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Asien

"Der Krieg tobt vor den Toren von Kundus"

Hunderte von Talibankämpfer belagern die Stadt Kundus im Norden Afghanistans und greifen Armeestützpunkte an. DW-Korrespondent Yosofi schildert die Lage vor Ort.

Seit mehreren Tagen herrscht in Kundus der Kriegszustand. Geschäfte und Behörden sind geschlossen. Die meisten Bewohner haben sich in ihre Häuser zurückgezogen oder sind ganz geflüchtet. Hunderte von Talibankämpfern liefern sich seit vergangenem Wochenende (25.04.2015) nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt heftige Gefechte mit afghanischen Sicherheitskräften.

Kundus war eine der letzten Hochburgen der Taliban vor dem Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten im Jahr 2001. Die deutsche Bundeswehr war bis Oktober 2013 in der Stadt stationiert. Der Abzug sei zu übereilt geschehen, so die Einschätzung des DW-Korrespondent Mohammad Saber Yosofi aus Kundus.

DW: Wie ist die aktuelle Situation in Kundus?

Yosofi: Momentan ist die Sicherheitslage sehr besorgniserregend. In den Bezirken Imam Saheb, Aliabad und Gul Tepa in Kundus wird weiterhin heftig gekämpft. Die Salven und Explosionen sind in der Stadt zu hören. Die Sicherheitskräfte haben heute einige Aufständische getötet, darunter waren viele ausländische Kämpfer. Einer von ihnen ist ein Kommandeur der Taliban, von dem man sagt, dass er Ausländer ist. Bisher ist nicht bekannt, woher genau er kommt.

Die letzten Soldaten der Bundeswehr wurden Ende 2014 aus Kundus abgezogen. (Foto: Bundeswehr/PAO RC N)

Die letzten Soldaten der Bundeswehr wurden Ende 2014 aus Kundus abgezogen

Ist mittlerweile Verstärkung für die afghanischen Sicherheitskräfte eingetroffen?

Laut Angaben des Polizeichefs in Kundus sind die Streitkräfte noch mit der Organisation und Planung der Operation beschäftigt. Man muss die nächsten Tage abwarten, um zu sehen, ob sich die Lage durch Truppenverstärkung verbessert. Es sind hauptsächlich lokale Kräfte, die gegen die Aufständischen kämpfen. Vertreter des Innenministeriums und andere Regierungsvertreter sind zurzeit in Kundus, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Wie ist die Stimmung unter den Bewohnern der Stadt?

Bei denjenigen, die geblieben sind, kommen die Erinnerungen an die Zeiten des Bürgerkrieges wieder hoch. Sie hoffen inständig, dass sich die Lage wieder normalisieren wird. Bis zu 1600 Familien in den umkämpften Bezirken sollen ihre Häuser verlassen haben. Die Sicherheitskräfte versichern uns, dass die Stadt nicht angegriffen wird. Aber wenn die Kämpfe auf das Stadtgebiet übergreifen, wird niemand dort bleiben.

Es heißt, dass die Terrorgruppe "Islamischer Staat" in Kundus ihre Präsenz verstärkt habe.

Mehrere Hundert Anhänger des IS sollen sich vor allem im Bezirk Chardarra in Kundus aufhalten. Das bestätigte der Gouverneur der Provinz vor einigen Monaten. Damals hieß es, dass sie sich für einen Großangriff vorbereiten würden. Jetzt, da die Kämpfe begonnen haben, bestätigen die Sicherheitsbehörden, dass vermehrt ausländische Kämpfer in Kundus gegen die afghanischen Kräfte kämpfen. Auch laut Augenzeugenberichten der Bevölkerung ist die Zahl dieser Ausländer sehr hoch.

Hängt die derzeitige Eskalation mit dem Abzug der NATO und damit auch der deutschen Truppen zusammen?

Polizei in Afghanistan. (Foto: imago/Xinhua)

Polizei in Afghanistan

Die meisten Menschen in Kundus sind der Ansicht, dass der Abzug der deutschen Truppen zu voreilig war. Sie hätten sich einen längeren Aufenthalt der Bundeswehr gewünscht, auch schon lange vor den jetzigen Kämpfen. Den Abzug der Bundeswehr aus der Provinz empfinden die Menschen als Enttäuschung und tragisch. Jetzt hofft man zumindest auf Luftunterstützung durch die NATO. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind trotz ihrer Ausbildung und ihrer Fortschritte immer noch nicht in der Lage, sich gegen die Extremisten völlig aus eigener Kraft zu verteidigen.

Mohammad Saber Yosofi ist der DW-Korrespondent in Kundus.

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