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Portugal

Der Mann, der in keine Schublade passte

Leo Arons war reicher Sozialist. Er stammte aus einer jüdischen Familie, ohne gläubig zu sein. Er war Physiker, glaubte aber nicht an ewige Wahrheiten. Den Moment seines größten Sieges überschattete eine Niederlage.

Leo Arons hätte alle Annehmlichkeiten seines Standes auskosten können: Er wurde 1860 in eine jüdische Bankiersfamilie in Berlin geboren, studierte an verschiedenen deutschen Universitäten und in Straßburg Mathematik, Physik und Chemie, und er heiratete auch noch in eine begüterte Familie ein. Doch schon während des Studiums engagierte er sich sozial, suchte zum Beispiel in Straßburg den Kontakt zu Arbeitern und Bedürftigen. Arons machte sich Gedanken über die Ursachen von Armut und kam zu dem Schluss, dass das private Eigentum an Grund und Boden der Grund für die sozialen Unterschiede sei. Ende 1891 trat Arons der Sozialdemokratischen Partei bei - für einen Bankierssohn ein langer Weg, den er nicht über Nacht beschritt. Die SPD-Mitgliedschaft sei das Ergebnis "Jahre langen reiflichen Nachdenkens und schwerer innerer Kämpfe", schrieb er später.

Ein sozialistischer Bankierssohn

In der SPD war Arons' Großzügigkeit sprichwörtlich: Er richtete gemeinsam mit Parteifreunden einen Fond zur Unterstützung in Not geratener Genossen ein, finanzierte sozialdemokratische Publikationen, unterstützte Gewerkschaften. Vielleicht war es seine Biographie, die Arons veranlasste, die verschiedensten Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen: Ab Mitte der 1890er Jahre veranstaltete er Gesprächsabende in seinem Haus, zu denen er einen illustren Kreis aus Kaufleuten, Journalisten, Angestellten und Vertretern der diversen innerparteilichen Strömungen einlud. Gelegentlich kam der Schriftsteller Arno Holz vorbei, der national soziale Politiker Friedrich Naumann oder SPD-Chef Paul Singer. Die Zusammenkünfte nannte man volkstümlich "Schmalzstullenclub" oder "Roter Salon". Hier wurde möglicherweise die Idee zum Bau des Berliner Gewerkschaftshauses geboren, ein Projekt, dem sich Arons voll und ganz verschrieb.

Das Berliner Gewerkschaftshaus am Engeldamm in Berlin Mitte (Foto: erl. Phototyp. Inst. Rob. Prager)

Das Berliner Gewerkschaftshaus am Engeldamm in Berlin Mitte

Das Jahr 1900: Triumph und Niederlage

Der Jahrhundertwechsel markierte für ihn einen Tiefpunkt und Höhepunkt zugleich. Im Januar 1900 Jahr entzog das preußische Kultusministerium dem Privatdozenten Dr. Leo Arons die Lehrerlaubnis. Drei Monate später weihte der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Gewerkschaftshaus-GmbH, Leo Arons, das Berliner Gewerkschaftshaus feierlich ein. Es ist das erste Gebäude seiner Art, das als Ort der Zusammenkunft für Arbeiter und ihre Organisationen errichtet wurde. Es steht noch heute am Engeldamm in Berlin Mitte. Ohne Leo Arons, ohne sein finanzielles und persönliches Engagement, wäre es wohl nie entstanden. Der Triumph, der Arbeiterschaft eine stolze Heimstatt gegeben zu haben, wurde freilich von einer persönlichen Niederlage überschattet.

Seit 1890 war Arons Privatdozent an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, der heutigen Humboldt-Universität, und unterrichtete Physik. Dass der Wissenschaftler 1891 der SPD beitrat, störte die Philosophische Fakultät, zu der das Fach Physik damals gehörte, nicht. Die Preußische Verfassung garantierte ja Meinungs- und Assoziationsfreiheit.

Preußens Kultusminister Bosse aber hatte von ganz oben den Auftrag, gegen Arons, vorzugehen. Er verlangte, die Fakultät solle ein Disziplinarverfahren einleiten, und prüfen, ob nicht eine Remotion, also eine Aberkennung des Status als Privatdozent, angezeigt sei. Die Fakultät weigerte sich: Die Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei verstoße weder gegen preußische Gesetze, noch gegen die Universitätsordnung und auch nicht gegen den öffentlichen Anstand.

Die Lex Arons

Kaiser Wilhelm II. (Foto: dpa)

Kaiser Wilhelm II. nannte Arons einen "frechen Verhöhner"

Als Arons 1897 auf einem sozialdemokratischen Parteitag auftrat, platzte Kaiser Wilhelm II. der Kragen. In einem Telegramm schrieb er höchstselbst an das preußische Kultusministerium: "Ich nehme an, dass das Ministerium umgehende Verfahren eingeleitet hat, diesen frechen Verhöhner staatlicher Einrichtungen seines Amtes zu entsetzen ... Ich dulde keine Sozialisten unter Meinen Beamten, also auch nicht unter den Lehrern unserer Jugend an der Königlichen Hochschule."

Davon ließ sich die Philosophische Fakultät jedoch nicht schrecken. In einer Mehrheitsentscheidung weigerte sie sich, die Remotion auszusprechen. Nun arbeitete die Preußische Regierung ein Gesetz aus, das als "Lex Arons" in die Geschichte einging. Demnach sollten die nicht-verbeamteten Privatdozenten dem Disziplinarrecht der Beamten unterstellt werden. Das Parlament stimmte zu. Und so hatte das Preußische Kultusministerium die gesetzliche Grundlage, um Arons die Lehrerlaubnis wegen seiner Zugehörigkeit zur Sozialdemokratischen Partei zu entziehen.

Wie es mit dem Naturwissenschaftler Arons weiterging

Das Hauptgebäude der Berliner Humboldt-Universität (Foto: dpa)

Das Hauptgebäude der Berliner Humboldt-Universität

Seine Universitätskarriere in Deutschland war vorbei. Hoffnungen, in der deutschsprachigen Schweiz zu lehren, erfüllten sich nicht. Ein Angebot, nach Oxford zu gehen, schlug er aus familiären Gründen aus. Doch er forschte weiter. Darüber ist in Meyers Großem Konversationslexikon von 1908 zu lesen: "Arons arbeitete über Interferenzstreifen im Spektrum, über Verdünnungswärme und Wärmekapazität von Salzlösungen im Hinblick auf das Energiegesetz ..." Allesamt Dinge, die sich dem Nicht-Physiker nicht auf Anhieb erschließen. Quasi als Nebenprodukt seiner Forschungen entwickelte Arons einen frühen Vorläufer der Glühlampe. Diese Quecksilberdampflampe wurde dann auch Aronssche Röhre genannt. Ab 1904 arbeitete er eine Zeitlang in einem Labor der Glühlampenfabrik der AEG. 1907 brachte das Unternehmen auf der Basis seiner Entdeckungen schließlich eine "Dr. Arons-Quecksilber-Dampflampe" in den Handel.

Das Lebenswerk von Leo Arons

Auf Drängen von Freunden verlegte sich Arons schließlich trotzdem von der Forschung und Lehre auf die Politik. Dabei behagte es ihm gar nicht, in der ersten Reihe zu stehen. Er blieb lieber im Hintergrund. Dennoch gab der dem Druck seiner Parteifreunde nach und trat 1903 sogar bei den Reichstagswahlen an. Er unterlag nur denkbar knapp im ersten Berliner Wahlkreis im Herzen der Hauptstadt rund um das kaiserliche Schloss - für das politische Establishment annähernd gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes. Im Mittelpunkt von Arons parteipolitischer Tätigkeit stand der Kampf für ein gerechteres Wahlrecht in Preußen. Damals wurde nach dem Dreiklassenrecht gewählt, wonach die wahlberechtigten Bürger nach ihrer Steuerkraft in drei Klassen eingeteilt wurden. Die Stimmen der Reichen, das waren 1898 gerade mal gut ein Prozent der Bevölkerung, wogen genau so schwer, wie die Stimmen der 85 Prozent, die der dritten Klasse angehörten.

Albert Einstein (Foto: AP)

Verfasste einen Nachruf auf Leo Arons: Albert Einstein

1908 ging es mit seiner Gesundheit bergab, Arons litt an einer Herzkrankheit. Anfang 1919, als der Kaiser im Exil und Deutschland erstmals Republik war, wurde Arons von der Berliner Universität rehabilitiert. Wenig später starb er. Auf seinen Wunsch wurde er auf dem Gelände des Berliner Gewerkschaftshauses beerdigt. Albert Einstein gedachte Arons, den er nicht persönlich kannte, in einem Nachruf: "Sein soziales Fühlen und sein Gerechtigkeitsdrang führten ihn dem Kreis der Sozialisten zu, ließen ihn in der Öffentlichkeit seine sozialistischen Überzeugungen vertreten, ungeachtet der schweren Hemmungen und Anfeindungen, die er sich im reaktionär geleiteten Staat dadurch zuzog." Über Arons' Wirken als Naturwissenschaftler schrieb Einstein: "Der Nichtfachmann, der so ein Bündel kleiner Hefte vor sich hat, die das Lebenswerk eines Physikers ausmachen, ahnt nicht, wie schwer die anspruchslos aussehenden Ergebnisse der spröden Materie abgerungen werden müssen." Als die Nazis das Gewerkschaftshaus 1933 besetzten, zerstörten sie Arons' Grabstätte. Seit 2002 erinnert dort eine Gedenktafel an ihn.