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Wissen & Umwelt

Der Krankheit ins Auge sehen

Wer schlecht sieht, geht zum Augenarzt. Aber dessen Diagnose muss nicht unbedingt etwas mit dem Sehen zu tun haben. Augenärzte können viele Erkrankungen erkennen.

"Es kann Ihnen passieren, dass Sie zum Augenarzt gehen und der sagt: Gehen Sie mal zu Ihrem Gynäkologen! Das sieht aus, als wenn Sie Brustkrebs hätten," erklärt Professor Walter Konen vom Universitätsklinikum Köln. "Ich sehe nicht jeden Brustkrebs, aber bei einer Frau, die bald sterben wird, kann ich Metastasen am Augenhintergrund sehen und dann weiß ich: Sie wird keine sechs Monate mehr leben." So extrem muss es nicht immer sein. Aber Augenärzte erkennen viele Erkrankungen, und das oft noch vor der Diagnose durch einen anderen Facharzt.

Diabetes, Bluthochdruck, Multiple Sklerose, sie alle schlagen sich im Auge nieder. Oft sind es reine Routineuntersuchungen, bei denen Erkrankungen ans Licht kommen, die zu einem ganz anderen Fachgebiet gehören als der Augenheilkunde - Rheuma etwa oder Leberprobleme. "Gelbe Augen und gelbe Skleren, also das ursprünglich Weiße im Auge, können Hinweise darauf sein, dass eine internistische Erkrankung vorliegt. Und die muss abgeklärt werden," so Konen. "Da spielt häufig eine Lebererkrankung eine Rolle." Dabei könne es sich zum Beispiel um eine akute oder chronische Hepatitis handeln. Früh erkannt, kann auch früh behandelt werden.

Auch ernsthafte Erkrankungen

Patientin bei Augenuntersuchung (Foto: picture alliance/dpa)

Viele Kankheiten erkennt der Augenarzt bei Routineuntersuchungen

Wenn jemand wegen einer Lesebrille zum Augenarzt geht, der aber dann nach der Untersuchung die Diagnose Diabetes stellt, sind die meisten Patienten wohl erst einmal ziemlich überrascht, gehört eine Zuckererkrankung doch eher in die Hände eines Internisten. Aber der Diabetes hinterlässt eindeutige Spuren, die für den Augenmediziner klar zu erkennen sind. "Beim Diabetes sehen wir feine Aussackungen der Gefäße, sogenannte Mikroaneurysmen und Punktblutungen an der Netzhaut", so Professor Berthold Seitz, Präsident der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, der Fachgesellschaft für Augenheilkunde.

Bei einer Untersuchung wird die Pupille geweitet, dann schaut der Arzt mit dem Augenspiegel ins Sehorgan. Es gebe Methoden, sagt Seitz, bei denen man das Auge mit 60-facher Vergrößerung untersuchen könne. So kann der Mediziner typische Anzeichen für verschiedene Erkrankungen erkennen, eben auch für die Volkskrankheit Diabetes. Die feinen Blutgefäße im Auge lassen Rückschlüsse auf das Blutgefäß-System zu. Bei der sogenannten diabetischen Retinopathie etwa kommt es durch den hohen Zuckergehalt im Blut zu Schädigungen der Netzhaut und der äußerst feinen Gefäße. Das kann letztendlich bis zur Erblindung führen.

In Deutschland betrifft das rund 30.000 Patienten, und jährlich kommen etwa 2000 Menschen hinzu, die wegen Diabetes ihr Augenlicht verlieren. Sich mit anderen medizinischen Fachbereichen intensiv auszutauschen, gehört für Seitz zur täglichen Arbeit. "Jeden Tag kommen 60 bis 70 Patienten in unsere Poliklinik. Da ist dann jeden oder jeden zweiten Tag jemand dabei, bei dem wir an den Augen etwas erkennen, das mit einer Allgemeinerkrankung zu tun haben könnte."

Autoimmunkrankheiten beeinträchtigen Sehen

Netzhautschaden am Augenhintergrund (Foto: picture alliance/dpa)

Anhand der feinen Blutgefäße im Auge kann der Arzt verschiedene Krankheiten erkennen

Nicht nur Diabetes und Bluthochdruck kann der Augenarzt diagnostizieren, auch Autoimmunkrankheiten wie Multiple Sklerose. Bei MS zerstört die körpereigene Abwehr die Ummantelungen der Nervenfasern, die Myelinschicht. Meist bilden sich im gesamten Zentralnervensystem Entzündungsherde. Die können zu leichten Missempfindungen führen, aber auch zu Bewegungsunfähigkeit und schwersten Behinderungen. Oft ist ein bestimmter Hirnnerv betroffen, der die Augenbewegungen kontrolliert. Es kann sein, dass die Patienten zunächst Doppelbilder sehen oder die Sehschärfe beeinträchtigt ist, für den Augenarzt ein möglicher Hinweis auf MS. Diese Erkrankung ist nicht heilbar, aber je früher sie erkannt wird, desto bessere Therapiemöglichkeiten gibt es.

Auch die Diagnose Rheuma wird nicht selten vom Augenarzt gestellt. Dabei komme es typischerweise zu Entzündungen der Regenbogenhaut, so Seitz. "Das ist so, wie wenn Sie in einer Hütte auf einem Berg sind, und morgens herrscht erst Nebel und dann kommt ein Sonnenstrahl durch." Dieses etwas milchig getrübte Bild sehe man bei einer entzündeten Regenbogenhaut in der Augenvorderkammer. "

Auch Morbus Wilson, eine seltene Kupferspeicherkrankheit, die mit einer allmählichen Zerstörung der Leber einhergehe, zeigt sich im Auge. "Da gibt es einen sogenannten Kayser-Fleischer-Ring. Das ist ein brauner Ring, der in der Tiefe der Hornhaut erkennbar ist und der durch Kupfereinlagerungen entsteht", erklärt Seitz. In einem solchen Fall muss der Patient so schnell wie möglich zum Internisten.

Umfangreiche Augenheilkunde

Röntgenaufnahme von Händen mit Rheuma

Auch über Rheuma können die Augen Aufschluss geben

Bei Augenärzten gehöre auch das Thema "Auge und Allgemeinerkrankungen" zur Ausbildung, so Seitz. "Das ist eigentlich meine liebste Vorlesung, denn dabei kann man von Alpha nach Omega wandeln und zeigen, dass die Augenheilkunde eben nicht nur aus Grauem Star und Grünem Star besteht oder, noch schlimmer, aus Brille." Auch die Mikrochirurgie sei tägliches Brot für ihn als Augenarzt: "Ich bin ein leidenschaftlicher Hornhauttransplanteur."

Großgeschrieben wird auch die interdisziplinäre Arbeit. Bei einem Hirntumor etwa gibt es viele Fragen, die in der Augenheilkunde angesiedelt sind, wie Seitz erläutert: "Hat der Patient schon Gesichtsfeldausfälle? Müssen wir eine Gesichtsfelduntersuchung machen? Da gibt es charakteristische Muster. Hat der Patient vielleicht schon eine Ablassung des Sehnervs? Dann ist das eine irreversible Teilzerstörung des Sehnervs." Einigen Patienten ist durchaus klar, welch große Rolle ihr Augenarzt vielleicht schon bei der Diagnose einer Erkrankung gespielt hat. "Es gibt immer wieder Patienten, die einen in den höchsten Tönen loben, weil man dazu beigetragen hat, eine Grunderkrankung zu erkennen. Die wäre ansonsten schleichend weitergegangen."

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