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Wirtschaft

Der Lehman-Tsunami

Vor einem Jahr ließ die US-Regierung das Bankhaus Lehman fallen - und löste einen Finanz-Tsunami aus. Jens Korte und Miriam Braun zeichnen die Geschichte nach.

Eine Filiale der Lehman Brothers Bank in Frankfurt (Foto: AP)

Eine Filiale der Lehman Brothers Bank in Frankfurt

Pleite waren sie eigentlich alle, die amerikanischen Banken, Investmenthäuser und Hypothekenfinanzierer. Aber warum ließ die Regierung in Washington am 15. September 2008 Lehman Brothers fallen, während Bear Stearns noch ein halbes Jahr zuvor gerettet wurde? Diese Frage beschäftigt die Finanzwelt bis heute. Der Wall Street Händler Jason Weisberg glaubt: "Die Regierung begann sich rauszupicken, wem sie hilft und wem nicht." Den freien Marktkapitalismus habe es nicht mehr gegeben. Es sei keine normale Entwicklung gewesen, sagt Weisberg: "Sie war herbeigeführt von Supermächten, die einfach entscheiden, wem sie helfen und wem nicht."

Ein legendäres Abendessen

Ex-Lehman Chef Richard S. Fuld Jr. (Foto: AP)

Ex-Lehman Chef Richard Fuld: "Brauche keine Ratschläge."

An der Wall Street gibt es eine inoffizielle Version, warum Lehman fallen gelassen wurde. Im Sommer 2008 hat es ein aus heutiger Sicht legendäres Abendessen zwischen Finanzminister Henry Paulson und Lehman Chef Richard Fuld gegeben: Paulson soll Fuld klare Anweisungen gegeben haben, um die Krise zu verhindern. Fuld soll das Angebot rüde ausgeschlagen haben, mit dem Verweis, dass er Lehman seit 15 Jahren lenke und keine Ratschläge brauche. Paulson zog beleidigt ab. Das Schicksal von Lehman wurde womöglich an diesem Abend besiegelt.

Mit fatalen Folgen. Sharyn O'Halloran, Politökonomin der Columbia University in New York sieht gar nicht so sehr die faulen Hypothekenpapiere – die konnten andere Banken auffangen. Sondern: "Nach Lehman liehen sich die Banken einfach kein Geld mehr." Das Bankensystem ist für sie eine interessante Industrie. Eine der wenigen, in der quasi "Produkte“ an Konkurrenten verliehen werden. "Und die gegenseitige Kreditvergabe fror komplett ein. Die Kreditwürdigkeit jeder einzelnen Bank wurde angezweifelt."

Der Tsunami rollt

Verzweifelter Börsenhändler an der Wall Street (Foto: AP)

Vor einem Jahr: Nackte Verzweiflung an der Wall Street

Das Vertrauen in die Märkte war erschüttert. Danach ließ sich der Tsunami nicht mehr aufhalten: Dienstag, 16. September 2008: Die Ratingagenturen stuften die Bonität des angeschlagenen Versicherungsriesen American International Group, kurz AIG, herab. Die Regierung wagte es nicht, auch hier tatenlos zuzusehen und gab 85 Milliarden Dollar. Wall Street Händler Arthur Cashin erlebte das damals so: "An der Wall Street glaubt man, dass die Regierung Anrufe von allen wichtigen Finanzstandorten der Welt bekommen hat: Tokio, Frankfurt, Paris - London. Und alle werden gesagt haben: Seid ihr verrückt? AIG steckt metertief in internationalen Geschäften. Wenn ihr sie untergehen lasst, wird weltweit Chaos ausbrechen." Alleine die Rettung von AIG kostete Washington bis heute 182 Milliarden Dollar.

Lockzinsen und andere Fehler

Die Wurzeln der Krise liegen tief in der Vergangenheit. Der damalige US-Präsident Bill Clinton versprach Ende der 90er Jahre: Jeder Amerikaner solle ein eigenes Heim haben. Gestützt wurde das Versprechen durch die Niedrigzinspolitik des damaligen Notenbankchefs Alan Greenspan. Die Amerikaner wurden zusätzlich mit Lockzinsen verführt. Zwei Jahre fast Nullzins – und danach Hypothekenzinsen von bis zu neun Prozent. Das konnten sich Hunderttausende nicht mehr leisten. Es kam zu massenhaften Zwangsversteigerungen, und die um diese Hypotheken konstruierten Finanzprodukte wurden wertlos.

Wall Street in New York (Foto: AP)

Wall Street in New York: Offenbar nichts dazugelernt

Das war der erste Genickschuss für die Wall Street. Aber nicht nur diese CDOs, also die Hypothekenpapiere, trieben die Finanzwelt an den Rand des Ruins. Auch so genannte Credit Default Swaps, kurz CDS. Während hinter CDOs noch reale Werte, nämlich Immobilien standen, waren CDS zunächst Versicherungen, die dann von der Finanzwelt für Wetten missbraucht wurden. Darauf, ob bestimmte Unternehmen kollabieren oder nicht. Dieser Markt erreichte vergangenes Jahr ein Volumen von 2,6 Billionen Dollar - zu Boomzeiten waren es sechs Billionen. Bis heute ist noch nicht abschließend geklärt, was mit diesen Papieren passiert.

Fatale Hebelwirkung

Alles Geschäfte, die jahrelang Milliardengewinne abwarfen - nicht zuletzt, weil Banken mit Vorliebe mit Hebelwirkung zockten. Pro eingesetztem Dollar Eigenkapital liehen sie sich bis zu 60 Dollar Fremdkapital - und erhöhten damit die Gewinnchancen - aber auch das Risiko. So konnte sich die Kreditblase immer weiter aufblähen.

Proteste gegen Bonus-Zahlungen (Foto: AP)

Als wenn nichts gewesen wäre: Proteste gegen Bonus-Zahlungen in New York

Erschütternd ist die Bilanz der Finanzkrise ein Jahr nach dem schwarzen September: Die schwerste Rezession seit den 30er Jahren kostete bisher allein in den USA fast sieben Millionen Arbeitsplätze, über eine Million Häuser wurden zwangsversteigert, an den Aktienmärkten wurden mehr als 2,6 Billionen Dollar an Ersparnissen zerstört und Steuerzahler in den USA und Europa mussten fast noch mal so viel zahlen, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern. Die US-Notenbanken griff zu Radikalmaßnahmen: Bis heute stehen die Zinsen nahezu bei Null, und es wurden in gigantischem Ausmaß Staatsanleihen und Hypothekenpapiere aufgekauft.

Nichts gelernt

Ein Jahr später drängt sich die Frage auf, ob die Investoren, die Politik oder die Wall Street dazu gelernt haben? Für Sharyn O‘Halloran, Politökonomin der Columbia University in New York, liegt die Antwort auf der Hand: "Nein! Einfach weil die Anreize die gleichen geblieben sind: Banker bekommen immer noch Millionen-Boni auf schnelle Gewinne."

Die Welt ruft nach einer Finanzaufsicht - aber bis heute ist kaum etwas passiert. Eine Sorge: Wenn Amerika bei der Regulierung die Zügel zu straff anzieht, könnte das Geschäft von der Wall Street etwa Richtung Asien abwandern. Die andere große Frage: rollt womöglich der nächste Tsunami auf die Finanzwelt zu? So werden etwa weiter Hypothekenpapiere neu geschnürt, verbrieft und auf den Markt gebracht. Oder: Die Verbriefung von Lebensversicherungen ist der neueste Schrei an der Wall Street. Milliardengewinne, die einige Banken wie Goldman Sachs bereits wieder ausweisen, entstehen durch Eigenhandel - also Zockerei - und nicht etwa im Kerngeschäft bei der Betreuung von Übernahmen oder Börsengängen.

Wall-Street- Broker Jason Weisberg hat keine Illusionen: "Das Geschäft hat sich schon verändert. Aber die Leute haben eine Menge Geld verloren, und das wollen sie wieder zurück!" So schnell wie möglich - und um jeden Preis ...

Autoren: Jens Korte, Miriam Braun
Redaktion: Rolf Wenkel

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