Der milde Winter und seine Folgen | Deutschland | DW | 08.02.2016
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Deutschland

Der milde Winter und seine Folgen

Seit Ende Januar ziehen Kraniche nach Norden, viel früher als üblich. Andere Tiere leiden unter der Witterung - und einige Pflanzen blühen sogar schon. Ist das milde Winterwetter eine Gefahr für Deutschlands Natur?

Kaum hatte der vergangene Dezember mit Wärmerekorden Schlagzeilen gemacht - er war der wärmste seit 135 Jahren - kam Mitte Januar der kurze Temperatureinbruch in ganz Deutschland. Teilweise weniger als minus 20 Grad zeigte das Thermometer am Alpenrand, so der Deutsche Wetterdienst, um dann innerhalb weniger Tage wieder auf über 14 Grad plus zu klettern. Für die Kraniche waren die untypisch warmen Januartage offenbar Anlass genug, aus den Winterquartieren Richtung Norden zu starten. Nur drei Wochen nachdem die letzten nach Süden gezogen waren.

Michael Nickel vom Naturschutzbund (NABU) kommentiert das mit den Worten: "Jetzt geht es schon wieder in die andere Richtung." Und wenn der Frost doch zurückkommt und es wieder bitterkalt wird? Kraniche seien flexibel, so der NABU-Experte. Sie könnten innerhalb von ein bis zwei Tagen erneut in mildere Gegenden ausweichen.

Milde Temperaturen locken Insekten hervor

Empfindlicher sind da heimische Insekten, Hummeln zum Beispiel. Sie lassen sich vom milden Winterwetter leicht täuschen. "Bereits im Dezember waren junge Hummelköniginnen unterwegs auf Blütensuche", sagt Matthias Schindler vom Naturschutzverein "Biologische Station Bonn".

Normalerweise halten die Königinnen durchgehend Winterschlaf und kriechen erst ab März aus ihren Verstecken - dann, wenn die Natur auch reichlich was zu bieten hat. Anders als zur Zeit, Anfang Februar. "Hummeln finden jetzt nicht ausreichend Nahrung und zehren während des Fluges von Fettreserven, die sie eigentlich im Frühjahr für die Nestgründung benötigen", so Insektenkundler Schindler.

Hummel in einer Krokusblüte - Foto: Patrick Pleul (dpa)

Hummel auf Nahrungssuche: Normalerweise kriechen Königinnen erst im März aus ihren Verstecken

Über die Folgen der Schwächung könne man nur spekulieren. Generell seien die Insekten in Deutschland besser an einen durchgehend kalten Winter angepasst als an milde Temperaturen mit unvermittelt einsetzendem Frost. Hummeln sind ohnehin auf dem Rückzug. Einen Teil ihres südlichen Verbreitungsgebietes haben sie bereits verloren, wie ein internationales Forscherteam festgestellt hat. Der Grund sei wahrscheinlich der Klimawandel, so die Experten. Und anders als von den Wissenschaftlern erwartet, haben die Hummeln offenbar keine neuen Regionen im Norden besiedelt.

Möglicherweise kommt der Frost in diesem Winter gar nicht zurück, was wiederum viele Gärtner beunruhigt. Sie fürchten, dass ausgerechnet Schädlinge, wie Schild- oder Blattläuse, vom milden Wetter profitieren könnten. Im Falle der Blattläuse gibt es jedoch Entwarnung. Während des strengen Frostes Mitte Januar dürften die Blattlausweibchen vom vergangenen Herbst erfroren sein - der Normalfall in Mitteleuropa. Nur die Eier, die sie gelegt haben, schlummern weiter in ihren Verstecken auf den Zweigen. Die Blattlauspopulation wird sich also bis zum Sommer vermutlich wie gewohnt entwickeln. Im Allgemeinen gibt es nach milden Wintern nicht unbedingt mehr Schädlinge, berichtet Marcus Kühling vom Deutschen Forstverein. Forscher hätten festgestellt, dass überwinternde Forstschädlinge bei feucht-warmer Witterung selbst mit deren Folgen zu kämpfen haben. Sie fallen dann vermehrt Pilzkrankheiten zum Opfer.

Junges Leben in Deutschlands Wäldern

Den großen Tieren des Waldes hingegen behagt das warme Wetter, so Kühling. "Man kann schon jetzt Frischlinge, also junge Wildschweine, in den Forsten beobachten." Zum Teil von Müttern, die selbst noch kein Jahr alt seien. Vor zehn, zwanzig Jahren habe es das nicht gegeben. "Gefährlich wird es, wenn nochmal für längere Zeit strenger Frost herrschen sollte. Dann dürften viele Jungtiere ganz einfach erfrieren", sagt der Forstexperte.

Wildschwein-Bache mit Frischlingen - Foto: Patrick Pleul (dpa)

Wildschwein-Bache mit Frischlingen: Nachwuchs kommt früher als vor 20 Jahren

Mit großen Wildschweinpopulationen hätten Forstwirte aber keine Probleme: "Wir freuen uns, wenn Wildschweine im Wald den Boden umwühlen und Schädlingslarven fressen." Anders sehen das die Bauern: Schon seit Jahren steigen die Schäden in der Landwirtschaft durch die vielen Wildschweine, die auf den Maisfeldern regelrechte Verwüstungen hinterlassen.

Krokusblüten schon seit Ende Januar

Die auffälligsten Abweichungen von normal kalten Wintern sind in der Pflanzenwelt zu beobachten, berichtet Stephan Anhalt vom Botanischen Garten Köln: "Viele Pflanzen sind rund vier Wochen früher dran als sonst." Asiatische Zierquitten blühen in Köln schon seit Dezember, und Ende Januar haben sich dort die ersten Krokusblüten gezeigt. Selbst für Köln mit seinem ansonsten sehr milden Klima sei das ein Novum. An Haselsträuchern öffneten sich die Kätzchen in vielen Gegenden bereits an Weihnachten, um ihren Blütenstaub zu verbreiten - zum Leidwesen von Allergikern. Doch das hat es schon häufiger gegeben, und der Gemeinen Hasel macht das gar nichts aus. Ob jetzt schon Insekten unterwegs sind, ist für die Sträucher ohne Bedeutung: Für die Bestäubung sorgt ohnehin der Wind.

Obstblüten sind gefährdet

Bei einigen frühen Obstbäumen, zum Beispiel den Süßkirschen, schwellen bereits jetzt die Blütenknospen an. Und jeder weitere warme Tag fördert das Wachstum. Die Kehrseite für die Frühstarter: Ihre Widerstandsfähigkeit gegen Kälte ist gering. "Falls es also im Februar/März nochmal richtig frostig sein sollte, kann es erhebliche Erfrierungen geben", sagt Botaniker Anhalt.

Nachhaltige Schäden an den Pflanzen erwartet der Kölner Experte Stephan Anhalt nicht, abgesehen von möglicherweise erfrorenen Blüten. Sollte sich der Klimatrend allerdings fortsetzen, hätten heimische Pflanzen nicht genügend Zeit, sich anzupassen. Außerdem sei zu erwarten, dass neue Krankheiten und Schädlinge einwandern, gegen die Deutschlands Flora kaum gewappnet sei.

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