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Kultur

Der lange Schatten Stalins

Stalin war Diktator, Massenmörder und Erzeuger eines monströsen Personenkults. Er wirft immer noch seine Schatten - in Russland, aber auch in Nordkorea oder dem Irak. Vladimir Müller kommentiert.

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Am 5. März 1953 starb der Georgier Josef Wissarionowitsch Stalin, seit 1922 Parteichef der Sowjetunion (UdSSR). Schon aufgebahrt nahm der Diktator noch nach seinem Ableben ein paar Hundert seiner Untertanen mit in den Tod: Sie wurden von einer trauernden Menge niedergetrampelt. Die Blutspur des einstigen Kreml-Herrschers zog sich noch über seinen Tod hinaus: Folgerichtig für einen der größten Massenmörder der Geschichte, der im Namen der Menschlichkeit eine totalitäre Schreckensherrschaft errichtete und unermessliches Leid hinterließ.

Schon wenige Jahre nach seinem Tod wurde Stalin von seinen Nachfolgern zunächst vom Sockel des "genialen Führers" gestürzt und dann aus dem Mausoleum verbannt. Stalingrad hieß plötzlich Wolgograd, denn der einstige Götze wurde zur Unperson erklärt: "Persönlichkeitskult" hieß es distanzierend. Eine Zauberformel, mit der die Kreml-Führung in den folgenden Jahren bestrebt war, das stalinistische System - von seinen blutigsten Erscheinungsformen gesäubert - zu verschleiern: Im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der Sowjetunion und ihrer Satelliten blieb vieles beim Alten.

Viele Mosaiksteinchen des Stalinismus leben mehr als elf Jahren nach dem Untergang der Sowjetunion und 50 Jahre nach dem Tod Stalins fort: Da ist der Krieg, den Russland gegen Tschetschenien führt - nur eine andere Variante Stalinscher Repressalien gegen das Kaukasus-Volk. Da ist die Übermacht der Sicherheits- und Geheimdienste in den ehemaligen Sowjetrepubliken, sie schafft ebenfalls "Kontinuität".

Überlebt haben auch Formen stalinistischen "Persönlichkeitskultes". Sie wirken zwar ebenso grotesk - wie im Fall des Präsidenten Saparmurat Nijasow in Turkmenistan, dem absurde Verehrung zuteil wird - weniger tödlich sind sie nicht. Dabei ist Nijasow nur der schrillste Fall unter den späten Nachahmern Stalins.

Sie versuchen, den Glanz abzubekommen, der Stalins Name immer noch ausstrahlt, und nicht nur in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zuweilen Nostalgie-Gefühle hervorruft. Denn mit Stalins Namen ist auch der Aufstieg der Sowjetunion zur Großmacht verbunden. Vor allem blieb Stalin als siegreicher Feldherr im Zweiten Weltkrieg in Erinnerung.

Ihm nachzueifern versucht deshalb auch mancher Machthaber jenseits der Grenzen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), der UdSSR-Nachfolgeländer. Die fernöstliche Variante: Nachdem die nordkoreanischen Kommunisten das ineffiziente Stalinsche Wirtschaftssystem konsequent, also bis zum Kollaps, geführt haben, sahen sie nur den einzigen Ausweg: Der "Arbeiter- und Bauernstaat" verdient seine Brötchen durch Waffen- und Drogenhandel, das Volk geht elend zugrunde. Eine bizarre Entwicklung, wäre sie nicht zugleich höchst gefährlich: Pjöngjang ist offensichtlich im Besitz von Massenvernichtungswaffen, mit deren Einsatz es auch offen droht. Ein allerdings höchst "unstalinistischer" Zug - der einstige Kreml-Herrscher trat den USA im Kalten Krieg eher vorsichtig gegenüber.

Und auch Iraks Diktator Saddam Hussein ging offensichtlich schon in seinen Anfängen bei Stalin in die Schule: Um seine Macht zu stärken, ließ er Schauprozesse gegen engste Mitarbeiter veranstalten, später sorgte er stets für Liquidierung jeglicher Opposition und zeigte keinerlei Skrupel bei Verfolgung und Tötung unliebsamer Ethnien.

Doch anders als ihr Vorbild können die gegenwärtigen Despoten auf keinen gerechten Krieg verweisen, den sie gewonnen hätten. Stalins Ausstrahlung aber gründet sich vor allem im Sieg der Roten Armee über Hitler-Deutschland, den er dann für sich persönlich in Anspruch nahm. Nur dieser Gloriole verdankt Stalin noch heute manche Bewunderung. Ohne sie ist er nur ein Massenmörder. Wie seine späten Nachfolger.

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