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Kultur

Der Kulturkrieg um die Lusitania

Um die Titanic trauerten die Deutschen noch. 1915 bejubelten sie die Versenkung der Lusitania. An der Katastrophe entzündete sich ein kultureller Krieg, sagt Kulturwissenschaftler Willi Jasper im DW-Interview.

Am 7. Mai 1915 torpedierte ein deutsches U-Boot vor der Küste Irlands die Lusitania, einen großen britischen Luxusdampfer. Er sank innerhalb weniger Minuten und riss mehr als 1200 Menschen mit in den Tod. Unter den Opfern befanden sich zahlreiche namhafte US-amerikanische Persönlichkeiten, Frauen und Kinder. Das Versenken eines zivilen Passagierschiffes ohne Vorwarnung war ein Skandal internationalen Ausmaßes und manifestierte den Ruf der Deutschen als "Barbaren". Das Ereignis trug entscheidend zum Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg bei.

In seinem Buch "Der Untergang der Lusitania: Kulturgeschichte einer Katastrophe" beschreibt der Kulturwissenschaftler Willi Jasper den Abschuss der Lusitania als Grundstein für die totalitäre Gewalt des Ersten Weltkriegs, der viel zitierten "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts". Auf die Lusitania-Katastrophe folgte ein Propaganda-Krieg - Jaspers Buch liefert erstmals eines Analyse der Haltung der deutschen Eliten in diesem Krieg.

Willi Jasper, Kulturwissenschaftler und Publizist

Willi Jasper, Kulturwissenschaftler und Publizist

DW: Wie unterschieden sich die Reaktionen der Deutschen auf den Untergang der Titanic 1912 und auf die Versenkung der Lusitania 1915?

Willi Jasper: Die Titanic war in erster Linie ein Techniksymbol. Das war noch in Friedenszeiten und mit diesem Schiff konnten sich sehr viele identifizieren. Der Untergang der Titanic war auch für die Deutschen ein großes Drama. Sie waren ergriffen, sie haben sogar getrauert. Bei der Lusitania bedeutete jedoch die Tatsache, dass die deutsche Marine einen großen Luxusdampfer versenkt hatte, einen Erfolg. Denn gegen die britische Marine konnten die Deutschen an und für sich wenig ausrichten. Die deutsche Kulturelite schloss sich dem allgemeinen Jubel in der Presse an. Wenige Ausnahmen waren beispielsweise Erich Mühsam oder Kurt Tucholsky. Vor allem der künftige Nobelpreisträger Thomas Mann hat ja auch in diesen Jubelchor mit eingestimmt.

Inwiefern hat der Untergang der Lusitania zu einer Wende im Ersten Weltkrieg geführt? Welchen Symbolcharakter hatte dieses Ereignis?

Die Torpedierung dieses großen zivilen Schiffes hat zum ersten Mal offenkundig demonstriert, dass hier nicht mehr zwischen Soldaten und Zivilisten unterschieden wird. Man riskierte, dass viele prominente Zivilisten, aber auch Frauen und Kinder versenkt werden. Das hat ganz offensichtlich in der Bevölkerung der kriegsbeteiligten Länder viel mehr Erregung produziert als beispielsweise die Massenschlachten in Frankreich und Belgien. Die vielen zivilen Opfer, diese Eskalation der Gewalt, hat einen unglaublichen Sturm der Entrüstung hervorgebracht - und die deutsche Kultur in einen großen Widerspruch zur westlichen Zivilisation gestellt.

Wie hat sich das Bild von Deutschland in England, Frankreich und den USA durch die Torpedierung der Lusitania verändert?

Das Bild war schon ziemlich verdüstert, nachdem Deutschland Belgien als neutrales Land überfallen hatte und dort ganz offensichtlich auch schon unter der zivilen Bevölkerung sehr viele Gräueltaten verübt hatte. Die Stimmung war also bereits aufgeladen - und nach der Torpedierung der Lusitania wurden ziemlich drastische Vergleiche gezogen. Es gab Karikaturen und Plakate, die den Kaiser als Bluthund abbildeten und die davon ausgingen, dass die Deutschen einen Sonderweg beschritten im Gegensatz zur westlichen Zivilisation. Für diesen Sonderweg standen aus dieser Sicht auch die Schriften deutscher Autoren.

Wie haben deutsche Künstler und Intellektuelle auf die Vorwürfe reagiert?

Plakat Der deutsche Kultur-Barbar

Der deutsche "Kultur-Barbar" – hier auf einem Propagandaplakat der US-Armee.

Sie haben versucht, den Angriff auf ihre Kultur abzuwehren. Sie haben versucht darzulegen, dass die deutsche Kultur einen besonderen Status hat. Die Deutschen glaubten weiter an ihre besondere kulturelle Stellung und Mission und klammerten an diesem Gedanken fest. Das eskalierte wirklich bis hin zum Zweiten Weltkrieg, wo sich das Ganze dann noch einmal dramatisch verstärkte.

Thomas und Heinrich Mann verkörperten beispielhaft den "Bruderkrieg" zwischen deutscher "Kultur" und westlicher "Zivilisation" - können Sie uns darstellen, inwiefern?

"Bruderkrieg" ist der Begriff für die Auseinandersetzung der beiden Brüder Thomas und Heinrich Mann. Das war ein Bruderkrieg, der natürlich nicht nur im Familiären tobte. Thomas Mann stand für die Mission des deutschen Sonderwegs, der deutschen Kultur, während Heinrich Mann mehr für die westliche Aufklärung stand. Heinrich wurde von Thomas ja als "Zivilisationsliterat" diffamiert und stand, wenn man so will, mehr im französischen Lager. Die Position von Thomas Mann ist vergleichbar mit der von Gerhart Hauptmann oder Ernst Troeltsch und sie lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: "Das Abendland kann nur durch deutsche Kultur gerettet werden."

Sie beschreiben einen Kampf zwischen der "deutschen Kultur" und der "westlichen Zivilisation". Was war konkret der Unterschied zwischen diesen beiden Perspektiven?

Die "deutsche Kultur" war ein Konstrukt. Es beruhte auf der Annahme, dass die Deutschen aufgrund ihrer Philosophen einen Sonderstatus in Europa hätten und dass die westlichen Länder über keine kulturelle Tiefe verfügten. Damals erschien ein Pamphlet [des Soziologen, Anm. d. Red.] Werner Sombart mit dem Titel "Helden und Händler", das versucht hat, diesen Unterschied auf den Punkt zu bringen. "Helden", das waren nach Sombarts Lesart die deutschen Kulturhelden. "Händler" stand im Gegensatz dazu für eine niedrige angelsächsische, profitorientierte Gesinnung. Diese wurde wiederum sehr schnell mit jüdischen Positionen im Zusammenhang gesehen. Man hat dort sehr schnell den Angriff auf die westliche Zivilisation mit Antisemitismus verbunden.

Glauben Sie, dass es heute noch Spuren dieses ehemaligen Selbstverständnisses der "deutschen Kultur" gibt?

Heute haben wir natürlich keine Situation mehr wie zur Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs. In Europa sind aus Feinden Freunde geworden. Dennoch ist die Aufarbeitung dieser Geschichte noch nicht abgeschlossen. Man kann nur hoffen, dass in Deutschland Ideen des Sonderwegs, auch wenn sie nicht militärisch sind, generell keine Chance mehr haben. Gerade jetzt kommt es darauf an, dass Deutschland in Europa keinen Sonderweg beschreitet und nicht versucht, Europa seine Perspektive aufzuzwingen, sondern dafür eintritt, dass Deutschland europäisiert wird. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen - und gerade hier hat die deutsche Kulturelite, die damals ja so wirklich verfehlt aufgetreten ist, eine große Chance und Möglichkeit, zum ersten Mal eine politische Kontinuität zu vertreten, die sinnvoll ist.

Willi Jasper ist Publizist und Kulturwissenschaftler und war bis 2010 Professor für Germanistik und Jüdische Studien an der Universität Potsdam. "Der Untergang der Lusitania: Kulturgeschichte einer Katastrophe" erschien am 19.02.2015 im be.bra-Verlag.

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