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Kultur

Der märchenhafte Erfolg der Brüder Grimm

Sie heißen "Dornröschen" oder "Der Froschkönig". Sie erzählen von Wundern, dem Recht auf Glück und vom Sieg des Guten. Die Grimmschen Märchen bringen Kinderaugen zum Leuchten und haben Fans in aller Welt.

"Es  war einmal ein kleines Mädchen, das immer ein rotes Käppchen auf dem Kopf trug und deshalb nur das Rotkäppchen genannt wurde. Eines Tages rief die Mutter das Rotkäppchen zu sich und bat es, der Großmutter einen Korb mit einem Kuchen und einer Flasche Wein zu bringen. Die Großmutter wohnte tief im Wald."

Die Schauspielerin Marlies Ludwig senkt die Stimme, hält kurz inne, blickt in die Runde. Zwanzig Grundschüler kauern zu ihren Füßen, auf bunten Kissen haben sie es sich bequem gemacht. Mit ihrer Lehrerin sind sie zu dieser Veranstaltung im Rahmen der Berliner Märchentage gekommen. Anfangs tuscheln sie noch ein wenig, die Mädchen kichern über den weiten schwarzen Mantel, den sich Marlies Ludwig übergeworfen hat. Aber dann erhebt die Schauspielerin wieder ihre volltönende Stimme, erzählt das Märchen vom Rotkäppchen weiter und zieht die Kinder unmerklich in ihren Bann. Eine ganze Stunde lang geht das so.

Fesselnde Geschichten

Marlies Ludwig erzählt und schlüpft dabei in verschiedene Rollen, sie quakt wie ein Frosch, schimpft als grantige Fischersfrau und wiegt sich wie das Aschenbrödel auf dem Tanzparkett. Manchmal lässt sie sich von den Kindern beim Erzählen unterstützen oder auch lautstark korrigieren. Wenn sie das Märchen anders erzählt, als die Brüder Grimm es aufgeschrieben haben.

MÄRCHENLAND - Deutsches Zentrum für Märchenkultur in Berlin Magdeburger Schüler bei der Lesung des Ministerpräsidenten Reiner Haseloff in der Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt, einer Veranstaltung von Märchenland – Deutsches Zentrum für Märchenkultur. Bild: Konzept und Bild / Cathrin Bach ***Bild darf nur im Zusammenhang mit der Berichterstattung zum Deutsches Zentrum für Märchenkultur benutzt werden***

Märchenstunde während der Berliner Märchentage

"Die Märchen der Brüder Grimm sind ein Phänomen", sagt Carola Pohlmann. Sie ist Leiterin der Kinder- und Jugendabteilung der Berliner Staatsbibliothek und hat die Ausstellung "Rotkäppchen kommt aus Berlin" kuratiert, die seit Anfang November einen schönen Überblick auf 200 Jahre Grimms Märchen ermöglicht und deren beispiellose Erfolgsgeschichte illustriert. Tatsächlich sind die Grimm'schen Märchen das meist verbreitete deutsche Buch neben der Luther-Bibel. Sie wurden in mehr als 160 Sprachen übersetzt und werden immer wieder neu erzählt – als Comic, Bilderbuch, Zeichentrick- oder Spielfilm, im Videoclip, auf Hörbüchern oder der Theaterbühne. 

Akribische Sammler

Anfangs deutete kaum etwas auf diesen unglaublichen Erfolg hin. Zumal die Volksmärchen, die die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm auf Anregung von Clemens Brentano, eines Dichters der deutschen Romantik, Anfang des 19. Jahrhunderts zusammen getragen hatten, in ihrer ersten Ausgabe recht spröde klangen und für Kinder daher wenig geeignet waren. Die Grimms waren die selbst gestellte Aufgabe als Wissenschaftler angegangen, geleitet von dem Wunsch, Volksliteratur zu sammeln und Quellen unmanipuliert zu sichern. Vom ersten Band der ersten Auflage ihrer Märchensammlung wurden 1812 gerade einmal  900 Exemplare veröffentlicht – unter dem Titel "Kinder- und Hausmärchen".

Tom Seidmann-Freud: Der süße Brei. Aus: Desjat skazok dlja detej. Berlin: Peregrin, 1923. In Berlin in russischer Sprache erschienenes Märchenbilderbuch der Illustratorin Tom Seidmann-Freud, einer Nichte Sigmund Freuds Abbildung: Staatsbibliothek zu Berlin - PK

Tom Seidmann-Freud: Der süße Brei, 1923

Zum Erfolg wurden die Märchen erst nach gründlicher Umarbeitung, durch Ausschmückung einzelner Szenen, Verniedlichungen und die berühmten Anfangs- und Schlusssätze "Es war einmal…" beziehungsweise "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute". Nicht zuletzt  infolge hinzugefügter Illustrationen fanden die Märchen dann ab 1830 ein immer größeres Publikum, innerhalb weniger Jahrzehnte hatten sie Freunde auf der ganzen Welt.

Märchenhafter Ton

Die Brüder Grimm, sagt Carola Pohlmann, hätten ganz offensichtlich  einen Ton getroffen und geformt, den Menschen überall auf der Welt  ganz selbstverständlich mit "Märchen" verbinden. Und weil sich die Themen, um die ihre Märchen kreisen, in abgewandelter Form auch in anderen Volksliteraturen finden, werden sie überall verstanden.

Grimms Märchen, meint Carola Pohlmann, "fühlen sich einfach in vielen Kulturkreisen wie zu Hause". Kinder mit Wurzeln in osteuropäischen Ländern, in Afrika oder Asien seien mit ihnen oft besonders vertraut.

MÄRCHENLAND - Deutsches Zentrum für Märchenkultur in Berlin Märchenerzählerin Bild: gemeinfrei

Wunderbare Märchenwelt

Die zahlreichen Ausgaben, in denen die Märchen im Laufe der Jahre erschienen sind, spiegeln aber nicht nur Vorlieben verschiedener Kulturräume, sondern auch sich wandelnde Geschmäcker. Handkoloriert waren die Bücher Mitte des 19. Jahrhunderts, in Bibliotheken schlummern süßlich-kitschige Jugendstil-Ausgaben und Exemplare aus der Nachkriegszeit, die unter erschwerten Bedingungen auf schlechtem Papier gedruckt wurden. Heute gibt es auf dem deutschsprachigen Buchmarkt auch ganz freche Interpretationen mit witzigen Illustrationen, beispielsweise von Rotraut Susanne Berner oder Tomi Ungerer.

Neue Wege der Vermittlung

Aber, sagt Carola Pohlmann, der eigentliche Zauber liege nach wie vor in den Märchen selbst. Und in dem Umstand, dass sie sich so wunderbar zum Vorlesen eignen und dabei Nähe stiften. Weil das Vorlesen nun aber in vielen Familien ein wenig aus der Mode gekommen ist, schaffen Veranstalter wie die Berliner Märchentage Ersatz. Mehr als 800 Veranstaltungen stehen hier jeden Herbst auf dem Programm, zuletzt haben sie über 150.000 Besucher erreicht. Zuhören macht Spaß, das erfährt man hier, und wunderbar vorlesen können nicht nur Schauspieler, sondern auch Sportler, erfolgreiche Unternehmer und Politiker. Immer neue Wege denken sich die Veranstalter aus, um Kinder in die Märchenwelt zu führen. Um sie ruhig werden zu lassen und geduldig, wenn es dann verheißungsvoll beginnt: "Es war einmal...".  

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