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Nahost

Der Krieg kennt keine Grenzen

Eine mutmaßliche US-Spezialeinheit hat vom Irak aus ein Dorf in Syrien angegriffen. Doch die USA sind nicht das einzige Land, das im Krieg Grenzen verletzt. Israel und die Türkei verfolgen eine ähnliche Taktik.

Karte syirsch-irakische Grenze (Quelle: DW/Peter Steinmetz)

Die mutmaßlichen Soldaten sollen mit einem US-Hubschrauber gekommen sein

Als "entsetzliches Verbrechen" hat der Pressesprecher der syrischen Botschaft in London einen Vorfall am Sonntagnachmittag verurteilt, bei dem mutmaßliche US-Truppen mit Hubschraubern vom Irak her in syrisches Gebiet eindrangen und bei Abu Kamal, unweit der Grenze, acht Zivilisten töteten. Aus nicht näher genannten US-Militärkreisen war später zu hören, dass man einen Unterschlupf von "El Kaida“ angegriffen habe, von dem aus terroristische Aktivitäten im Irak unterstützt wurden. Als Protest gegen den Angriff wurden in Damaskus der amerikanische Interessenvertreter und der irakische Botschafter ins Außenministerium zitiert. Dabei wurde dem Irak eine Mitschuld an dem Angriff gegeben, der von seinem Territorium aus durchgeführt wurde.

Ein Argument, das auch von den Amerikanern gegenüber Syrien benutzt wird: Solange Damaskus nichts gegen Infiltrationen in den Irak unternehme und bewaffnete Elemente von Syrien in den Irak eindringen könnten, werde Washington "die Dinge selbst in die Hand nehmen". Und während europäische Politiker immer mehr darauf dringen, Syrien aus der Isolation herauszuholen und deswegen in letzter Zeit auch Damaskus besuchen, droht das vorsichtig einsetzende Tauwetter zwischen Damaskus und Washington durch diese Strategie des Pentagon zerstört zu werden.

Syrien ist immer noch "böse"

Neu ist diese Strategie freilich nicht. Und sie dürfte auch nicht in erster Linie aus dem Pentagon kommen, sondern die volle Rückendeckung des Weißen Hauses haben. Einmal natürlich, weil George W. Bush sich von den Ermahnungen der Demokraten und auch der "Hamilton-Baker-Kommission" nicht hat beeindrucken lassen und Syrien immer noch für einen Teil der "Achse des Bösen" hält. Zum zweiten aber auch, weil der US-Präsident im Frühsommer selbst befohlen hat, den Krieg gegen "El Kaida" und die Taliban aus Afghanistan über die Grenze hinweg nach Pakistan hineinzutragen:

In den pakistanischen Stammesgebieten sind seitdem wiederholt Zivilisten und sogar pakistanische Soldaten bei solchen Angriffen umgekommen, und Washington hat seine Taktik nach heftigen pakistanischen Protesten nur in einem Punkt geändert: Es werden keine Boden- oder Luftlandetruppen mehr eingesetzt, sondern unbemannte Flugzeuge. Was allerdings bestenfalls die Gefahr von Verlusten auf amerikanischer Seite reduziert, nicht auf pakistanischer.

Keine unübliche Taktik im Nahen Osten

Washington verfolgt mit dieser Strategie eine Taktik, die im Nahen und Mittleren Osten schon seit langem von Israel angewendet wird und seit einiger Zeit auch von der Türkei. Israel hatte in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder gezielte Angriffe in Nachbarstaaten durchgeführt – mit der Begründung, diese täten nichts gegen bewaffnete Gruppen, die von dort gegen Israel agierten.

Israel hatte aber auch staatliche Ziele in umliegenden Ländern angegriffen, wenn es in diesen eine Gefahr für seine Sicherheit erblickte: Etwa 1981, als man den irakischen Atomreaktor "Osirak" zerstörte, oder im September letzten Jahres, als israelische Flugzeuge in Ostsyrien den Rohbau eines angeblichen Atomreaktors zerstörten. Die Türkei wiederum hat eine lange Geschichte von Militäroperationen im Nordirak, wo sie gegen angebliche PKK-Gruppen vorgeht, die von dort Anschläge in der Türkei planten.

Angriffe ohne Folgen?

Diese Aktionen finden sämtlich ohne Kriegserklärung statt und sie belasten die gegenseitigen Beziehungen anscheinend auch nur vorübergehend. So sind die USA und Pakistan weiterhin liiert, das Verhältnis zwischen Ankara und Bagdad ist recht ungetrübt, und Syrien nahm trotz des israelischen Angriffs sogar indirekte Friedensverhandlungen mit Israel auf. Trotz der heftigen Rhetorik aus der syrischen Hauptstadt dürfte auch der amerikanische Angriff vom Wochenende deswegen keine dauerhafte Auswirkung haben:

In Damaskus weiß man natürlich auch, dass die (Amts-)Tage dieses US-Präsidenten gezählt sind und dass ein Präsident Obama die Beziehungen mit Syrien verbessern will. Gleichzeitig aber muss man auf solch einen Angriff heftig reagieren. Zumal die Opfer offenbar in erster Linie unschuldige Zivilisten waren.

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