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Politik

Der lange Schatten des Bürgerkriegs in Guatemala

Zehn Jahre nach dem Friedensabkommen in Guatemala hilft die "Aktion Misereor", Opfern des damaligen Bürgerkriegs ihre Traumata zu verarbeiten. Viele Menschen erlebten in den Kriegsjahren Schreckliches.

Innenansicht des Nationalpalasts in Guatemala-Stadt

Die Zeit des Kämpfens ist vorbei: Guerillera 1996

Ronald Solis, Koordinator im Bereich Versöhnung beim Menschenrechtsbüro des Erzbischofs von Guatemala, ist ein sachlicher Mann. Doch es gibt Momente, da wühlt auch ihn seine Arbeit zu sehr auf. Zum Beispiel, wenn er als Helfer an den Aushebungen der Massengräber aus der Kriegszeit teilnimmt. "Ich kann mich noch daran erinnern, als ich einmal das Skelett einer Frau sah, die zwischen ihren Beinen noch Reste ihres Babys hatte. Eine Frau, die kurz davor war, ein Kind zu gebären - es war ein Baby von etwa acht, neun Monaten."

Solche Szenen zu erleben, sei für die Arbeiter bei den Exhumierungen schon schlimm genug. Noch schlimmer sei es für die Angehörigen der Opfer von einst, die den Massakern der Paramilitärs zum Opfer fielen. Sie würden erneut ganz unmittelbar mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert, das mehr als 20 Jahre zurückliege, erzählt Solis.

Jahrestag

Alljährlich feiert Guatemala am 29.12. das Ende des Bürgerkriegs, wie hier in Guatemala der UN-Gesandte Tom Könings, Gerichtsvorsitzender Rodolfo de Leon und die nationale Witwen-Beauftragte Rosalina Tuyuc bei einer Zeremonie zum achten Jahrestag des Kriegsendes

Alljährlich feiert Guatemala am 29.12. das Ende des Bürgerkriegs, wie hier der UN-Gesandte Tom Könings, der Gerichtsvorsitzende Rodolfo de Leon und die nationale Witwen-Beauftragte Rosalina Tuyuc (v. l.) bei einer Zeremonie 2004

Am 29. Dezember 1996 unterzeichneten Guatemalas Regierung und aufständische Guerrilleros nach 36 Jahren Bürgerkrieg ein Friedensabkommen. Es besiegelte nicht nur die Waffenruhe, sondern sollte auch die Grundlage für eine bessere politische und soziale Zukunft des Landes bilden. Vor allem sollte der Versöhnungsprozess vorangetrieben werden. Doch bis heute laufen die meisten Täter von einst straffrei herum, die Opfer haben bislang keine Entschädigung erhalten. Auch mit ihren traumatischen Erfahrungen, wie sie Solis schildert, bleiben die Opfer meist alleine.

Einige Organisationen, wie auch das bischöfliche Menschenrechtsbüro Aktion Misereor, versuchen den Betroffenen psychologisch beizustehen. Denn vom Staat würden sie weitgehend alleine gelassen, sagt Conchita Reyes. Sie ist Koordinatorin der katholischen Gesundheitspastoral von Coban, der Hauptstadt der Provinz Alta Verapaz, in der es in den 80er-Jahren viele Massaker gab. "Obwohl die Friedensabkommen das Thema Versöhnung und psychosoziale Hilfe für die Opfer vorsehen, konzentrieren sich die staatlichen Programme eher auf eine klinische Betreuung", sagt Reyes. Das psychosoziale Problem bleibe unbehandelt - also alles, was mit dem Trauma des Krieges zu tun habe, wie die eigene Familie davon betroffen wurde und wie der Einzelne sich wieder in die Gesellschaft einfinden könne. Es gehe aber nicht nur um klinische Betreuung, sondern darum, die Menschen bei den Exhumierungen zu begleiten, bei ihrem Wiedereingliederungsprozess in die Gesellschaft.

Neues Unrecht

Zu der traumatischen Erfahrung aus der Vergangenheit kommen für viele Menschen in Guatemala heutzutage neue Verletzungen ihrer Menschen- und Bürgerrechte hinzu. Auch hier versuchen einige wenige Organisationen, sie im Kampf gegen Unrecht und Ausbeutung zu unterstützen. Zum Beispiel in dem Dörfchen Chilil in der Provinz Quiché, die im Krieg am stärksten von der Gewalt betroffen war. Das winzige Örtchen ist nur über eine unwegsame, bei Regen kaum befahrbare Straße zu erreichen. Vor einer kleinen Hütte trifft sich alle zwei Wochen eine Gruppe von Frauen.

Isabel Sunyda ist eine ihrer Wortführerinnen. "Unsere Väter und Großväter wurden immer diskriminiert", erzählt sie. "Auch im Krieg haben unsere Familien sehr gelitten. Wir mussten in die Berge flüchten. Doch heute leiden wir wieder - die Jungen, die Alten, unsere Kinder, wir alle leiden darunter, dass überall Bergbau entsteht und die Minen unsere Natur zerstören. Wir werden nicht gefragt, ob wir das wollen, wir haben nichts davon. Unsere Geschichte von Leid und Schmerz wiederholt sich."

Isabel und die anderen Frauen beklagen, dass die Regierung über die Köpfe der Menschen hinweg Bergbau-Lizenen an ausländische Firmen vergebe. Diese machten seit Jahren mit dem offenen Bergbau, dem Abbau von Gold und anderen Metallen in Guatemala gute Geschäfte. Von den Gewinnen bleibe nur etwa ein Prozent im Land, dafür aber blieben jede Menge Umweltprobleme - wie etwa die Vergiftung des Bodens und des Grundwassers durch den Einsatz von Zyanid. Die Menschen von Chilil wollen das nicht hinnehmen und um ihre Rechte kämpfen.

Druck von unten ist neu

Mit der Unterstützung von Laura Morales, einer Menschenrechtsverfechterin der Caritas, haben die Dorfbewohner beim Bürgermeister gegen die mögliche Eröffnung einer neuen Mine in ihrer Nachbarschaft protestiert. "Der Bürgermeister hat ihnen daraufhin gesagt, dass keine Lizenz für den Bergbau vergeben wurde", erzählt Morales. "Doch sie haben Recherchen mit anderen Gruppen angestellt, weil sie herausfanden, dass doch Lizenzen vergeben wurden. Und dass der Bürgermeister sie angelogen hat."

Isabel und die anderen Einwohner von Chilil und den umliegenden Dörfern geben nicht auf. Sie wollen den Bergbau in ihrer Region auf jeden Fall verhindern. Derartiger Druck von unten ist etwas Neues in Guatemala, wo sich zahlreiche Politiker noch nicht an den Gedanken der Bürgerbeteiligung gewöhnt haben. Aber der Druck ist offenbar nötig. Denn solange die sozialen Probleme ungelöst bleiben, kann es auch keinen wirklichen Frieden im Land geben.

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