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Europa

Der Kreml lässt die Puppen tanzen

Da reibt sich mancher Zuschauer die Augen: Die Staatsführer Medwedew und Putin tanzen auf dem Roten Platz. Natürlich nur als Zeichentrickfiguren. Doch immerhin darf über Politiker wieder gelacht werden in Russland.

Symbolbild für die Rubrik Fernschreiber aus Moskau mit den Zwiebeltürmen in Moskau im Hintergrund (Montage: DW)

Präsident Dmitri Medwedew und Premier Wladimir Putin tanzen, reimen und feixen. Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin, rollt Bierfässer oder verlustiert sich bei Champagner mit Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi. Und US-Präsident Barack Obama trainiert entweder Basketball oder legt mit seiner Außenministerin Hillary Clinton einen coolen Rap aufs Parkett des Oval Office.

Soviel künstlerische Freiheit war lange nicht im russischen Staatsfernsehen. Der Kreml lässt die Puppen tanzen, 3D-computeranimiert. "Mult Litchnosti" heißt die Trickfilmserie - ein Wortspiel mit den russischen Begriffen "Mult-Film" für Zeichentrick und Personenkult: "Kult Litschnosti".

Auf Kosten der anderen

Selbstverständlich kommen Putin und Medwedew im Trickfilm gut weg. Zum Narren machen sich immer die anderen, die ausländischen Politiker. Doch selbst dann sind die Pointen eher mau. "Es gibt in Russland einfach keine Tradition sich über die Staatsführer offen lustig zu machen", sagt der Chef des kremltreuen Ersten Kanals, Konstantin Ernst. "Wir haben da einen anderen Sinn für Humor."

Stimmt nicht! In Russlands Fernsehlandschaft gab es sehr wohl beißenden Spott über die herrschende Kaste. "Kukly", "Die Puppen", hieß die Sendung nach dem Vorbild des britischen "Spitting Image" oder der deutschen TV-Satire "Hurra Deutschland". Doch vor gut zehn Jahren kamen die "Kukly" unter Beschuss. Trotz hoher Einschaltquoten musste der Sender NTV die Puppen schließlich vom Kanal nehmen. Dem damals neuen Herrn im Kreml gefiel vor allem eine Figur nicht: die Puppe Waldimir Putin. Seitdem beherrschen Erfolgsgeschichten der Staatsführer die überregionalen Fernsehprogramme. Zum Wegzappen! - Das denken vor allem die jungen Russen.

Keine Scheu vor mehr Offenheit

"Unsere Zuschauer sind zum großen Teil über 50", gibt Senderchef Ernst zu. Und das will er ändern. Eine weitere neue Sendung hat er ins Programm gehoben. "Schkola", "die Schule" heißt sie, und erzählt von aufmüpfigen Schülern und autoritären, unfähigen Lehrern - von Gewalt, Sex und Drogen unter Jugendlichen. "Ein Skandal", rufen die einen. "Man wolle mehr Offenheit", entgegnet der Sender.

"Alles Unsinn", winken Kritiker ab. "Zwei, drei neue Sendungen ändern doch nichts grundsätzlich am Staatsfernsehen", sagt der Medienanalytiker Alexej Pankin. "Das Programm muss immer noch der Staatsführung gefallen und trotzdem Geld verdienen." Vor allem die Jugend will man vom Internet weg wieder vor die Mattscheiben locken. Was sie zu sehen bekommen, das entscheidet weiterhin die Staatsführung. Die "neue Offenheit" im Fernsehen könnte gerade noch rechtzeitig kommen: Russland wählt schon in zwei Jahren wieder den nächsten Präsidenten. Streng nach Kreml-Inszenierung - versteht sich.

Autor: Markus Reher, Moskau
Redaktion: Nicole Scherschun