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Kultur

Der letzte Zeitzeuge

Was passiert, wenn der letzte Holocaust-Überlebende einer jüdischen Familie verschwunden ist? Wer wird sich seiner erinnern? Diese Frage wirft der Film "Der letzte Mentsch" mit Mario Adorf auf.

Ein alter Mann mit schlohweißem Haar sitzt einem jungen Rabbiner gegenüber. Der alte Mann hat eben seinen letzten Wunsch vorgetragen: Er möchte auf einem jüdischen Friedhof begraben werden. Doch dazu muss er nicht nur Jude sein. Er muss es auch beweisen können. Die Nummer des Konzentrationslagers auf seinem Unterarm ist dem Rabbiner nicht Beweis genug. Haben sich nicht auch viele Nazis solche Nummern auf den Arm tätowieren lassen, um sich reinzuwaschen? Und warum habe der alte Mann nicht die staatliche Rente angenommen, die ihm zustehe? "Durch Vergessen schuldet einem niemand etwas, und man selbst schuldet auch niemanden etwas", entgegnet der Mann und geht.

Der letzte Zeitzeuge

Marcus alias Mario Adorf hat als Einziger seiner Familie das KZ überlebt. Nach der Befreiung will er nicht in sein altes Leben zurück. Er nimmt einen neuen Namen an und vernichtet alle Beweise seiner Herkunft. Er sucht Zuflucht im Vergessen, will so das Schreckliche ungeschehen machen. Erst als alter Mann keimt die Sehnsucht nach den früheren Wurzeln in ihm auf. Und damit auch die Erinnerung an seine Familie und die Schrecken des Konzentrationslagers.

Filmszene aus Der letzte Mentsch (Foto: Felix von Mutalt)

Marcus (M. Adorf) feiert Sabbat

"Das Thema des Films ist: Nicht vergessen", sagt der Schauspieler Mario Adorf im Interview mit der Deutschen Welle. Für etliche Juden sei eine solche Art von freiwilliger Amnesie nach dem Zweiten Weltkrieg die einzige Möglichkeit gewesen, nicht zu zerbrechen. Die Wahrheit bräche trotzdem irgendwann durch und auch die schmerzlichsten Erinnerungen müssten bewahrt werden. "Der letzte Men(t)sch bedeutet ja, dass kein Zeitzeuge mehr da ist, der von all dem, was passiert ist, berichten könnte", sagt Adorf. "Wie würde es dann weiter gehen?" (Anmerk. der Redaktion: "Mentsch" mit "t" entstammt der jiddischen Schreibweise.)

Im Film macht sich Marcus, der mit jüdischem Namen Menahem Teitelbaum heißt, auf die Suche nach den letzten Men(t)schen, die ihn kennen. Dazu muss er in sein Heimatdorf Vác reisen. Mehr per Zufall lernt er die junge Deutsch-Türkin Gül kennen, die einwilligt, ihn für 500€ mit dem Auto nach Ungarn zu fahren. Das ungleiche Duo macht sich auf den Weg in das Herz des alten jüdischen Europas. Zwei Welten, zwei Kulturen, zwei Generationen prallen dabei aufeinander und werden bei dieser aufreibenden und berührenden Reise unverhofft zu Komplizen.

Wer bin ich?

Filmszene aus Der letzte Mentsch (Foto: Felix von Mutalt)

Ein ungleiches Duo : Marcus (M. Adorf) und Gül (K. Derr)

"Er weiß nichts über ihr Schicksal als Deutsch-Türkin, sie hat keine Ahnung vom Holocaust", sagt Pierre-Henry Salfati, Regisseur von

"Der letzte Mentsch"

. "Am Ende finden sie eine Gemeinsamkeit: Sie sind beide auf der Suche nach ihrer Identität." Beide Charaktere haben leidvoll erfahren müssen, wie es ist, in Europa nicht wirklich akzeptiert zu werden, obwohl sie Europäer sind. Bei der gemeinsamen Reise von Köln nach Ungarn lernen Menahem und Gül viel über sich selbst und finden durch den anderen ein Stück Heimat und Familie. In Vác treffen sie schließlich auf eine Frau (Hannelore Elsner), die scheinbar schon lange auf Marcus gewartet hat.

Die russischstämmige Schauspieler Katharina Derr spielt die Rolle der Gül. Durch die Arbeit am Film sei sie sich auch ihrer eigenen Identität bewusster geworden, erzählt sie: "Ich war fünf, als wir nach Deutschland gezogen sind. Ich habe meine Familie und meine Freunde hier, aber es fehlt mir doch etwas. Irgendetwas zieht mich noch wo anders hin."

Filmszene aus Der letzte Mentsch (Foto: Emil Zander)

Marcus (M. Adorf) mit einem der letzten Men(t)schen, der ihn noch kennt (H. Elsner).

Die Suche nach der eigenen Identität ist ein zeitloses Thema. Dadurch gewinnt "Der letzte Mentsch" an Qualität und Aktualität. Mögen auch die Handlungsstränge manchmal disparat erscheinen, das starke Schauspielerduo nimmt einen immer wieder mit, so dass man bis ganz zum Schluss gebannt und berührt der Geschichte folgt. "Der letzte Mentsch" ist eine jüdische Geschichte, die in der Gegenwart spielt, wodurch sie sich von anderen historischen Holocaust-Verfilmungen absetzt.

Ein Tattoo als Erinnerung

Am Ende des Films lässt sich Gül Marcus' KZ-Nummer in den Unterarm tätowieren. Für manche mag dies provokant und fragwürdig erscheinen, doch beruht diese Szene auf Tatsachen. In Israel lassen sich mittlerweile immer mehr junge Leute die KZ-Nummern ihrer deportierten Großeltern auf den Arm tätowieren. Es scheint, als wollten sie ihre Erinnerung in ihrem eigenen Fleisch bewahren. "Es ist Provokation, aber eine sanfte Provokation", sagt Regisseur Salfati. Die letzten Zeitzeugen werden bald verschwinden. Die Frage, wie es dann weiter geht, wird auch in "Der letzte Mentsch" nicht beantwortet. Doch die Hauptsache ist, - das wird im Film ganz deutlich - dass man die Erinnerung an diese letzten Men(t)schen vor dem Vergessen bewahrt.

Der Bundesstart des Films wurde vom Verleih kurzfristig auf den 8. Mai verschoben.

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