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Kultur

Der Müll, die Stadt und der Diesel

Sie ist schon ziemlich viel herumgekommen in der Welt – Hotelmanagerin und Restaurantfachfrau war die Journalistin aber noch nie. Und das auch noch im Nordirak. Für Doris Bulau ein Abenteuer der besonderen Art.

Baustelle mit Müll in Erbil, Nordirak (Foto: DW / Doris Bulau)

Alltag im kurdischen Erbil

Es macht Bumm! und der Strom verabschiedet sich mit einem heftigen Seufzer. Alles ist dunkel im Restaurant "Deutscher Hof". Ziemlich unheimlich. Ismael, der Angestellte aus Bangladesh, rennt nach draußen. Er weiß, wo der Hebel für den Generator ist. Rumms! Noch ein Stöhnen der Anlage und Licht ist wieder da. Alltag im Nordirak. Das Spiel wiederholt sich hier täglich. Bis zu acht Stunden am Tag verschwindet die Energie und dann sind die Generatoren dran.

Diesel

Gespeist mit Diesel, ein schlechter, verunreinigter allerdings, der Kopfschmerzen und Kratzen im Hals verursacht. Es nervt! Ich muss hier schließlich fit bleiben! Heute habe ich schon mehrfach versucht, e-mails zu schicken – rumms! Und wieder war alles weg. Mein Akku schwächelt, der Kühlschrank in der Küche streikt, das Fernsehen muckt - von der vollelektronischen Waschmaschine ganz zu schweigen. Die hat ihr 30-Grad-Programm viermal unterbrechen müssen und jetzt tut sich rein gar nichts mehr. Salah hat dort Hotel- und Restaurantwäsche drin, doch die Tür lässt sich nicht mehr öffnen. Welcome to Kurdistan. Ein hilfreicher Techniker irgendwo? Man bekommt wohl eher ein Brecheisen.

Plastik

Gerade beobachte ich, wie hier der Müll entsorgt wird. Man macht ein Feuer und verbrennt einfach alles. Plastiktüten und viele andere Dinge aus Kunststoff verschmoren unter schwarzen Qualmwolken auf offenen Grundstücken. Dort wird einfach alles abgeladen: Essensreste, Plastikflaschen, leere Dosen von Cola oder Saft liegen wochenlang dort. Schmutz, Ratten, Kakerlaken und Mäuse. Wilde Katzen reißen an den Müllsäcken herum. Daran will und kann ich mich nicht gewöhnen!

Müll brennt in den Straßen von Erbil (Foto: DW / Doris Bulau)

Hier wird der Müll nicht getrennt, sondern gleich verbrannt

Immerhin hat die Stadt Erbil Müllcontainer zur Verfügung gestellt, aber sie reichen nicht aus. Privat können sich die Familien für umgerechnet etwa zwanzig Euro pro Tonne eigene Container kaufen. Die werden auch geleert. Wer sich das nicht leisten kann, entsorgt seinen Abfall in die Landschaft. Auf dem Weg zum Flughafen und aus der Stadt heraus liegt der Müll tonnenweise herum. Vieles fliegt auch aus Autofenstern. Dazwischen Ziegen- und Schafherden. Sogar Gänse, die für Weihnachten hier gezüchtet werden! Sie sehen allerdings ziemlich mager aus. Das Wasser zumindest ist sauber, aber voller Chlor. Die Haare stehen mir nach dem Waschen zu Berge und die Haut juckt. Für Kaffee und Tee verwenden wir hier jedoch nur gefiltertes Wasser – damit es nicht allzu sehr nach Hallenbad schmeckt.

Glas

Ich habe in Deutschland gelernt, den Müll säuberlich in verschiedenfarbige Tonnen zu sortieren: gelb, blau, grün. Und die Flaschen in einen Extra-Container. Solche mitteleuropäischen Kulturtechniken kann ich hier vergessen. Alles in eine Tonne, Essensreste obendrauf und ab damit. Bloß nicht aufregen. Das tut auch Delan nicht, er kommt aus Mossul – wo die Sicherheitslage besonders brisant ist – und ist Geschäftsführer hier im "Deutschen Hof". Der Müll ist nicht sein wichtigstes Problem: "Wir haben mehr Angst, dass die Israelis den Iran angreifen, dann haben wir hier Krieg im Nahen Osten", sagt er. Um die Abfallentsorgung kümmere man sich später. Wenn die Lage stabil sei. Schluss damit! Wir müssen uns jetzt ums Abendessen kümmern. Heute wird es wieder voll. Köchin Ramona macht schon die Semmelknödel fertig. Und was ist schon irakischer Müll gegen gute deutsche Küche!!



Die Journalistin Doris Bulau (Foto: privat)

Doris Bulau

Was mich hierher nach Erbil verschlagen hat? Eigentlich wohne ich ja schon ziemlich nahe dran, in Amman nämlich. Von hier sind es nur eineinhalb Flugstunden in den Nordirak. Früher habe ich in bequemen Büros und schönen Studios gesessen und als Journalistin gearbeitet. In Köln – noch vor drei Jahren. Eine andere Ära, so kommt es mir vor. Jetzt lebe ich zusammen mit meinem Mann in der jordanischen Hauptstadt und bin, was man so schön "mitreisende Ehefrau" nennt. Auch nicht ganz einfach. Da hat mich die Herausforderung gelockt! Ein ganz anderer Job, eine andere Kultur, ein anderes Leben. Wenigstens für ein paar Wochen. Ich bin gespannt, was und wer mir hier so begegnet. Im "Deutschen Hof", in der Küche, im Restaurant – und draußen auf den Straßen.

Autorin: Doris Bulau
Redaktion: Cornelia Rabitz

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