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Amerika

Der lange Schatten des Bürgerkriegs

Gedenken, Toleranz, Inklusion - Themen, die sich Joachim Gauck auf die Fahne schreibt. Themen, die auch Peru bewegen. Denn die allzu rasche Aufarbeitung der 20 Terrorjahre hat nicht alle Wunden geheilt.

Nur drei Jahre nach seinem Ende im Jahr 2000 galt der Bürgerkrieg zwischen Guerillas und peruanischer Armee offiziell als aufgearbeitet. Wenig Zeit, um einen bewaffneten Konflikt zu bewältigen, der 20 Jahre gedauert und 70.000 Menschen das Leben gekostet hat. Zumal die meisten Ermordeten keiner der Konfliktparteien angehört hatten.

Obwohl das Land sein Trauma bis heute nicht vollständig überwunden hat, lobt Joachim Gauck, was Peru in dieser Hinsicht geleistet hat. Der Bundespräsident befindet sich derzeit in Lima auf Staatsbesuch. Am Sonntag wird er eine Ausstellung zum Gedenken an den Bürgerkrieg eröffnen. Er freue sich darauf, mehr über die Aufarbeitung der Vergangenheit in Peru zu erfahren, sagte er in einem Interview mit der peruanischen Tageszeitung El Comercio.

Nicht nur Gauck, auch der deutsche Friedensforscher und Peru-Experte Ulrich Goedeking zollt der peruanischen Wahrheitskommission Respekt: Ihre Arbeit sei "international hoch anerkannt und kann als Referenz gelten. In den vorgegebenen zwei Jahren hat sie Außerordentliches geleistet". Für ihn ist allerdings auch klar, dass das Ergebnis ihrer Nachforschungen nicht vollständig sein konnte.

Blutige Jahre

Ab 1980 militarisierte sich die

kommunistische Partei "Leuchtender Pfad"

und verübte zunächst einzelne Anschläge in der Andenregion Ayacucho. Als ihr Einflussbereich wuchs, schaltete sich das peruanische Militär ein, ebenso andere Guerillagruppen, wie die indigenen Tupac Amaru. Der Konflikt stürzte große Landesteile in Angst und Gewalt.

Bundespräsident Joachim Gauck mit Ehefrau Daniela Schadt, Perus Staatspräsident Ollanta Humala und dessen Ehefrau Nadine Heredia (Foto: Reuters/M. Bazo)

Bundespräsident Gauck (2. v.r.) auf Staatsbesuch in Peru

Nach seinem Putsch setzte der zunächst demokratisch gewählte Präsident Alberto Fujimori verstärkt Streitkräfte und Geheimdienst gegen die Anführer der Guerillas ein. Im Jahr 2000 endete sowohl der bewaffnete Konflikt als auch Fujimoris Diktatur.

Politischer Kraftakt

Peru erlebte einen politischen Wandel und der eilig einberufene Kongress setzte den Oppositionskandidaten Valentín Paniagua ein. Der nutzte die Übergangszeit, um gegen erhebliche Widerstände eine Wahrheitskommission einzuberufen: "Schwer belastete Persönlichkeiten spielten damals noch immer eine wichtige politische Rolle", erklärt Friedensforscher Goedeking.

"Es war ein politischer Kraftakt", bestätigt auch der peruanische Historiker Ciro Alegría, der die Forschungsgruppe der Wahrheitskommission leitete. Ihr Abschlussbericht dokumentiert 70.000 ermordete oder verschwundene Menschen - die meisten wurden gezielt hingerichtet oder Opfer von Massakern. Mit den Kämpfen zwischen den Konfliktpartien hatten die zumeist indigenen Männer nichts zu tun.

Mehr als die Hälfte der Opfer gehen auf das Konto der Guerillas. Doch auch die Militärs, der Geheimdienst und regierungsnahe Paramilitärs verübten Gräuel an Guerilleros und der Bevölkerung.

Dokumentarische Leistung

Die historische Dokumentation der Verbrechen gestaltete sich schwierig: "Ein Ereignis haben wir nur dann als gesichert anerkannt, wenn es mindestens drei Zeugen unabhängig von einander bestätigt hatten", erklärt der Historiker. Die Opfer der Gewalt in den entlegenen Bergregionen zu finden, in denen die meisten Verbrechen begangen wurden, war schwer genug. Die traumatisierten Menschen nach 20 Jahren Diktatur und Terror zum Sprechen zu bewegen, war die zweite, oft höhere Hürde.

Peru Gedenkstätte Lugar de la Memoria (Foto: Picture-alliance/ZUMA Press)

Die Gedenkstätte LUM soll an die Gräuel der Vergangenheit erinnern

Dennoch haben die Helfer der Wahrheitskommission für ihren Bericht die Aussagen von 16.000 Zeugen dokumentiert und ausgewertet, sagt Alegría: "Ohne große finanzielle und politische Unterstützung - auch aus Deutschland - wäre das wohl in diesem Maße nicht möglich gewesen."

Umstrittene Gedenkstätte

Auch die Gedenkstätte, die Bundespräsident Gauck besucht, ist ein internationales Projekt. Die Bundesregierung hat sie mit 4,5 Millionen Euro aus Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit mitfinanziert. Der "Ort des Gedächtnisses, der Toleranz und der sozialen Integration", auf Spanisch kurz LUM, soll an die Jahre des Terrors erinnern.

Seit Mitte 2014 wartet das Museum auf diese Ausstellung. Sie gilt als Politikum, weil Befehlshaber von damals noch heute hohe Ämter bekleiden. Auch die

Partei des Ex-Diktators Fujimori

übt nach wie vor großen Einfluss aus. Die Wanderausstellung, die Gauck nun eröffnen wird, ist eine Zusammenfassung der Exponate, die ab Ende 2015 als permanente Ausstellung zu sehen sein sollen - ein Kompromiss der Interessen.

Der Historiker Ciro Alegría hält das LUM für eine wertvolle Institution. Allerdings befürchtet er, dass die Gedenkstätte in der Vergangenheit verharren könnte: "Sie muss die Erinnerung greifbar machen, um sie zur Verteidigung der Menschenrechte in Gegenwart und Zukunft zu nutzen", mahnt er. Dabei könne man viel von Deutschland lernen, meint Alegría, der Mitte der 1990er-Jahre in Berlin studierte. Sein Heimatland habe es nötig, denn auch heute noch würden politische Gegner in Peru mit Gewalt bekämpft.

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