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Wirtschaft

Der "letzte Krupp" ist tot

Berthold Beitz starb mit 99 Jahren. Über Jahrzehnte lenkte er die Geschicke des Stahlriesen. Internationales Ansehen errang er aber auch durch seinen Widerstand gegen den Völkermord der Nazis.

"Erbe der Krupps", "Diplomat ohne Auftrag" und "Gerechter der Völker": Der am Dienstag (30.07.2013) im Alter von 99 Jahren verstorbene Berthold Beitz konnte auf eine lange Liste offizieller und inoffizieller Ehrentitel zurückblicken. Wie kaum ein anderer deutscher Manager durchlebte er die Höhen und die Tiefen der deutschen Geschichte aus nächster Nähe mit: vom Naziterror über das Wirtschaftswunder bis zur Globalisierung. Noch in seinen letzten Lebensmonaten spielte er eine Schlüsselrolle bei der Neuausrichtung des ThyssenKrupp-Konzerns.

Der frühere Krupp-Manager Berthold Beitz hält am 15.04.2012 in Köln bei der Verleihung des Lew-Kopelew-Preises für Frieden und Menschenrechte 20012 die Urkunde in den Händen (Foto: pa/dpa)

Berthold Beitz wurde 99. Hier im Jahr 2012

Wegen seiner Erfolge beim Wiederaufbau des Krupp-Konzerns nach dem Zweiten Weltkrieg gilt Beitz, der im September 100 Jahre alt geworden wäre, als einer der bedeutendsten Manager der Nachkriegszeit. Doch gingen die Leistungen von Beitz weit über das Geschäftliche hinaus. Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt lobte ihn als "Diplomat ohne Auftrag", der Deutschland bei der Verständigung mit Polen und Russland als Vorreiter gedient habe. Die jüdische Gedenkstätte Yad Vaschem ehrte ihn als "Gerechten der Völker", weil er im Zweiten Weltkrieg in Polen unter Einsatz seines Lebens Hunderte von Juden vor dem Tod rettete.

"Aus dem Gefühl heraus gehandelt"

Seine erste große Bewährungsprobe erlebte Beitz bereits als 28-Jähriger. Als kaufmännischer Leiter der Karpaten-Öl AG war der junge Manager für die Ölfelder im besetzten Polen verantwortlich und sah sich hautnah mit den Gräueltaten der deutschen Besatzer konfrontiert. Doch Beitz sah dem Morden nicht tatenlos zu. Er rettete Hunderte von Juden vor der Deportation in die Konzentrationslager, indem er sie als unentbehrlich für die kriegswichtige Ölproduktion ausgab. Einige jüdische Kinder versteckte er sogar in seinem Haus. Nur mit Glück entging er dabei selbst dem KZ.

"Was ich damals in Polen während des Krieges erleben musste, hat mich geprägt. Die Gräueltaten der Nazis an Männern, Frauen und Kindern, die Angst und der Schrecken in den Augen der Verfolgten, das gräbt sich tiefer ein, als man denkt", sagte Beitz später. "Jetzt im Alter träume ich wieder davon und die Tatsache, dass ich in Zeiten der Verfolgung nicht noch mehr Menschen habe retten können, quält mich bis heute." Er habe damals spontan gehandelt, aus dem Gefühl heraus. "Wenn ich viel nachgedacht hätte, hätte ich es vielleicht gar nicht gewagt."

Neue Märkte im Visier

Doch Mut und Einfallsreichtum prägten den Charakter von Beitz. Das zeigte sich auch, als der branchenfremde Manager 1953 das Angebot von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach annahm und als Generalbevollmächtigter die Sanierung des nach Kriegszerstörung und Demontage am Boden liegenden Krupp-Konzerns in Angriff nahm. Das nach dem Krieg als Waffenschmiede Nazi-Deutschlands geächtete Unternehmen stieg unter seiner Führung wie ein Phönix aus der Asche.

Arndt von Bohlen und Halbach (l) mit dem Generalbevollmächtigten der Firma Krupp, Berthold Beitz (r), am 20.11.1975 während der Verleihung des Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Preises 1975 in der Villa Hügel in Essen (Foto: pa/dpa)

Berthold Beitz (rechts) 1975 mit Arndt von Bohlen und Halbach

Denn Beitz zögerte nicht, neue Wege zu gehen, um Krupp wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Mitten im Kalten Krieg pflegte er Kontakte zu Polen, der UdSSR, Bulgarien und Ungarn und öffnete damit nicht nur Krupp, sondern der ganzen deutschen Industrie den Zugang zu bis dahin verschlossenen Märkten.

"Ich mache weiter, solange ich kann"

Beitz stellte auch die Weichen für die Gründung der Krupp-Stiftung, die noch heute größter Aktionär von ThyssenKrupp ist. Nach Alfried Krupps Tod wurde Beitz 1967 deren Vorsitzender. Jahrzehntelang hielt er danach seine schützende Hand über das Essener Traditionsunternehmen - der Vergangenheit verbunden, doch bereit zu "kreativer Zerstörung", wo ihm dies nötig schien.

So begleitete er als Krupp-Patriarch aus dem Hintergrund die Neuordnung der deutschen Stahlindustrie: die Übernahme von Hoesch durch Krupp und die Fusion der danach noch verbliebenen beiden Stahlriesen zum neuen Konzern ThyssenKrupp.

Seine letzten Jahre wurden allerdings überschattet vom Milliardenfiasko des größten deutschen Stahlkonzerns in Brasilien und den USA sowie den Korruptionsskandalen beim Essener Konzern. Das Debakel traf den Manager tief. "Über Jahre habe ich gehört, bald werde alles besser", sagte Beitz erst kürzlich, "aber es wurde immer schlimmer". Der 99-Jährige zog die Notbremse und entzog nach jahrzehntelanger Zusammenarbeit ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme vor wenigen Monaten das Vertrauen. "Ich musste einfach handeln", sagte er nach Crommes Rücktritt in einem seiner seltenen Interviews. Für ihn selbst war Ruhestand auch damals noch kein Thema: "Ich mache weiter, so lange ich das kann und noch klar im Kopf bin."

Berthold Beitz, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates von ThyssenKruppp, verfolgt am 18.01.2013 in Bochum (Nordrhein-Westfalen) die Hauptversammlung (Foto: pa/dpa)

Bis zuletzt aktiv - hier bei der Hauptversammlung von ThyssenKrupp im Januar 2013

Beitz galt als großer Förderer des Ruhrgebiets. Allein für den Neubau des Folkwang-Museums in Essen spendete die Krupp-Stiftung 55 Millionen Euro. Insgesamt förderte sie in den vergangenen Jahrzehnten mit rund 625 Millionen Euro zahllose Projekte im In- und Ausland. Die Stadt Essen ehrte den Manager schon zu Lebzeiten mit einer nach ihm benannten Straße: der Berthold-Beitz-Boulevard. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, mit Beitz verliere Deutschland "eine seiner angesehensten und erfolgreichsten Unternehmerpersönlichkeiten, die Deutschland an wichtiger Stelle mitgeprägt hat".

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