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Europa

Der Knochenjäger von Srebrenica

Fast täglich streift Kleinbauer Ramiz Nukic durch die Wälder vor Srebrenica. Er sucht nach den Überresten der Opfer des Genozids. Sein Ziel: Er will den Angehörigen helfen, Frieden zu finden.

Ramiz Nukic hält inne. Unter einem Holzstamm hat er sie entdeckt, die Knochen: Überreste einer Hand, eines Schienbeins, einer Schulter. Er untersucht sie sorgfältig, legt sie zur Seite und markiert die Stelle mit Blättern und Ästen. So kann er sie wiederfinden, wenn die Experten vom Institut für vermisste Personen vorbeikommen.

Seit mehr als anderthalb Jahrzehnten streift Ramiz Nukic durch die Wälder vor Srebrenica auf der Suche nach den Überresten der Opfer des Massakers. Auch mehr als 20 Jahre später findet er noch Knochen, manchmal auch ganze Skelette, versteckt unter Laubhaufen, Steinen, verfaulenden Bäumen.

Bosnienkrieg, Knochenjäger aus der Oststadt Srebrenica (DW/Zdravko Ljubas)

Fast täglich durchkreuzt Ramiz Nukiz die Wälder um Srebrenica auf der Suche nach Knochen

Ramiz hat seinen Vater und seine zwei Brüder beim Massaker von Srebrenica verloren. Im Juli 1995 stürmten serbische Truppen unter Führung von Ratko Mladic die muslimische Enklave, die unter dem Schutz der UN stand. Mehr als 8000 muslimische bosnische Männer und Jungen wurden brutal abgeschlachtet.

Urteil gegen den "Schlächter vom Balkan"

Über das Schicksal des Generals, der dieses und viele weitere Massaker während des Bosnienkriegs angeführt haben soll, hat nun in Den Haag der Internationale Gerichtshof entschieden. Als Oberbefehlshaber der serbischen Truppen während des Bosnienkrieges ist Ratko Mladic wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Viele Überlebende hatten auf einen Schuldspruch für den sogenannten "Schlächter vom Balkan" gehofft. Im Bosnienkrieg starben zwischen 1992 und 1995 mehr als  100.000 Menschen, Hunderttausende wurden vertrieben. 

Doch für Ramiz Nukic ist der Schuldspruch nur ein kleiner Trost. "Die Kriegsverbrecher werden bestraft. Sie werden eines Tages aus dem Gefängnis entlassen, aber ihre Opfer werden nie zurückkommen", sagt er. "Jeder sollte verantwortlich gemacht werden, die Gerichte sollen ihre Möglichkeiten nutzen, aber niemand kann meinen Wunsch erfüllen, meinen Vater und meine Brüder zurückzubekommen. Egal, wie sehr Mladic bestraft wird, es wird nicht genug für mich sein."

Noch 7000 Vermisste

Trost findet Ramiz stattdessen, indem er nach den Knochen von Opfern des Krieges sucht. Noch immer haben viele Familien ihre Angehörigen nicht bestatten können. "Wir sollten unsere Kinder und Enkel daran erinnern, was hier passiert ist, sie sollten die Opfer nie vergessen, damit so etwas nie wieder passiert", erzählt er der DW. 

Ehemaliger bosnisch-serbischer General Ratko Mladic (Reuters/M.Meissner)

Der ehemalige bosnisch-serbische General Ratko Mladic

Laut dem staatlichen Institut für Vermisste sind etwa 7000 im Krieg verschwundene Menschen noch nicht aufgefunden worden, darunter 1000 vermutliche Opfer des Genozids von Srebrenica. Neue Massengräber werden heute zwar nur noch selten entdeckt, erklärt Instituts-Sprecherin Lajla Cengic, aber "das Institut gibt nicht auf bei der Suche nach Vermissten, damit die Opferfamilien ihre Angehörigen begraben und Frieden finden können".

In Knochenjäger Ramiz Nukic hat das Institut einen unnachgiebigen Partner. 2002 kehrte der bosnische Muslim zurück in sein Heimatdorf nahe Srebrenica. Hier betreibt er heute einen winzigen Bauerhof mit seinem Sohn - eine kleine Fläche Land, ein Dutzend Schafe, ein paar Hühner, eine Kuh.

Über 30 Kilometer am Tag

Die Erinnerungen an seinen Vater und seine zwei Brüder holten Ramiz nach seiner Rückkehr ein. Während Ramiz dem Massaker entkommen konnte und eine Region erreichte, die die bosnisch-muslimische Armee kontrollierte, wurden die Drei von serbischen Truppen getötet. Ramiz machte sich auf eine Mission: Er wollte ihre Überreste finden. Sie sollten in einem richtigen Grab Ruhe finden.

In den Wäldern auf dem Hügel hinter ihrem Haus wurden sie getrennt, daran erinnerte er sich noch.

Bosnienkrieg, Knochenjäger aus der Oststadt Srebrenica (DW/Zdravko Ljubas)

Ein Knochenfund von Ramiz Nukiz

Ramiz begann, auf dem Hügel und in den Wäldern zu suchen, ausgerüstet nur mit einem Holzstock. Die Masse an Knochen, die er fand, erschreckte ihn. Er begann, das Institut für Vermisste zu informieren über seine Funde. In den vergangenen 15 Jahren sind so dank Ramiz etwa 250 Menschen von der Liste vermisster Personen gestrichen worden. Fast täglich ist er mehrere Stunden unterwegs. An manchen Tagen macht er 30 bis 35 Kilometer Strecke.

"Jetzt habe ich Ruhe"

Seinen Vater und seine Brüder hat Ramiz nicht selbst gefunden. Wenige Jahre, nachdem er seine Suchtouren begann, wurden die Drei in einem Massengrab in der Kleinstadt Zvornik gefunden, etwa 40 Kilometer von Srebrenica.

"Ich habe sie in Potocari beerdigt. Jetzt habe ich Ruhe. Ich habe das Gefühl, sie sind hier mit mir", erzählt Ramiz. In Potocari liegt die Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Srebrenica, die gleichzeitig ein Friedhof ist.

Auch wenn seine Brüder und sein Vater ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, macht Ramiz weiter mit seiner Mission. Dass viele andere Menschen nach wie vor ihre Väter, Geschwister, Mütter, Großeltern nicht beerdigen können, lässt ihn nicht los.

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