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Musik

Der "Man in Black" lebt: 85 Jahre nach der Geburt von Johnny Cash

Seine Platten verkauften sich mehr als 90 Millionen Mal. Seine schwarze Kleidung, tiefer Bassbariton, kritische Texte und Rebellenimage zeichneten ihn aus. In seiner Kunst spiegelt sich sein wechselvolles Leben wider.

"I hurt myself today to see if I still feel", singt Johnny Cash im Video zu seinem Lied "Hurt" allein an einem festlich gedeckten Tisch sitzend. Bilder aus seinem Leben überfluten ihn: alles Lug, Trug und Halbwahrheit. Das Einzige, was real existiert, dem Einzigen, dem er trauen kann, sei der Schmerz, den er sich selber und anderen zugefügt hat.

In "Hurt" rechnet Johnny Cash mit dem Leben ab. Das Video wird mit einem Grammy ausgezeichnet. Den Song schrieb eigentlich Trent Reznor von der Band Nine Inch Nails - aber die Popularität von Cashs Coverversion übersteigt die des Originals bei weitem.

Der Künstler, der seinem Publikum nie etwas vorenthalten hat, liefert mit "Hurt" ein erschütterndes Bekenntnis. Das Lied ist schlicht, jedoch tiefgründig und kompromisslos - wie auch viele der großen Songs, die Cash in den fünf Jahrzehnten seiner Karriere ins kollektive Bewusstsein gebracht hat. In "Folsom Prison Blues" heißt es etwa:

"I shot a man in Reno just to see him die."

"Ich erschoss einen Mann in Reno, nur um ihm beim Sterben zuzusehen". Für den sinnlosen Mord muss der Protagonist im Folsom-Gefängnis büßen und weinen. Wieder thematisiert er den Schmerz, vielleicht war er das Leitmotiv in seinem kreativen Schaffen.

Vom Bauernhof in Arkansas zur Band in Landsberg

Als einer von sieben Kindern eines mittellosen Farmers erblickt John R. Cash in Kingsland im Bundesstaat Arkansas am 26. Februar 1932 das Licht der Welt. Der Junge muss auf der Farm mit anpacken. Später, in Liedern wie "Five Feet High and Rising", schreibt er darüber. Cashs musikalische Einflüsse sind die Volkslieder, die seine Mutter singt, und die Arbeitslieder, die er in den Baumwollfeldern hört. 

Eines Tages muss er dabei zusehen, wie sein geliebter Bruder Jack mit 14 Jahren nach einem Unfall mit einer Kreissäge stirbt. Nach dem Schulabschluss 1950 geht er zur US-Luftwaffe, wird im bayerischen Landsberg stationiert und gründet seine erste Band: die Landsberg Barbarians.

Nach der Heimkehr in die USA 1954 heiratet Cash Vivian Liberto. Das junge Ehepaar zieht nach Memphis, Tennessee. Da versucht er ins Musikgeschäft zu kommen - zunächst erfolglos als Gospelsänger. Doch bereits im Folgejahr kommt der Charterfolg: "Cry, Cry, Cry" landet auf Platz 14 in den Billboard Country Songs Charts und auch weitere Hitsingles werden erfolgreich: "So Doggone Lonesome" und "Folsom Prison Blues" erreichen beide die Top-10.

Johnny Cash (picture alliance/Globe-ZUMA)

Johnny Cash in den 60er Jahren

Seine vierte Chart-Single stellt all das jedoch in den Schatten: "I Walk the Line" wird Nummer 1 der Billboard Charts, hält sich dort insgesamt 43 Wochen lang und geht 2 Millionen Mal über den Ladentisch. Bis 1957 hat Johnny Cash über 200 Auftritte im Jahr, in den 60ern ist er gar bei 300.

Drogen, Karriereknick - und June

Der Preis, den er für den Erfolg zahlt, ist allerdings hoch: Cash wird abhängig von Amphetaminen und Barbituraten. Wegen Drogenbesitzes und weiterer kleiner Delikte kommt er wiederholt ins Gefängnis. Auch wenn er dort nur für kurze Zeit einsaß, hat wohl kaum ein anderer das Gefühl der Strafgefangenen besser auszudrücken gewusst:

"San Quentin, I hate every inch of you…"

Dass es nach seinem Auftritt im kalifornischen San Quentin-Gefängnis zu keinem Aufstand kam, mag auf den ersten Blick erstaunen, nicht doch aber wenn man genauer hinsieht: Auf geniale Art baute Johnny Cash etwa mit seinem "San Quentin Blues" eine nahezu unerträgliche Spannung auf - um sie dann in "A Boy Named Sue" gekonnt zu entladen. Viele seiner Songs haben etwas Kathartisches.

Dass Johnny Cash ständig mit dem Gesetz in Konflikt geraten sei, ist eine Mär. Dennoch kommt es zur Scheidung seiner Ehe, Gewaltausbrüchen auf der Bühne und Konzertabsagen - was sein Outlaw-Image nur steigert. Anfang Oktober 1967 will Cash sterben, erthält aber Beistand von seiner Gesangspartnerin June Carter und deren Familie und überwindet die Tablettensucht. 1968 geben sich die beiden das Ja-Wort.

Bildergalerie verstorbene Musiker (Hulton Archive/Getty Images)

Johnny Cash im Folsom Prison vor seinem dortigen vierten Konzert

Einsatz für die Vergessenen

Die Platten der Live-Aufnahmen in den Gefängnissen Folsom und San Quentin werden zu Gold. 1969 startet die "The Johnny Cash Show" im Fernsehnetwork ABC, in der unter anderem auch Bob Dylan, Louis Armstrong, Neil Young und Merle Haggard auftreten. In der Show scheut sich Cash nicht, kontroverse Themen der Zeit anzusprechen - etwa den Vietnamkrieg oder die trostlose Situation der amerikanischen Ureinwohner.

1970 führt in sein gesellschaftliche Engagement erstmals ins Weiße Haus. Bei Präsident Richard Nixon setzt er sich für eine Gefängnisreform ein. Auf dessen Wunschliste für Cashs Auftritt stehen zwei symbolträchtige Songs: "Okie from Muskogee" und "Welfare Cadillac". Sie richten sich gegen Hippies und Sozialempfänger, sind Hymnen von Nixons konservativer "schweigender Mehrheit". Aber Cash weigert sich und erklärt, diese Lieder könne er nicht überzeugend vermitteln. Vor dem Auftritt witzelt dann Nixon: "Eine Sache, die ich von Johnny Cash gelernt habe, ist: Man sagt ihm nicht, was er singen soll."

USA Johnny Cash (picture-alliance/dpa)

Johnny Cash bei einem Konzert in Kopenhagen 1971

Erstaunliches Comeback

Ab Mitte der 70er Jahre läuft es mit der Karriere nicht mehr rund. Ohne an seinen früheren Erfolg anzuknüpfen, tritt Johnny Cash als Schauspieler und Produzent im Fernsehen und Filmen in Erscheinung und schreibt einen Roman. Ende der 70er wird er erneut tablettenabhängig, kann die Sucht aber erneut überwinden.

Im Mai 1985 schließen sich Cash, Waylon Jennings, Willie Nelson und Kris Kristofferson zur Band "The Highwaymen" zusammen und machen Musik entgegen der aalglatt gewordenen Country Musik-Szene - und das mit Erfolg.

Das richtige Comeback kommt jedoch fast ein Jahrzehnt später. Nach dem Angebot eines Plattenvertrags mit dem Produzenten Rick Rubin erhält Johnny Cashs Album "American Recordings" aus dem Jahr 1994 den Grammy für das beste Album in der Sparte Folk Music. Bereits 1980 war Cash in die "Country Music Hall of Fame" aufgenommen worden, 1995 wird er auch noch Teil der "Rock n Roll Hall of Fame", etwas, das nur wenige Künstler schaffen.

2002 erscheint "American IV: The Man Comes Around", mit der Single "Hurt." Im Mai 2003 verliert Johnny Cash unerwartet seine Frau June. Er selbst stirbt vier Monate nach ihr in Nashville, Tennessee.

2005 wird die Kompilation "The Legend of Johnny Cash" veröffentlicht. Sie verkauft sich über zwei Millionen Mal. Johnny Cash geht in die Musikgeschichte als einer der wenigen, die über 90 Millionen Tonträger verkauft haben, ein.

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