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Geschichte

Der Mensch und die Maschine

Große Maschinen und kleine Alltagsgegenstände erzählen, wie sich Leben und Arbeit durch die Industrialisierung verändert haben. Das Hamburger Museum der Arbeit zeigt diese Entwicklung der vergangenen 150 Jahre.

"So etwas habe ich noch nie gesehen", sagt der ältere Herr und schaut dabei fasziniert durch die große Fensterscheibe. Was Hans-Jürgen Blümlein dahinter sieht, ist die rekonstruierte Werkstatt einer Metallwarenfabrik. Sie zeigt, wie knapp 90 Jahre lang Anstecknadeln, Medaillen, Orden, Broschen und Abzeichen hergestellt wurden. Zahlreiche Arbeitsschritte waren für ihre Fertigung nötig. Der Arbeitsprozess begann beim Graveur, auf dessen Tisch Blümlein gerade blickt. Ein vertrautes Bild für den Ruheständler. Er hat selbst in diesem Beruf sein Geld verdient. "Das ist schon ein komisches Gefühl", sagt er. Und bedauert ein wenig, dass heute fast alles nur noch mit Maschinen gemacht wird.

Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek c: Janine Albrecht/DW

Beim Besucher Hans-Jürgen Blümlein werden Erinnerungen wach

Dasselbe Schicksal erfuhren viele andere Berufe bereits einige Jahrzehnte früher. Mit dem Einzug der Industrialisierung in Deutschland veränderte sich die Arbeits- und Lebenswelt. Das Museum der Arbeit will diese Veränderungen zeigen.

Alltagsgegenstände mit Museumswert

"Bei uns stehen dabei die Menschen und nicht die Maschinen im Vordergrund", sagt Kurator Jürgen Bönig. Nur wenige Schritte von der nachgebauten Anstecker-Werkstatt entfernt sind in Glasvitrinen scheinbar willkürlich zusammengestellte einzelne Alltagsgegenstände und Dokumente zu sehen: Ein gewebtes Leinenhandtuch, ein Henkelmann, eine Stechuhr, ein Spuckfläschchen, eine Theaterkarte, eine Arbeitsordnung von 1892, eine Lampenfassung von 1910, ein Telefon und ein Fotoapparat aus dem Jahr 1905 oder ein Streikausweis von 1896. Und man erfährt, warum all diese Dinge Museumswert haben: Sie dokumentieren die Entwicklung des industrialisierten Menschen.

So wird etwa der Henkelmann - ein einfacher topfähnlicher Behälter aus Blech, in dem die Arbeiter ihr Essen mitnahmen - zum Ausdruck für die wachsende Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsplatz. Man kann sich auch über die persönliche Geschichte der Menschen, denen die Gegenstände einst gehörten, informieren. Hinter einfachen Gegenständen verbergen sich Geschichten vom Alltags- und vom Arbeitsleben. Auf den ersten Blick wirkt das weiße Leinentuch mit den rotgestickten Initialen "WG" sehr unscheinbar. Doch das Handtuch erzählt vom Neubeginn in der Großstadt. Viele Menschen, die vom Land in die Städte zogen, nahmen ihren Hausrat mit. "Es steht stellvertretend für die vielen Migrantenwellen, die die Industrialisierung mit sich brachte", sagt Bönig. In der Hansestadt Hamburg verdoppelte sich die Bevölkerung zwischen 1871 und 1905.

Industrialisierung führte zum Ende des Buchdruckes

Eine Etage höher dominieren große Maschinen des Grafischen Gewerbes drei gläserne Räume: Hier sind eine Setzerei, eine Maschinensetzerei und eine Druckerei aufgebaut. "Die Veränderung im grafischen Gewerbe war durch die Industrialisierung einfach revolutionär", erklärt Bönig. Die Art, wie der Buchstabe auf das Papier kommt, habe sich komplett verändert. "Der klassische Buchdruck war nach 500 Jahren zu Ende."

Das Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek c: Janine Albrecht/DW

Der Kurator demonstriert eine alte Schnellpresse

Zumindest im Museum ist er nicht ganz gestorben. Seit zwölf Jahren werden hier auf zwei Heidelberger Druckmaschinen noch ausgesuchte Bücher gedruckt. Und einmal in der Woche zeigen gelernte Setzer und Drucker in der offenen Werkstatt ihr Können.

Dann geht es weiter in die Welt des Überseehandels, der Kontore und der Exporteure. An einer großen Wand hängen Kaffeesäcke, auf denen die Namen ferner Länder stehen: Kenia, Peru oder Ceylon. Länder, aus denen Kaffee, Kakao und Tee nach Deutschland kommt, heute genauso wie damals. Durch die Industrialisierung erfuhr Hamburgs Handel einen enormen Aufschwung, denn der wachsende Bedarf an Rohstoffen musste gedeckt werden.

Querschnitt der Sammlung

Am Ende des Rundgangs fällt mir im zweiten Obergeschoss ein großer weißer Setzkasten auf. "Darin zeigen wir einen Querschnitt der Sammlung", sagt Bönig. Auch hier wieder Gegenstände aus der industrialisierten Arbeitswelt. Etwa ein Umdrucker für Formulare oder schlicht eine Uhr. Davor liegen auf langen Tischen weitere Zeugnisse der Veränderungen.

Das Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek c: Janine Albrecht/DW

Ein Setzkasten zeigt den Querschnitt der Sammlung

All dies berührt Museumsbesucher Hans-Jürgen Blümlein nicht sonderlich. Er ist in Gedanken ganz weit weg und wandert weiter um die nachgebaute Werkstatt im Erdgeschoss herum. Schon seit einer Stunde entdeckt er immer wieder neue Details und erkennt Arbeitsgeräte, die er früher auch benutzt hat. "Das ist einfach nur wunderbar", sagt er. "Mal sehen, ob ich den Rest vom Museum überhaupt noch zu sehen bekommen."

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