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Politik

Der "Lauf der Welt"

Man kann mit Fug und Recht behaupten, sie hat die Welt im Sturm erobert: die Rede ist vom "Avtomat Kalaschnikow". Sie ist auf allen Schlachtfeldern dieser Erde präsent.

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Stephan Hille

Die Kalaschnikow ist das weltweit verbreiteste Maschinengewehr und die tödlichste Massenvernichtungs-
waffe des 20. Jahrhunderts. Seit ihrer Einführung 1947 sind weit über hundert Millionen Kalaschnikows produziert worden. Sie wird vor allem wegen ihrer Robustheit geschätzt, weniger wegen ihrer Durchschlagskraft oder Präzision. Fünf Armeen sind mit ihr ausgerüstet.

Es heißt, die amerikanischen Soldaten hätten in Vietnam lieber mit erbeuteten Maschinenpistolen "Made in USSR" gekämpft. Auch im irakischen Wüstensand sollen die GIs die Kalaschnikow bevorzugen, aber für diese Information übernimmt der Autor keine Gewähr. Als sicher kann jedoch gelten, dass die Kalaschnikow - außer vielleicht noch dem Wodka - das einzige sowjetisch-russische Markenprodukt ist, dass weltweit von Produktpiraten ohne Lizenz nachgebaut wird. Sehr zum Ärger der Russen, die sonst selber alles kopieren.

Stalinpreise statt Tantiemen

Sehr zum Ärger auch von Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, dem Vater des berühmt-berüchtigten Schnellfeuergewehrs. Hätte der bald 85-jährige Konstrukteur allein für jede sowjetisch produzierte Kalaschnikow einen Rubel vom Staat erhalten, so wäre Herr Kalaschnikow ein reicher Mann. Tatsächlich hat er nicht eine Kopeke Tantiemen für seine Erfindung erhalten. Stattdessen erhielt er Stalinpreise und wurde sowjetischer Volksdeputierter. Jelzin ernannte ihn 1999 noch zum General.

Wenigstens die Einnahmen aus seinen nun auf deutsch erscheinenden Erinnerungen "Mein Leben" dürften die Rente des General Kalaschnikows ein wenig aufbessern. Ob der Leser viel Neues erfährt, bleibt fraglich. Zu häufig schon wurde die Kalaschnikow-Saga erzählt. Mitten im Bürgerkrieg kommt der kleine Michail als das achte von insgesamt 18 (!) Kindern auf die Welt. Von sich selbst behauptet Michail Timofejewitsch, er habe schon früh gewusst, dass er einmal Erfinder werde. Als Beleg führt er an, als erstes habe er Fahrräder zusammen gebaut. Für die Erfindung kam er rund fünfzig Jahre zu spät.

Waffe zur "Verteidigung des Vaterlandes"

Doch bereits als Soldat fällt er den Vorgesetzten als Bastler auf. Als Panzerfahrer wird er 1941 im Krieg von den Deutschen verwundet. Im Krankenbett schließlich brütet Kalaschnikow darüber nach, was die Sowjets nun dringend brauchen: Ein automatisches Schnellfeuergewehr. Doch erst 1947 geht die "AK-47" in die Serienproduktion.

In seinem Buch schreibt der Konstrukteur, es betrübe ihn, die Kalaschnikow in den Händen so vieler Terroristen zu sehen. Er habe seine Waffe zur Verteidigung des Vaterlandes entwickelt. Tatsächlich wurde die Sowjetunion mit der "AK-47" sehr weit von ihren Grenzen entfernt "verteidigt": In den Stellvertreterkriegen des Kalten Krieges in der Dritten Welt. Nur ein Rätsel klärt Herr Kalaschnikow nicht: Es gibt seit längerem Spekulationen, wonach ein gewisser Wassilij Fjodorowitsch Ljuti der eigentliche Erfinder des erfolgreichsten Schnellfeuergewehrs gewesen sein soll. Doch dieser landete im Gulag, überlebte und starb vor einigen Jahren. Geklärt wird diese Frage wohl nie - geschossen wird weiter mit der Kalaschnikow.