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Wirtschaft

Der Lieferant: Siemens stellt Bilanz vor

Siemens-Chef Joe Kaeser hat geschafft, was viele nicht geglaubt haben: Der Radikalumbau des Konzerns macht sich bezahlt. Das Geschäftsjahr 2015 soll aber nur ein Etappensieg sein.

Die Zahlen sind gut. Überraschend gut. Siemens konnte seinen Gewinn im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr um 34 Prozent auf 7,4 Milliarden Euro steigern. Der Umsatz wuchs um sechs Prozent auf 75,6 Milliarden Euro. Für das Geschäftsjahr 2015/2016 verspricht Vorstand Joe Kaeser weitere Umsatzzuwächse und Gewinne. Stolz oder Zufriedenheit strahlt er dennoch nicht aus. Gefühlsregungen haben in Kaesers Welt ganz offensichtlich keinen Platz. Der frühere Siemens-Finanzvorstand ist nüchtern, rational und auf das Wesentliche fokussiert.

"Wir haben geliefert, was wir versprochen haben", formuliert Kaeser bei der Vorstellung der Finanzzahlen des vierten Quartals und des Geschäftsjahres 2015 in Berlin. Er sagt das beiläufig. Fast so, als sei es selbstverständlich, dass der vor eineinhalb Jahren angekündigte Konzernumbau genau so zu verlaufen scheint, wie er es geplant hat. "Wir haben bislang jeden, und ich betone jeden unserer Meilensteine, die wir für 2020 definiert haben, planmäßig erreicht."

13.000 Stellen gestrichen

Welche Opfer dafür gebracht werden mussten, wie viele Arbeitsplätze weggefallen sind und wie viele noch wegfallen werden, darüber spricht Kaeser nicht. Auch nicht auf Nachfrage. Man müsse "die Dinge eben regeln", sagt er und spricht von "geografischer Umverteilung, die die Märkte und die Kunden vorgeben".

Symbolbild Siemens streicht 7800 Stellen

In Erfurt werden Generatoren hergestellt. Der Standort soll erst einmal bleiben

Mit schlechten Nachrichten soll endlich Schluss sein, das ist deutlich zu spüren. Es geht wieder aufwärts, diese Botschaft will Kaeser vermitteln. Mehr als 13.000 Stellen hat er im letzten Geschäftsjahr streichen lassen, weitere sollen folgen. Gerade erst erfuhren die Mitarbeiter des Standorts Frankenthal, dass Dampfturbinen künftig in Brno in Tschechien hergestellt werden sollen. Ein Drittel der 600 Mitarbeiter soll entlassen werden. Für Joe Kaeser sind das "regionale Komponenten, die für regionale Interessen relevant" seien. Für ihn ist weitaus interessanter, dass 92 Prozent der Mitarbeiter in einer Umfrage erklärt haben, sie seien nicht nur voll engagiert, sondern auch bereit, noch mehr für das Unternehmen zu leisten.

Schwieriges Geschäft mit Öl und Gas

800 Millionen Euro hat der Stellenabbau im vergangenen Geschäftsjahr gekostet. Eine Rechnung, die aufgegangen ist. Der Gewinn je Aktie konnte um bis zu ein Fünftel zulegen, die Dividende soll auf 3,50 Euro je Aktie steigen. Insgesamt, so betont Kaeser mehrfach, sei die Mitarbeiterzahl um knapp 10.000 auf 348.000 gestiegen. Allerdings nur, weil Siemens nicht nur Unternehmenssparten verkauft, sondern andere aufgekauft hat. Nach Rolls-Royce Energy gehört seit Ende Juni auch der US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand zu Siemens. Ein Kauf, den Kaeser noch vor dem Beginn des Ölpreisverfalls eingefädelt hatte und der mit rund 7,6 Milliarden Dollar als die bislang teuerste Übernahme der Firmengeschichte gilt.

Trotzdem hat sich Dresser-Rand bislang nicht als überteuerter Fehlschlag erwiesen. Zwar liege der Fokus im Öl- und Gasgeschäft weiter auf der Kostensenkung, vor allem im Gasgeschäft gebe es aber "sehr attraktive Potenziale", so Kaeser. "Wir sehen eklatante Nachfrage bei der Verflüssigung von natürlichem Gas und auch beim Transport dieses Gases zu den Kunden."

Nicht an Siemens vorbei

Auch im China-Geschäft sieht Siemens allen Widrigkeiten zum Trotz weiterhin "gewaltige" Chancen. Wachstumsraten von sieben Prozent seien immer noch das Dreifache dessen, was in Europa erreicht werde. Vor allem im Bereich der Gesundheitstechnik und der Automatisierung gebe es viel Potenzial in China. "Wer hochautomatisierte Fertigung braucht, der kommt im Grunde an Siemens nicht vorbei", so Kaeser.

Damit das so bleibt, will Kaeser noch mehr in Forschung und Entwicklung stecken. Eine Milliarde Euro sollen im kommenden Jahr verwendet werden, um die Produkte weiter zu verbessern. "Die Innovationskraft muss wieder zunehmen", verlangte der Manager. Mit viel Selbstbewusstsein will er auch den weiteren Weg zur Umsetzung der "Siemens Vision 2020" gehen. Ein Weg, der noch weit und anstrengend sei. Vor allem im Volumen müsse Siemens wieder zulegen: "Diese Trendwende ist eine wichtige Aufgabe für das Geschäftsjahr 2015/16, obwohl die weltwirtschaftliche Eintrübung nicht gerade hilfreich ist", so Kaeser. Die Welt erlebe bewegte Zeiten und viele Veränderungen.

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Siemens und die Flüchtlinge

Veränderungen, zu denen der Siemens-Vorstand auch die Flüchtlingskrise zählt. Der Zustrom sei "ein Stresstest für Deutschland und die gesamte Europäische Union, in jeder Weise", so Kaeser, der aber auch bei diesem Thema seiner grundsätzlich nüchternen Herangehensweise treu bleibt. Deutschland habe seit dem zweiten Weltkrieg durch seine Exporterfolge in unnachahmlicher Weise profitiert. "Die Globalisierung war eine geniale Erfindung vor allem für Deutschland und den Wohlstand in diesem Land und jetzt schlägt die Globalisierung zurück." Jetzt gehe es eben mal in die andere Richtung und die sei schwierig und nicht so angenehm.

Kaeser ist sich sicher, dass sich Deutschland verändern wird. "Es liegt an uns - den Unternehmen und Unternehmern - diese Migration positiv mitzugestalten." Siemens helfe im humanitären Bereich, indem Grundstücke und leer stehende Gebäude für die Unterbringung zur Verfügung gestellt würden. Der Konzern biete auch Sprachkurse, Praktika und Förderklassen in seinen Ausbildungszentren an. Ob der Flüchtlingszustrom künftig helfe, den Fachkräftemangel zu beheben, bleibe aber abzuwarten: "Den Flüchtlingsstrom als Lösung des demographischen Problems zu formulieren, ist ambitioniert."