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Deutschland

Der Mann, der Hitlers Tagebücher schrieb

Er habe die Tagebücher Adolf Hitlers gefunden, behauptete Konrad Kujau und bot sie der Illustrierten "Stern" an. Die griff zu, bezahlte viel Geld und veröffentlichte sie - und blamierte sich damit bis auf die Knochen.

1983: Titelseite des Stern mit dem angeblich originalen Tagebuch (Foto: dpa)

Am 25. April 1983 enthüllte das Magazin "Stern" auf einer internationalen Pressekonferenz im Hamburg eine Sensation. Dem Journalisten Gerd Heidemann sei es gelungen, die Tagebücher Adolf Hitlers zu finden - und die Illustrierte werde sie veröffentlichen. Was zu diesem Zeitpunkt außer dem Autor keiner wusste: Die Tagebücher waren zwar tatsächlich geschrieben worden, doch hieß der Autor nicht Adolf Hitler, sondern Konrad Kujau.

Ein Maler wird zum Meisterfälscher

Konrad Kujau präsentiert die angeblichen Hitler-Tagebücher (Foto: AP)

Konrad Kujau und die "Tagebücher"

Dieser kleine Mann, 1938 in Sachsen geboren und 1957 in den Westen geflüchtet, war eine schillernde Figur. Wie Adolf Hitler war auch er ein gescheiterter Künstler. Beide hatten gemalt und zwar ausgesprochen erfolglos. Kujaus eigentliche Begabung war das Kopieren. Jeden Stil eines jeden Malers konnte er kopieren, er konnte Handschriften imitieren, kurz, er konnte fast perfekte Fälschungen herstellen. Er selbst bezeichnete sich zwar nicht als Fälscher, hatte gegen diese "Berufsbezeichnung" aber auch nichts einzuwenden. Damit könne er leben, betonte er immer wieder.

Allerdings bestand Kujau darauf, Werke großer Maler nicht einfach nachzumalen und so zu fälschen, sondern sie "neu zu interpretieren". So konnte er allerdings nicht mehr argumentieren, als er sich daran machte, Hitler posthum seine eigenen Tagebücher anzudichten. Er selbst sah sich dabei als Opfer, als einen Getriebenen, der der Versuchung erlegen sei, schnelles Geld zu machen. Schuld sei eigentlich, so Kujau, der Stern-Reporter Gerd Heidemann. Der habe ihn nämlich bedrängt und ihm so viel Geld geboten, dass er einfach nicht mehr widerstehen konnte.

Groteskes Machwerk

Der damalige Stern-Reporter Gerd Heidemann: Er zahlte für die angeblichen Original-Tagebücher (Foto: AP)

Der Mann mit dem Geld: Reporter Gerd Heidemann

Die Tagebücher waren von Anfang an umstritten. Nicht nur Historikern war bekannt, dass Hitler nicht gern geschrieben hatte. Spätestens, seit er an der Parkinsonschen Krankheit litt, schrieb er nicht mehr selbst, sondern diktierte ausschließlich. Die Führung des "Stern" ging gegen Vorwürfe, die Tagebücher seien eine dreiste Fälschung, in die Offensive. Chefredakteur Peter Koch wandte sich direkt an die Leser und behauptete, dass "an der Echtheit (...) nicht gezweifelt werden kann. Viel Feind, viel Ehr. Die Tagebücher sind echt, unsere Beweise seriös und zahlreich." Je lauter die Zweifel wurden, desto vehementer verteidigte die Chefredaktion ihre Entdeckung, die fraglos die "größte journalistische Sensation der Nachkriegszeit" sei.

Dabei enthielten die angeblichen Tagebücher nur Belanglosigkeiten. Wichtige Fragen, etwa nach den Gründen für Hitlers Antisemitismus oder nach den Motiven für seine Weltvernichtungsfantasien, wurden nicht einmal gestreift. Stattdessen schwelgte der Tagebuchschreiber in peinlichen "Enthüllungen" über Hitlers Mundgeruch und seine Klagen über Blähungen.

Archivfoto des Diktator, der nie Tagebuch führte (Foto: AP)

Hitler ausnahmsweise unschuldig: Tagebuch hat er nicht geführt.

Es dauert nicht lange, bis der Schwindel aufflog. Gutachter fanden heraus, dass das Material der Tagebücher teilweise erst nach dem Krieg entstanden war. Tinte und Papier, Heftfäden und Kleber stammten aus einer Zeit, als Adolf Hitler und sein "Tausendjähriges Reich" schon längst untergegangen waren. Die Tagebücher seien das "grotesk oberflächliche Machwerk eines in seinem intellektuellen Vermögen äußerst beschränkten Kopisten und Fälschers."

Das dicke Ende

Konrad Kujau und Gerd Heidemann mussten sich vor Gericht verantworten. Doch im Prozess blieben viele Fragen unbeantwortet oder sogar ungestellt: Wer hat zu welchem Zeitpunkt von der Fälschung gewusst oder geahnt? Wo war die journalistische Sorgfaltspflicht auf Seiten des "Stern" geblieben? Und vor allem wurde der sogenannte "Scheckbuchjournalismus" nicht in Frage gestellt. Verführt man Menschen nicht geradezu, die Unwahrheit zu sagen oder, wie Konrad Kujau, sogar noch viel weiter zu gehen, wenn man ihnen für eine Aussage oder gesuchtes Material viel Geld anbietet?

Sah echt aus, war aber gefälscht: Angeblich war das Hitlers Handschrift (Foto: AP)

Gut nachgemacht: Die Handschrift Adolf Hitlers

Konrad Kujau wurde zu einer Haftstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt, der Sternreporter zu vier Jahren und acht Monaten. Der Meisterfälscher zeigte sich von dem Urteil unangenehm überrascht; mit einer Strafe hatte er wohl gerechnet, aber nicht damit, gar so lange hinter Gittern zu müssen. Sternreporter Gerd Heidemann witterte sogar einen Justizskandal und behauptete, das Gericht habe bei der Strafbemessung wohl "über den Daumen gepeilt".

Der Fälscher scheitert als Politiker

Wieder auf freiem Fuß versuchte Konrad Kujau aus seiner Bekanntheit Kapital zu schlagen. Er war häufiger Gast in TV-Talkshows und beschloss, Politiker zu werden. Er bewarb sich vergeblich um einen Landratsposten in Sachsen und strebte ein Bundestagsmandat an - als Spitzenkandidat der "Autofahrerpartei" scheiterte er auch dabei. 1996 wollte er Bürgermeister in Stuttgart werden und fiel auch dort durch - trotz oder wegen seiner populistischen Forderungen und abstrusen Vorstellungen. So drohte er beispielsweise dem städtischen Personal der Schwabenmetropole mit energischem Durchgreifen, sollte es in seinem Diensteifer nachlassen. Auf der Treppe des Rathauses würden, wenn er Bürgermeister sei, auffällig gewordene Beamte jeden Freitag öffentlich ausgepeitscht werden.

Konrad Kujau ist im September 2000 gestorben. Dem kunsthandwerklich begabten, aber kreativ beschränkten Maler blieb nur eine Karriere als Kopist – und mitunter auch als Fälscher. Zum Verhängnis ist ihm dabei seine Faszination für die braune Vergangenheit geworden. Das Sammeln von Devotionalien aus der Nazivergangenheit hatte ihn in ein Milieu geführt, das die dunklen Seiten seiner Begabung förderte. Aber wenigstens hatte er aus seinem Scheitern als Maler einen vergleichsweise ungefährlichen Ausweg gefunden. Anders als ein anderer gescheiterter Kunstmaler, der es immerhin zum Reichskanzler gebracht hatte...

Autor: Dirk Kaufmann

Redaktion: Hartmut Lüning