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Deutschland

Der lange Kampf der 'Kriegsverräter' für Gerechtigkeit

Fast sechseinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dürfen als so genannte Kriegsverräter verurteilte Wehrmachts-Soldaten auf Rehabilitierung hoffen. Es war ein langer Kampf.

Enthüllung eines Gedenksteins für Wehrmachtsdeserteure in Buchenwald (Foto: AP)

Enthüllung eines Gedenksteins für Wehrmachtsdeserteure in Buchenwald

Jan Korte (Foto: dpa)

Der Bundestagsabgeordnete Jan Korte warb für die Rehabilitierung der als Kriegsverräter Verurteilten

Es konnte jeden treffen, und es traf viele, die auch nur den leisesten Zweifel am Endsieg der Wehrmacht äußerten. Mehr als 30.000 Todesurteile fällten Militär-Richter. Als "Wehrkraftzersetzung" galt schon der Kontakt zu Kriegsgefangenen, erst recht die Hilfe für Juden. Auch nach dem Kriegsende 1945 blieben die Opfer der NS-Willkürjustiz gesellschaftlich geächtet, während willfährige Richter im Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland Karriere machten. Es ist dem beharrlichen Engagement von einigen, wenigen Justizopfern, Wissenschaftlern und Politikern zu verdanken, dass die so genannten Kriegsverräter nun zumindest auf rechtliche Wiedergutmachung hoffen dürfen.

Kein Verrat, sondern Widerstand

Gedenkstein (Foto: AP)

In Buchenwald einnert seit 2001 ein Gedenkstein an die dort inhaftierten Deserteure

Einer der Engagierten ist Jan Korte, Bundestagsabgeordneter der Linken aus Hannover. Seit über drei Jahren warb er für die Rehabilitierung der NS-Opfer. Der angebliche Verrat sei in Wirklichkeit Widerstand gewesen, sagt Korte. Es gehe darum, "den Widerstand, den Ungehorsam von kleinen, einfachen Soldaten anzuerkennen". Der Makel, vorbestraft zu sein, müsse getilgt werden. Die angeblichen Kriegsverräter verdienten Anerkennung. Korte verweist auf den neusten Stand der Forschung. Demnach haben die meisten als Kriegsverbrecher verurteilten Soldaten aus Gewissensgründen gehandelt. Dadurch hätten sie sich der NS-Vernichtungsmaschinerie entzogen.

"Ein Traum geht in Erfüllung"

Für Ludwig Baumann geht ein "Traum in Erfüllung". Der frühere Wehrmachtssoldat desertierte im Zweiten Weltkrieg und wurde wie viele seiner Leidensgenossen gefoltert und zum Tode verurteilt. Als einer der wenigen überlebte er das Martyrium. 1990 gründete Baumann mit 36 anderen die Bundesvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz. Seitdem setzten sie sich für die auch gesetzliche Rehabilitierung ein, fordern die Aufhebung aller Urteile der NS-Militärjustiz. "Es geht um unsere späte Würde", sagt Baumann. Als Deserteur profitierte er bereits 2002 von einem Gesetz, mit dem alle Fahnenflüchtigen rehabilitiert wurden.

Jüdische Gemeinde begrüßt Rehabilitierung

Ludwig Baumann (Foto: dpa)

Der 87-Jährige Ludwig Baumann begrüßt die Einigung der Fraktionen

Die so genannten Kriegsverräter aber blieben im juristischen Sinne Straftäter. Dass sie nun ebenfalls von aller Schuld freigesprochen werden sollen, wird auch von der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, begrüßt, die sich in einem Brief an alle Fraktionen im Bundestag wandte. Es sei damals darum gegangen, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden, heißt es in dem Brief. "Die Beendigung des Krieges bedeutete, dass das Morden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern schneller beendete wurde und so viele Menschen, darunter viele Juden, ihrer Ermordung entgingen."

Deserteur Baumann: "Es verfolgt mich bis heute"

Wolfgang Wieland (Foto: dpa)

Wolfgang Wieland

Wie Jan Korte von den Linken spricht Grünen-Politiker Wolfgang Wieland vom "letzten Tabu" der NS-Willkürjustiz, das gebrochen werde. Korte erinnert zudem an die Ächtung anderer Widerstandskämpfer. So hätten die mit ihrem Attentat auf Adolf Hitler gescheiterten Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 noch viele Jahre nach 1945 "als Verräter, als Schmierfinken" gegolten. Auch habe lange um die Einsicht gekämpft werden müssen, dass es keine "durch und durch saubere Wehrmacht" gegeben habe, sagt Korte.

Bei aller Freude über die Rehabilitierung der so genannten Kriegsverräter kann der bereits rehabilitierte Deserteur Ludwig Baumann die Vergangenheit niemals vergessen. Die Leiden blieben gegenwärtig", sagt Baumann: "Es ist für mich solch ein Grauen, es verfolgt mich bis heute.

Autor: Marcel Fürstenau

Redaktion: Dirk Eckert

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