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Sport

Der mühsame Weg zurück nach oben

Die deutsche Leichtathletik-Geschichte begann nur wenig später als die der Olympischen Spiele der Neuzeit. Doch während die Sommerspiele boomen, kommt die Leichtathletik hierkzulande seit Jahren nicht richtig vom Fleck.

Speewerferin Christina Obergfoell (AP Photo/Thomas Kienzle)

Nur sie holte in Peking eine Leichtathletik-Medaille: Speerwerferin Christina Obergföll

Die Deutsche Lina Radke-Batschauer (l.)wird bei den Olympischen Spielen in Amsterdam erst deutsche Olympiasiegerin über 800m (undatiertes Archivfoto).

Lina Raddke, 1928 über 800 m erste deutsche Leichtathletik-Olympiasiegerin

Die internationale Erfolgsgeschichte der deutschen Leichtathletik ist lang. 69 Olympiasiege und 46 Weltmeistertitel wurden bis heute gesammelt. Doch pünktlich zur Weltmeisterschaft im eigenen Land war der Tiefpunkt erreicht: Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking sprang nur eine Bronzemedaille heraus. So schlecht schnitt ein deutsches Team zuletzt 1904 im amerikanischen St. Louis ab. Und das, nachdem schon 2004 in Athen zum ersten Mal seit den Spielen 1956 kein Olympiasieg gelungen war. Cheftrainer Jürgen Mallow war entsetzt. Als erste Reaktion forderte er eine bessere finanzielle Unterstützung der Athleten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) durch das zuständige Bundesinnenministerium.

Doch die Schuld nur bei anderen zu suchen, sei der falsche Weg, entgegnet der ehemalige DLV-Präsident Prof. Dr. Helmut Digel: “Eigentlich gibt es genügend Finanzierungsmöglichkeiten für den deutschen Hochleistungssport. Uns mangelt es im Moment an optimalen Strukturen, hier ist einiges verbesserungswürdig. Und es ist sicher auch sehr genau zu prüfen, ob ausreichend intensiv und ausreichend effizient trainiert wird, um sich mit der Weltklasse zu messen.“

Deutsche Leichtathleten setzen jahrelang Maßstäbe

Leichtathletik-Idol Heide Rosendahl Foto: dpa.

West-Idol Heide Rosendahl

Dabei setzten deutsche Athleten nach dem Zweiten Weltkrieg fast 40 Jahre lang in vielen Disziplinen die Maßstäbe im internationalen Vergleich. Namen wie der des 100-Meter-Weltrekordlers Armin Hary, von Weitspringerin Heide Rosendahl, Hochspringerin Ulrike Meyfarth und den Läuferinnen Renate Stecher und Marita Koch stehen nur stellvertretend für die vielen erfolgreichen Athleten dieser Ära.

Doch einfach so vergleichen lassen sich die Zeiten vor der deutschen Wiedervereinigung und der danach nicht. Zu verschieden seien die Gegebenheiten in der Leichtathletik damals und heute, betont Helmut Digel: "Ich denke, dass sich die Konkurrenz grundsätzlich in einer Weise verschärft hat, wie man dies in keiner anderen olympischen Sportart beobachten kann. Es war in der Tat viel einfacher, denn es haben sich weniger Nationen um diese Medaillen bemüht. Und das Leistungsniveau war unter globaler Perspektive weit begrenzter, als dies heute der Fall ist.“

Wiedervereinigung als Wendepunkt

DDR-Sprintstar Renate Stecher

DDR-Sprintstar Renate Stecher

Der allererste ganz große Erfolg auf internationaler Bühne gelang 1928 Lina Radke, die in Amsterdam den olympischen 800-Meter-Lauf gewann. Am erfolgreichsten waren deutsche Athleten schließlich bei den Sommerspielen 1972: Ost- und westdeutsche Athleten feierten in München zusammengerechnet insgesamt 14 Olympiasiege.

Doch die 40 Jahre andauernde Erfolgsgeschichte besonders der ostdeutschen Leichtathletik wurde nach dem Mauerfall 1989 nicht fortgeschrieben. Eine Kopie des strengen Sportfördersystems der DDR konnte und sollte es im wiedervereinigten Deutschland nicht geben, erklärt Helmut Digel: "Das, was die DDR prägte, lässt sich nicht ohne weiteres übertragen in eine offene Gesellschaft. Die Bundesrepublik ist nun einmal eine föderale Republik und da hat man eben Landesverbandsstrukturen, man hat Basisstrukturen, wie sie in der DDR nicht bestanden haben. Und auf diese Weise hat sich ein zentralistisches Konzept ab der erste Minute selbst verboten.“

Dopingsfälle Krabbe und Baumann schaden ungemein

Läufer Dieter Baumann

Auch der Dopingfall Dieter Baumann schadete der deutschen Leichtathletik

Doch nicht nur die ausbleibenden internationalen Erfolge machten der deutschen Leichtathletik in den vergangenen 20 Jahren zu schaffen. Besonders in Sachen Doping erlebte der DLV schwere Zeiten. Zunächst war es Sprinterin Katrin Krabbe aus Neubrandenburg, die für Negativschlagzeilen sorgte. Bei der Doppelweltmeisterin von Tokio, dem deutschen Aushängeschild nach der Wende, wurde 1992 ebenso wie bei Trainingspartnerin Grit Breuer das Dopingmittel Clenbuterol nachgewiesen.

Auch der Doping-Skandal um 5.000-Meter-Olympiasieger Dieter Baumann schlug zur Jahrtausendwende hohe Wellen und endete mit einer knapp zweijährigen Sperre für den Läufer. Beide Fälle schadeten der deutschen Leichtathletik sehr, so Helmut Digel: "Der Fall Krabbe hat vor allem den Graben zwischen Ost und West zunächst vertieft. Und mit der Bestrafung von Dieter Baumann begann eine völlig neue Entwicklung in der Leichtathletik. Es gibt seitdem keine Athleten mehr, die sich öffentlich im Anti-Doping-Kampf engagieren. Dies ist in der Tat ein erheblicher Verlust für die deutsche Leichtathletik.“

Potential für Weltklasse-Leichtathletik ist vorhanden

Etwa 900.000 Menschen betreiben in Deutschland aktiv Leichtathletik in rund 7.600 Vereinen. Dazu kommt der Trend hin zu Fitness und Gesundheit: Zehntausende Breitensportler sorgen bei Stadt-Marathons, Volksläufen und Walking-Events für immer neue Teilnahme-Rekorde. Allein beim größten deutschen Marathon in der Hauptstadt Berlin werden im September etwa 40.000 Starter erwartet. Aber dennoch: Mit den Diskussionen über Doping, sportliche Misserfolge und Nachwuchssorgen verspielte die Leichtathletik zwischen Rostock und München zuletzt viel Kredit.

Helmut Digel ist trotzdem optimistisch, dass die Wende zum Positiven möglich ist: "Wir haben immer noch Athleten, die zur Weltspitze vorstoßen können im Alter zwischen 20 und 28 Jahren. Aber es sind zu wenige, die sich in dieser Konkurrenz befinden. Wir brauchen an der Basis intakte Leichtathletik-Leistungsstrukturen. Die Leichtathletik muss in ausgewählten Zentren betreut werden, wo die Athleten auf hohem Niveau mit anderen gemeinsam trainieren. Dann hat die Leichtathletik noch immer ihre Konkurrenzfähigkeit mit der Weltspitze aufzuweisen.“

WM im eigenen Land als Ansporn nutzen

Hoffnung für Berlin Hochspringerin Ariane Friedrich (AP Photo/Massimo Pinca)

Hoffnung für Berlin - Hochspringerin Ariane Friedrich

Und wer weiß, vielleicht gelingt ja schon bei der Weltmeisterschaft dem ein oder anderen deutschen Athleten ein Überraschungserfolg. Nicht nur Helmut Digel würde sich darüber 111 Jahre nach der ersten deutschen Leichtathletik-Meisterschaft 1898 in Hamburg freuen: "Ich habe die Hoffnung, weil wir Gastgeber sind, weil unsere Athleten sehr motiviert sind, dass wir diese Talsohle Peking überwinden können. Und wenn wir auch ein bisschen Glück haben, wenn die Bedingungen stimmen, dann könnten es durchaus acht bis zehn Medaillen sein.“

Autor: Uli Petersen

Redaktion: Wolfgang van Kann

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