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Sport

Der mit dem Ball tanzt

Vom Straßenfußballer zum Multimillionär: Brasiliens neuer Star Neymar lebt den Traum vieler Landsleute. Doch der Ruhm hat seinen Preis: Brasilien erwartet von ihm nicht weniger als den WM-Titel 2014.

Ein Orkan bricht los: Geschrei, Blitzlichtgewitter und hektisch herbeirennende Menschen - die blanke Hysterie. In den Katakomben des Mineirão-Stadions von Belo Horizonte herrscht Ausnahmezustand. Der Grund: ein schmaler, junger Mann hat den Raum betreten, schaut etwas lustlos von links nach rechts. Er heißt Neymar da Silva Santos Júnior, kurz Neymar, und ist Brasiliens neuer Superstar. Die, die ihn hier in den Kabinengängen bestürmen, sind keine Fans, sondern Journalisten - wobei, vielleicht sind sie auch beides. Denn alle hängen sie mit ihren Mikros förmlich an seinen Lippen, wollen ein paar Silben der neuen brasilianischen Fußball-Hoffnung ergattern.

Neymar tut den Wartenden den Gefallen, antwortet artig auf die immer gleichen Fragen, beschwört die Wichtigkeit des Kollektivs, gibt den Optimisten im Hinblick auf die WM. Seine Sätze wirken glatt und einstudiert, wie bei so vielen Profifußballern: "Brasilien kann mit jeder Mannschaft der Welt mithalten. Wenn Gott es will, dann werden wir ein gutes Turnier spielen und gewinnen", sagt der Star, an dessen Ohren insgesamt vier Ohrringe funkeln. Modisch gibt er gern den Extravaganten.

Spektakulär auf dem Rasen, extravagant daneben

Kurz zuvor auf dem Rasen der WM-Arena war von diesem Optimismus wenig zu sehen. Gestolpere, Abspielfehler, Ideenlosigkeit – sowohl beim Kollektiv als auch bei Neymar. Nicht immer läuft es derzeit rund beim Gastgeber und selbsternannten Titelanwärter Brasilien. Doch wenn das Team einen Durchhänger hat, kann er es mit einer brillianten Einzelleistung retten: Neymar, der Alleskönner am Ball.

Neymar (r.) feiert mit Mitspielern in der brasilianischen Nationalmannschaft (Foto: Reuters)

Nicht immer in Feierlaune: In der Nationalelf spielt Neymar (r.) mal brilliant, mal sehr mittelmäßig

Sein Spiel ist spektakulär: Blitzschnelle Übersteiger, schwindelerregend schnelle Dribblings, freche Heber. Wann immer ihm der Gegner den Raum lässt, tänzelt er mit dem Ball, als wäre der seine Geliebte. Einen Trick liebt Neymar ganz besonders: Mit beiden Knöcheln klemmt er den Ball ein, lupft ihn dann hinter sich hoch, über die vor ihm stehenden Gegenspieler hinweg, wo er den Ball nach kurzem Sprint wieder annimmt. Für diese und ähnliche Kabinettstückchen - auf "YouTube" mehrere Millionen mal angeklickt – verehren sie ihn in Brasilien.

"Wer ist dieses kleine Kind?"

Und das sieht man im ganzen Land: Neymar lacht einen von überall an, mal auf einem überdimensionalen Plakat neben einem Auto deutscher Herkunft, mal im Einkaufszentrum als Aufsteller in knappen Boxer-Shorts und eigentlich immer in den unzähligen Werbespots im brasilianischen Fernsehen. Wie konnte ein 21-Jähriger so schnell zum omnipräsenten Superstar werden?

Neymar wächst in Mogi das Cruzes, einer mittelgroßen Stadt nahe São Paulo auf. Sein Vater war auch Fußballer und fördert Neymar: "Mein Vater war immer an meiner Seite. Er kümmerte sich um alles, was mit meiner Karriere zu tun hatte", erinnert sich Neymar. Er beginnt als Straßenfußballer und ist meist der kleinste Spieler. "Die größeren Jungs waren herablassend mir gegenüber, haben gefragt: 'Wer ist dieses kleine Kind?' Dann habe ich ein Tor gemacht, das hat alles verändert". Schon mit elf Jahren wechselt Neymar zum Pelé-Klub FC Santos. Dort gilt er schnell als "Juwel" und wird auch so entlohnt: Mit 15 Jahren soll er schon rund 3600 Euro monatlich verdient haben, ein Jahr später knapp 9000 Euro - gewaltige Summen für einen brasilianischen Teenager.

Neymar, der Einnahmengarant

Zwei Jahre später schafft Neymar den Sprung in die erste Mannschaft und wird seitdem vom FC Barcelona beobachtet. Damals wiegt das Offensivtalent nur rund 60 Kilo. Das macht ihn zwar pfeilschnell und wendig, doch es mangelt ihm an der körperlichen Robustheit. Inzwischen hat er dank vieler Extraschichten im Kraftraum gut fünf Kilo an Körpermasse zugelegt - und sieht doch immer noch eher aus wie ein drahtiger Langstreckenläufer.

Lionel Messi (links) und Neymar (rechts) (Foto: Getty)

Wer ist besser: Lionel Messi oder Neymar? Beide sind ab Sommer Teamkollegen beim FC Barcelona

In 228 Spielen für den FC Santos erzielt Neymar 138 Tore und beschert seinem Klub üppige Einnahmen: Sind es 2009 noch rund sechs Millionen Euro Sponsoren-Gelder, die der CF Santos einstreicht, verdreifacht sich diese Summe bis 2012 auf 18 Millionen Euro. Und die Zuschauerzahlen verdoppeln sich im selben Zeitraum. Neymar, der Wirtschaftsfaktor, der unter Tränen Abschied nimmt von seinem Heimatklub und jetzt in Barcelona die Vereinskasse klingeln lassen soll.

Besser als Messi oder nur ein normaler Spieler?

57 Millionen Euro lassen sich die Katalanen den neuen Hoffnungsträger kosten, der die in die Jahre gekommene Generation von Xavi, Iniesta und Co. ablösen soll. Trotz der horrenden Ablösesumme könnte Barças Kalkül aufgehen: Neymar spielt ordentlich bis spektakulär bei Barcelona, verspricht neben seinen Toren auch gewaltige Merchandise-Einnahmen. So folgen ihm schon jetzt mehr als neun Millionen Twitter-User. Aber kann der Teenager-Schwarm dem gewaltigen Erwartungsdruck standhalten?

Der brasilianische Fußballstar Neymar mit DW-Reporter Joscha Weber (Foto: André de Medeiros Costa/DW)

Treffen mit dem Star: Ballkünstler Neymar (r.) und DW-Reporter Joscha Weber

Brasiliens Fußball-Idol Pelé sagt dazu zusammengefasst "jein". Der dreifache Weltmeister von 1958, 1962 und 1970 traut Neymar zwar zu, "vielleicht besser als Messi werden zu können". Aber er geht zugleich auch hart mit Neymar ins Gericht: "Im Nationalteam ist er nur ein normaler Spieler", verweist Pelé auf Neymars durchschnittliche Leistungen in der Seleção. Neymar agiere oft zu eigensinnig und müsse sich vor allem endlich auf den Fußball konzentrieren: "Er ist mehr damit beschäftigt, in den Medien vorzukommen als gut zu spielen."Neymar steht nun die Reifeprüfung bevor: Beim FC Barcelona muss er die hohen Erwartungen erfüllen und sich dem dort stets kritischen Publikum sowie dem körperbetonteren Fußball in Europa stellen. Noch wichtiger vielleicht: Er muss zum Führungsspieler reifen, um die brasilianische Nationalelf im kommenden Sommer anzuführen. Von der wird übrigens nichts anderes erwartet als der WM-Titel. Die Last ist groß auf den schmalen Schultern des Neymar da Silva Santos Júnior.

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