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Wirtschaft

Der lange Abschied von der D-Mark in Bosnien

Wenn das Geld aus der Matratze umgetauscht werden muss

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Von der EU-Fahne inspiriert: die Flagge Bosnien-Herzegowinas - bald wird dort auch die Währung euro-inspiriert sein.

Dabei ist eine Konvertible Marka genau so viel wert wie eine D-Mark. Nur, sie ist eben die bosnische Kopie und nicht das deutsche Original. Die KM-Scheine sehen aus wie im Monopoly-Spiel, sagen die jungen Leute, die von ihren ausländischen Arbeitgebern mit D-Mark bezahlt werden. Im Taxi, im Hotel, im Restaurant, auf dem Basar und im Supermarkt, mit der deutschen Währung kommt man überall in Bosnien weiter.

So langsam aber spricht sich herum, dass man sich im nächsten Jahr von der guten alten Deutschen Mark verabschieden muss. Der Euro kommt, gehört hat man ja auch schon einmal davon. Auch die wichtigsten Arbeitgeber, die internationalen Organisationen, zahlen dann nicht mehr wie jetzt üblich mit den Mark-Scheinen. Auch sie müssen die Euros in die bosnische Währung umtauschen.

Aber wie das funktionieren soll, auf den Straßen Sarajevos erntet man nur Schulterzucken, wenn man nach Umtauschkursen oder Wechselstuben fragt. Eine alte Frau, die im Krieg ihr Heim verloren hat, und seither in einer kleinen Wohnung in einem heruntergekommenen Viertel am Stadtrand von Sarajevo wohnt, will vom Euro gar nichts wissen. Ihre Familie lebt im Ausland, in Deutschland. Wenn sie zu Besuch kommen, bringen sie ihr D-Mark mit. Jasmina hat das Geld gesammelt. Wo verrät sie nicht. Auf eine Bank tragen und alles verlieren, wenn die Bank bankrott geht, nein, das kommt nicht in Frage. Was also wird sie mit dem Geld tun, wenn am 1. Januar der Euro kommt? Jasmina hat überhaupt keine Vorstellung. Wie Jasmina gibt es hunderttausende in Bosnien und nicht nur dort.

Denn auf dem Balkan ist das sogenannte "Matratzengeld" Tradition. Vertrauen in die Banken gibt es nicht. Man vertraut lieber auf das eigenen gute Versteck. Gerade Menschen, die auf der Flucht waren wie die alte Jasmina wissen, was es bedeutet, wenn man das bißchen Hab und Gut nicht griffbereit hat. Ihre Kinder, erzählt sie, raten ihr immer das Geld nicht zu Hause zu behalten. Jetzt muss sie wohl auch etwas unternehmen, räumt Jasmina ein. Denn die Mark-Scheine sind ja wohl bald wertlos.

Vor der Bosnischen Zentralbank türmen sich mit Blick auf die Euro-Umstellung Hürden auf. Was passiert, wenn in den Wochen nach der Währungsunion wirklich die geschätzten Milliarden-Beträge umgetauscht werden sollen? Der bosnische Finanzminister beteuert zwar, dass sei alles gar kein Problem. Im zweiten Satz fügt dann aber auch er hinzu, dass es ihm am liebsten wäre, wenn die Deutsche Bundesbank oder wenigsten irgendwer nach Bosnien käme, um das zu regeln. Wie viele D-Mark in Bosnien im Umlauf sind, weiß niemand. Ein paar Milliarden werden es wohl sein, schätzt man in Sarajevo.

Das allerdings seien nur die legalen D-Mark-Bestände. Allein diese Beträge umzutauschen, egal ob die Menschen dann Euro wollen oder endlich die eigene bosnische Konvertible Marka - es werden gigantische Geldmengen sein, die den Besitzer wechseln. So viele Euro wird man vielleicht gar nicht gleich bereitstellen können, befürchtet man im bosnischen Finanzministerium.

Und wer kümmert sich dann um den sicheren Rücktransport der D-Mark-Scheine? Wer überprüft, dass es sich nicht um "Blüten" handelt, die da von Hand zu Hand gehen? Denn in den Euro-Ländern werden die Bankangestellten und auch Verkäufer geschult. Auf dem Balkan sind solche Euro-Banknoten-Kurse bis jetzt nicht vorgesehen.

Ideale Bedingungen für Geldwäsche- und Falschgeldhändler, glaubt man nicht nur in Bosnien. Von all dem hat die alte Jasmina noch nichts gehört. Sie überlegt jetzt aber, vielleicht doch, zum ersten Mal in ihren Leben, bei einer bosnischen Bank ein Konto zu eröffnen. Ganz sicher ist sie sich noch nicht. Vielleicht geht sie auch zu einem der Geldwechsler, da ist der Kurs besser, lächelt sie ein bißchen unsicher. Am Besten, erst einmal abwarten.

Für Jasmina mag es ein Trost sein, dass man in den meisten Balkanländern inzwischen davon ausgeht, dass die D-Mark zumindest hier noch länger akzeptiert wird. Bei der Zentralbank in Sarajevo erfährt man, die D-Mark wird es in Bosnien wohl auch in einem Jahr noch geben.

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