen.

Auf der Website des Ladens erkennt man die typischen Holzkästen wieder Foto: Arne Lichtenberg (DW)

Der Kunde soll den Laden im Internet wiedererkennen

Als weitere Möglichkeit bietet "Emmas Enkel" auch einen Lieferservice an, wer seine Produkte online im Internet bestellt, bekommt seine Waren bis vor die Haustür geliefert. Der Kunde kann dabei auch genau angeben, in welchem Zeitfenster er die Lieferung bekommen möchte. "Wir haben uns da auch eine sehr ehrgeizige und zeitnahe Lieferung gesetzt. Wer bis 17 Uhr bestellt, kann seine Lieferung ab 20 Uhr am selben Tag erwarten", sagt Brüser. Ab einem Einkauf von 30 Euro ist die Lieferung kostenlos, bleibt die Bestellsumme darunter, fallen vier Euro Gebühr an.

Seit April Mai liefern sie sogar deutschlandweit, die Nachfrage sei einfach da gewesen. Wenngleich man auf den Versand von Obst, Gemüse und Tiefkühlkost verzichtet. "Das halten wir ökologisch nicht für sinnvoll, aber es kommt schon vor, dass sich ein Kunde aus Hamburg eine Packung Nudeln bei uns bestellt und liefern lässt", sagt Brüser, der sich als gelernter Architekt vor allem um die Inneneinrichtung des Ladens kümmert.

Die Gute Stube im Ladens Emmas Enkel in Düsseldorf Foto: Arne Lichtenberg (DW)

Die "Gute Stube": entspannt einen Kaffee trinken, quatschen und nebenbei einkaufen

Das Geheimrezept, warum der Online-Einkauf von Lebensmitteln gerade bei ihnen klappt, begründet Brüser so: "Die Kunden haben Vertrauen in uns, weil sie keinen anonymen Online-Shop haben, sondern einen stationären Laden vor Ort". Die ersten zwei, drei Einkäufe würden die Kunden noch im Laden machen, danach probieren sie allerdings auch immer mehr den Lieferservice über das Internet aus. "Letztlich sind wir ein begehbarer Online-Shop. Wir haben auch online darauf geachtet, dass wir wie ein Kaufmannsladen aussehen." So finden sich die Holzkästen aus dem Laden auf der Website wieder. Online können die Kunden auch ihren Einkaufszettel speichern, damit beim nächsten Einkauf Zeit gespart wird. Über die Hälfte des Umsatzes mache man mittlerweile mit dem Online-Shop, sagt Compagnon Sebastian Diehl.

Ideal für Berufstätige

Eine alte Kaufmannskasse aus dem Laden Emmas Enkel in Düsseldorf Foto: Arne Lichtenberg (DW)

Einkaufen wie zu Großmutters Zeiten

Eine Frau Anfang 50 betritt den Laden. Etwas irritiert schaut sie sich um, dann steuert sie schnurstracks auf das Objekt ihrer Begierde zu. Eine Flasche Wermut soll es bitte sein. "Ich brauche das zum Kochen von Fisch und bin ganz begeistert, dass es das hier im Laden gibt." Es sei ihr erster Besuch, gibt sie zu. Virtuell war sie aber schon einmal da. "Ich habe es mir mal im Internet angeschaut, und das hat mich neugierig gemacht", verrät sie. Gerade das Konzept mit der Online-Bestellung finde sie ideal für Berufstätige. "Ich komme wieder, ganz bestimmt."

In der "Guten Stube" haben Brüser und Diehl ihre Tablet-PCs mit einer Sicherung vor Dieben schützen müssen. Einer sei ihnen schon abhanden gekommen. Die Tablets sorgen aber auch bei einer Gruppe für Begeisterung, bei denen sie damit eigentlich nicht gerechnet hatten. "Wir haben beobachtet, dass die iPads ganz verstohlen von den Senioren aus dem Regal genommen werden und einfach mal ausprobiert werden." Daneben spielen dann die Enkelkinder im Kinder-Kaufmannsladen mit kleinen Miniaturwaren und Gemüse und Obst aus Holz. Ganz real und wie zu Zeiten von Tante Emma.

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