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Bildung

Der lange Weg zur Inklusion

Gestresste Lehrer, frustrierte Schüler - Deutschland tut sich schwer mit der Integration behinderter Kinder in Regelschulen. Auf einer Konferenz sollen nun die Probleme erörtert und Lösungen erarbeitet werden.

Während seine Klassenkameraden über den Schulhof rannten, stand der siebenjährige Marvin (Name geändert) alleine an der Wand. Am Unterricht konnte sich der blinde Junge kaum beteiligen. Dafür hätte er ganz andere Lernmaterialien und die permanente Hilfe der Lehrerin gebraucht. Also saß er meistens still zwischen seinen 29 Klassenkameraden. "Wir konnten Marvin nicht richtig fördern und in die Klasse integrieren", sagt Grundschulrektorin Beate Müller (Name geändert) verärgert. "Dafür wäre eine ganz andere sonderpädagogische Unterstützung nötig gewesen."

Wie viele andere deutsche Lehrer fühlt die Pädagogin sich von der Politik alleine gelassen. Seit Deutschland vor vier Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat, gibt es für jedes behinderte Kind einen Rechtsanspruch auf Unterricht in einer Regelschule. Genau den machten die Eltern von Marvin geltend. "Wir haben Inklusion auf dem Rücken des Kindes ausprobiert und sind damit gescheitert", so die bittere Bilanz der Grundschulrektorin.

Erfahrungen wie diese sollen nun am 17. und 18. Juni auf einer großen nationalen Bildungskonferenz in Berlin mit dem Titel "Inklusion gestalten - gemeinsam.kompetent. professionell" besprochen werden. Dazu eingeladen haben das Bundessozial- und Bildungsministerium sowie die Kultusminister der Länder.

"Hoffnungslose Überforderung"

Eine Grundschülerin im Rollstuhl wird von einer Mitschülerin geschoben (Foto: dpa)

Mit Rollstuhl in der Regelschule - in Deutschland ist das bislang eher die Ausnahme

"Viele Pädagogen fühlen sich hoffnungslos überfordert", erklärt Bildungsexperte Heinz Klippert. Der Erziehungswissenschaftler ist jedes Jahr an rund 100 deutschen Schulen unterwegs, um Lehrer fortzubilden. Er kennt Pädagogen, die plötzlich autistische Kinder in der Klasse sitzen haben, die schreien und unter den Tisch kriechen, Lehrer, die körperbehinderte Schüler während des Unterrichts zur Toilette begleiten müssen - und dafür ihre 30 anderen Schüler alleine lassen.

"Wir brauchen in Deutschland dringend mehr Unterstützung für Lehrkräfte", fordert Klippert. Es sei nicht damit getan, die bestehenden speziellen Schulen für Kinder mit Behinderungen einfach aufzulösen und die Sonderpädagogen in sogenannten "Förderzentren" zusammenzufassen. Statt eine Klasse gemeinsam zu unterrichten, sind die Sonderpädagogen nun für eine bestimmte Stundenzahl in verschiedenen allgemeinen Schulen zu Gast und betreuen dort die behinderten Kinder - in der Regel für zwei bis drei Stunden pro Woche.

Inklusion im "Hauruckverfahren"

Ungefähr eine halbe Million Kinder und Jugendliche sind in Deutschland behindert. Bislang besuchen nur 25 Prozent von ihnen eine reguläre Schule. Die anderen gehen auf Sonder- oder Förderschulen. Rund zehn verschiedene Arten von Förderschulen gibt es in Deutschland - so viele wie nirgends sonst auf der Welt. Das will die Politik nun ändern und die Sonderpädagogen langfristig an Regel- statt Förderschulen einsetzen. Denn die haben sich nach Ansicht internationaler Bildungsexperten nicht bewährt: Immerhin verlassen rund 80 Prozent der Jugendlichen die Förderschulen ohne einen Abschluss.

Ein Mädchen mit Down-Syndrom sitzt in der Grundschule zusammen mit nichtbehinderten Schülern der 3. Klasse im gemeinsamen Unterricht und löst eine Matheaufgabe (Foto: dpa)

Behinderte Kinder haben besonderen Förderbedarf

Dass so manches behinderte Kinder in einer Regelschule mehr Lernanreize bekommt, steht auch für Klippert außer Frage. Er befürwortet die Inklusion, warnt aber vor einem "Hauruckverfahren". "Wir haben in Deutschland ein ganz anderes Schulsystem als andere Länder, in denen die Inklusion erfolgreich ist." So lernten Schüler in anderen Staaten bis zur zehnten Klasse gemeinsam, die Pädagogen seien mit individueller Förderung vertraut. In Deutschland dagegen gebe es das gegliederte Schulsystem.

Plädoyer für eine "Strategie der kleinen Schritte"

"Viele Lehrer sind ja noch nicht mal darin geübt, Kinder mit ganz unterschiedlichen Leistungsniveaus gemeinsam zu unterrichten. Wie sollen sie da behinderten Schülern gerecht werden?", fragt der Bildungsexperte. Klippert plädiert daher für eine "Strategie der kleinen Schritte". Erst müsse es mehr verpflichtende Fortbildungen für Lehrer geben, dann die Integration von Kindern mit leichteren Handicaps wie Lernbehinderungen und Verhaltensauffälligkeiten, um dann schrittweise auch geistig- und körperbehinderte Schüler in die Regelschulen aufnehmen zu können.

Erst die Lehrer fortbilden und dann die Inklusion einführen - davon hält der Berliner Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz nichts. "Wir lernen den Umgang mit behinderten Menschen nur dann, wenn wir auch mit ihnen umgehen", betont er. Die Inklusion gehe in Deutschland nicht zu schnell, sondern zu langsam voran. Viele Bundesländer befänden sich diesbezüglich noch im "Tiefschlaf". Rühmliche Ausnahmen seien Bremen und Schleswig-Holstein, wo mittlerweile über die Hälfte aller Schüler mit Förderbedarf eine Regelschule besuchten.

Bessere personelle Ausstattung gefordert

Behinderte und nichtbehinderte Grundschüler helfen sich in einem Klassenzimmer gegenseitig bei Rechenaufgaben (Foto: dpa)

Gemeinsames Lernen will gelernt sein

Doch auch dort fühlen sich viele Lehrer überfordert. "Wir brauchen dringend mehr Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen", sagt Astrid Henke von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Schleswig-Holstein. Die meisten Schulen hätten am liebsten eine Doppelbesetzung von Lehrerkräften und Sonderpädagogen in den Klassen - so wie sie in vielen skandinavischen Ländern, aber auch in Australien üblich sei. Doch daran ist im hoch verschuldeten Schleswig-Holstein nicht zu denken. Statt dessen will die Landesregierung über 3000 Lehrerstellen streichen.

Das Argument: Die Schülerzahlen werden in den nächsten Jahren stark zurückgehen, also braucht man auch weniger Lehrer. "Hier wird die Chance vertan, den demografischen Wandel für die dringend notwendige Reform unseres Schulsystems und die Inklusion zu nutzen", kritisiert die Sonderschullehrerin. Kleinere Klassen, die Doppelbesetzung mit Lehrern und Sonderpädagogen, mehr Fortbildungen, barrierefreie Schulen - all das scheint in weite Ferne zu rücken.

Zurück bleiben gestresste Lehrer, die sich alleine gelassen fühlen - und persönliche Konsequenzen ziehen: "In Schleswig-Holstein arbeiten immer mehr Lehrerinnen und Lehrer als Teilzeitkräfte", beobachtet Astrid Henke. "Sie fühlen sich durch die Anforderungen der Inklusion so stark belastet, dass sie ihre Arbeit reduzieren, um nicht krank zu werden."

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