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Amerika

Der lange Schatten der Diktatur

50 Jahre nach dem Putsch der brasilianischen Militärs wird deren Diktatur aufgearbeitet. Damit tat sich das Land lange schwer. So prägt das Erbe jener Jahre das Leben in Brasilien bis heute.

Der Vater war beunruhigt. Seit Tagen hatte sich die Tochter nicht mehr gemeldet, und das, obwohl sie sonst so zuverlässig war und regelmäßigen Kontakt zu den Eltern pflegte. Die Sorgen des Vaters wuchsen, und am Ende bestätigten sich seine Befürchtungen: Die Tochter war entführt und vermutlich auch getötet worden, und zwar auf Anordnung der Militärs, die das Land regierten.

2011 veröffentlichte der brasilianische Publizist Bernardo Kucinski seinen Roman "K. oder die verschwundene Tochter". Darin schreibt er über ein Trauma, das während der brasilianischen Militärdiktatur (1964-85) eine ganze Reihe von Bürgern durchlitt: den ungeklärten Verlust eines oder gar mehrerer Angehöriger. Gut 160 Brasilianer "verschwanden" während der Diktatur auf ungeklärte Weise. Insgesamt wurden in jener Zeit 486 Personen ermordet. Über 100.000 Menschen saßen aus politischen Gründen in Haft,

mindestens 50.000 wurden gefoltert

.

Ein Präsident wird exhumiert

Autor Bernardo Kucinski Brasilien, 30.9.2013 (Foto: Renate Krieger)

Erzählt vom Trauma der Hinterbliebenen: Bernardo Kucinski

50 Jahre nach dem Putsch wird die Herrschaft der Militärs entschlossen aufgearbeitet. So wurden unter der Regie der vor zwei Jahren ins Leben gerufenen "Comissão Nacional da Verdade", der "Nationalen Wahrheitskommission", im vergangenen November die sterblichen Überreste João Goularts, des letzten demokratisch legitimierten Präsidenten vor dem Militärputsch, exhumiert. Goulart starb 1976 im argentinischen Exil. Immer wieder gab es Gerüchte, er sei auf Betreiben der damals in Argentinien herrschenden Militärjunta vergiftet worden. Die chemische Analyse des Leichnams soll nun Gewissheit bringen.

Späte Aufarbeitung

Es brauchte ein Vierteljahrhundert, bis die Brasilianer sich entschlossen,

die Zeit der Militärdiktatur detailliert aufzuarbeiten

. Das hatte durchaus pragmatische Gründe, erläutert Maurice Politi, Direktor von Núcleo Memória, einem Zusammenschluss ehemaliger politischer Häftlinge und Verfolgter, die Brasiliens dunkle Jahre inzwischen auch historisch erforscht. Politi weiß, wovon er spricht: Er wurde als politischer Opponent 1970 verhaftet. Vier Jahre verbrachte er in den Gefängnissen des Regimes, anschließend wurde er ausgewiesen und lebte fünf Jahre im israelischen Exil. Im Unterschied zu anderen Ländern der Region habe das brasilianische Militär die Diktatur selbst beendet, sagt Politi. Die Eliten des Landes hätten eine umfassende Amnestie vorgesehen, die für alle gelten sollte: für die Opfer der Diktatur ebenso wie für jene, die die Verbrechen zu verantworten hatten. "Die Militärs wollten das Land befrieden, zugleich aber ihre alte Macht erhalten. Darum hörte man sehr wenig über diese Zeit. Es wurde auch wenig getan, um sie bekannter zu machen."

Ausstellung in Brasilia zur Diktatur in Brasilien August 2013 (Foto: AFP / Getty Images)

Empörung als ethische Pflicht: Ausstellung zur Erinnerung an die Diktatur

Generell, ergänzt der Historiker Americo Freire von der Getúlio-Vargas-Stiftung, spielt die Erinnerung an den Jahrestag in der Öffentlichkeit nur eine eingeschränkte Rolle. "Die politische Relevanz des Themas ist offensichtlich. Aber es wird nur im Kreis derer diskutiert, die an öffentlichen Debatten ohnehin teilnehmen."

Dabei wäre es nötig, die Debatte aufzugreifen, sagt der Historiker Marco Antonio Villa von der Universität São Carlos. Denn die politische Gewalt beschränke sich in der brasilianischen Geschichte nicht allein auf die Zeit der Militärdiktatur. "Es ist kein Zufall, dass Brasilien 1888 als letztes Land die Sklaverei abgeschafft hat. Diese Tradition der Unterdrückung hat sich erhalten. Bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden Dutzende Anarchisten verhaftet, gefoltert und des Landes verwiesen. Es handelt sich um eine dunkle brasilianische Tradition, die in der politischen Linken ebenso gegenwärtig ist wie der politischen Rechten."

Unter der zögerlichen Auseinandersetzung, sagt Maurice Politi, litten heute vor allem die Angehörigen der Verschwunden. Viele wüssten bis heute nichts über deren Verbleib. "Einige Familien versuchen bis heute den letzten Aufenthaltsort ihrer Verwandten herauszufinden. Sie werden keine Ruhe finden, bis sie von den verantwortlichen Stellen eine Antwort erhalten."

Diktatur prägt politische Kultur der Gegenwart

Nach Einschätzung mancher Aktivisten prägt die Diktatur die politische Kultur des Landes zu Teilen noch heute. Alexandre Mourão von der Gruppe Aparecidos Políticos, die die Diktatur mit künstlerischen Mitteln aufarbeitet, verweist etwa auf das Wappen der Militärpolizei von São Paulo. Dieses enthält 18 Sterne, von denen jeder an ein herausragendes Datum aus der Geschichte der Einheit erinnert. Der letzte Stern verweist auf das Jahr 1964 - in ihm putschten sich die Militärs an die Macht.

General Ernesto Geisel, Präsident Brasiliens von 1974-1979 während eines Besuches in Paris, 27.4. 1976 (Foto: Getty Images)

General Ernesto Geisel, Präsident Brasiliens von 1974-1979

Doch auch einige Gesetze aus jener Zeit hätten sich erhalten, sagt Mourão - etwa das der Nationalen Sicherheit, auf dessen Grundlage im Sommer dieses Jahres Teilnehmer an den zahlreichen Sozialprotesten verhaftet wurden. "Die Polizei in Brasilien geht mit erheblicher Gewalt gegen Demonstranten vor", erklärt der Aktivist. "Sie ist in gewisser Weise militarisiert. Viele Phänomene aus der Militärdiktatur haben sich erhalten."

Mangelndes Unrechtsbewusstsein

Maurice Politi sieht es ähnlich. Auch seiner Einschätzung nach haben die Jahre der Diktatur die politische Kultur Brasiliens geprägt. Da die Militärherrschaft juristisch nicht aufgearbeitet worden sei, habe sich auch kein hinreichendes Bewusstsein von dem damals verübten Unrecht gebildet. Auch darum gebe es in Brasilien heute noch Fälle von Personen, die unauffindbar verschwunden seien. Die Gründe seien zwar nicht mehr in der Politik zu suchen. Stattdessen verschwänden Bewohner von Favelas oder Drogenhändler. "Und das hat unmittelbar damit zu tun, dass die für die Verbrechen der Diktatur Verantwortlichen straflos ausgingen. Das Bewusstsein vom Unrechtscharakter des Regimes ist oft noch zu wenig ausgeprägt."

Eben darum komme es darauf an, die Diktatur hinreichend aufzuarbeiten, erklärt Alexandre Mourão. Darum auch sei die Nationale Wahrheitskommission so wichtig. "Sie trägt dazu bei, die Überbleibsel jener Zeit endlich zu beseitigen."

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