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Politik

Der leuchtende Schuman

Brüssel leuchtet mitten im Europaviertel: am "rond point Schuman". Am berüchtigten europäischen Kreisverkehr, an dem die Kommission und der Rat ihren Sitz haben. Das ist erstaunlich.

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Dort, am Schuman, leuchtete bis jetzt gar nichts. Der Innenplatz des Kreisverkehrs war eine völlig belanglose Steinplatte. Ohne Denkmal, ohne Erinnerungstafeln, ohne Fahnen, ohne Kultur. Ein Platz des Dauer-Staus, ein Platz sicher mit weltrekordverdächtigem Kohlendioxid-Ausstoß, ein Sinnbild des bürokratischen europäischen Brüssels. Eine Adresse zwar, die jeder (na sagen wir ehrlicherweise, fast jeder - und schon gar nicht jeder Taxifahrer) kennt, aber eben hässlich und bedeutungslos, trotz des Namenspatrons Schuman, einem der ganz Großen der europäischen Einigung (dessen Denkmal sich allerdings ganz in der Nähe, am Eingang des Cinquentenaires, des Jubelparks, befindet).

Jetzt aber leuchtet der "rond point Schuman". Verantwortlich: die deutsche Ratspräsidentschaft. Sie hat ein ambitioniertes Kulturrahmenprogramm begonnen, das glanzvolle Ausstellungen, großartige Konzerte, interessante Gespräche und Reden umfasst. Und die erste Ausstellung - wenn man es denn Ausstellung nennen kann - findet sich am Schuman. Eine interaktive Lichtskulptur der schwesterlichen Künstlerinnen Anny und Sibel Öztürk. Der Titel der Skulptur: "Mehr Licht", eine Hommage an die angeblich letzten Worte Goethes. Aber auch ein Hinweis: dort, wo es in Brüssel grau in grau zugeht, dort wo Normen und Richtlinien erfunden werden, dort, wo die Buchstaben und Gesetze regieren, das Sagen haben, dort, wo die politische Elite, die europäischen Beamten in gedeckten Farben ihren (manchmal selbst gesteckten) Aufgaben nachgehen, dort soll es endlich mal leuchten.

Augenschmaus nur bis April?

Und es leuchtet. Wie beim amerikanischen Lichtkünstler Dan Flavin sind es Lichtröhren, die in immer neuen Farbspielen den Platz erleuchten und beleuchten, das Geschehen milder werden lassen, den Dauerstau, das Gehupe, die Geräusche in mildes, wechselhaftes Licht tauchen. Am Tage sanft, am Abend fast spektakulär - da aber sind die meisten schon wieder weg. Leider. Denn das Spiel der Lichter der Schwestern Öztürk ist einfach farbenfroh- ein Augenschmaus, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Abgebaut wird die Lichtskulptur Mitte April. Wahrscheinlich. Denn eigentlich wollen die Deutschen, dass die Stadt Brüssel die Lichtskulptur übernimmt - genauer die laufenden Kosten. Bis jetzt aber hat Brüssel noch nicht Ja gesagt - und Kenner bezweifeln, dass die Stadt genug Geld hat. Aber, es könnte sich ja auch die Kommission bereit finden und aus ihrem Etat das Lichtspektakel bezahlen. Das wäre ein Beitrag, Europa farbenfroher zu machen und dem Eindruck entgegenzuwirken, dass hier in der Metropole der EU Grau in Grau regiert. "Mehr Licht" heißt die Installation von Anny und Sibel Öztürk. Es ist zu hoffen, dass sie die Kommission inspiriert - zu mehr Mut und zu mehr Fantasie. Dann heißt es vielleicht auch nach dem 15. April: Brüssel leuchtet - jedenfalls am Schuman.