Der Klimawandel stärkt den Terrorismus | Welt | DW | 15.02.2018
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Klimawandel

Der Klimawandel stärkt den Terrorismus

Hungrig, durstig, arm - wer so lebt, ist empfänglicher für die Anwerbung durch Terrorgruppen. Boko Haram ist ein Beispiel dafür. Die Münchner Sicherheitskonferenz diskutiert den Zusammenhang von Klima und Konflikten.

Kamerun Selbstmordattentat in Kolofate (Getty Images/AFP/Stringer)

Opfer eines Terroranschlags an der Grenze von Kamerun und Nigeria

Anfang Februar wurde Alau-Kofa Ort einer grauenvollen Gewalttat, wie sie im Nordosten Nigerias leider immer wieder vorkommt: Das Dorf wurde von der Terrorgruppe Boko Haram gestürmt. Zwei Menschen wurden lebendig verbrannt, das ganze Dorf in Brand gesetzt, die Rinder weggetrieben. Es war bereits der zweite Überfall innerhalb einer Woche. Dabei liegt Alau-Kofa gerade einmal 12 Kilometer von der Millionenstadt Maiduguri entfernt. Dort in der Hauptstadt des Bundesstaats Borno ist Militär und Polizei stationiert. Deutlicher hätte die islamistische Terrorgruppe die Behauptung der nigerianischen Armee, Boko Haram bezwungen zu haben, nicht widerlegen können.

Boko Haram hat in den vergangenen zehn Jahren geschätzt 20.000 bis 25.000 Menschen getötet. Auch die materiellen Zerstörungen durch die islamistischen Terroristen sind gewaltig: Die Weltbank schätzt die Summe der Schäden auf knapp sechs Milliarden Dollar. Zwei Millionen Menschen mussten fliehen oder wurden vertrieben. Im nigerianischen Bundestaat Borno sollen 30 Prozent aller Privathäuser zerstört sein - und tausende öffentliche Gebäude.

Viehzüchter versus Bauern

Dabei ist Boko Haram nicht das einzige Sicherheitsproblem in der Sahel-Zone. Immer häufiger geraten Viehzüchter und Bauern aneinander. Das geschieht zum Teil, weil die einen meist Christen sind und die anderen Moslems und sie obendrein zu verschiedenen Stämmen gehören. Es geschieht aber auch sehr oft, weil der Klimawandel das Wasser knapp werden lässt und die Menschen ihre Lebensgrundlagen verlieren.

Nigeria Konflikte (Getty Images/AFP/E. Arewa)

Frauen und Kinder im Norden Nigerias stehen an, um Trinkwasser zu erhalten

Der Zusammenhang von Klimawandel und Konflikten wird auch bei der Münchner Sicherheitskonferenz diskutiert. Zwar könne man Konflikte nicht auf eine Ursache allein zurückführen, sagt Patricia Espinosa im DW-Gespräch. Die Generalsekretärin der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) führt aus: "Wir können mit Sicherheit sagen: Klimawandel ist eine der Ursachen für gewaltsame Konflikte. Und in einigen Konfliktregionen besteht auch eine Verbindung zum Terrorismus". Espinosa wird in München beim Panel mit dem Titel "Securing the Sahel" sprechen, "die Sahelzone sicher machen".

Zuletzt hatte auch der Weltsicherheitsrat in einer Stellungnahme die "negativen Auswirkungen des Klimawandels und des Ökologischen Wandels neben anderen Faktoren für die Stabilität von West-Afrika und der Sahel Zone" festgehalten.

Negativbeispiel Tschad-See

Die Region um den Tschad-See gilt als Lehrbuchbeispiel dafür, wie der Klimawandel die Lebensgrundlage von Menschen zerstört  - und damit den Boden bereitet für gewaltsame Konflikte. Rund 30 Millionen Menschen sind auf das Wasser des Tschad-Sees angewiesen, verteilt auf Nigeria, den Tschad, Niger und Kamerun. Der See aber ist in den vergangenen 40 Jahren um 90 Prozent geschrumpft. Das hat nicht nur, aber viel mit dem Klimawandel zu tun.

Etwa 90 Prozent der Menschen in der Region des Tschad-Sees sind für ihren Lebensunterhalt als Fischer, Bauern, Viehzüchter von seinem Wasser abhängig, schätzt Janani Vivekananda. Die Klimawandel-Expertin der Berliner Denkfabrik Adelphi nennt im DW-Gespräch den Klimawandel nicht als alleinige Konfliktursache. Nach ihrer Einschätzung haben die Marginalisierung einzelner Gruppen, ausgeprägtes Stammesdenken, schlechte Regierungsführung und der Mangel an staatlichen Leistungen wesentlich zur Abwärtsspirale beigetragen: "Als der Klimawandel die Lebensgrundlagen verringerte, hat das den Boden für Gewalt und Staatsverfall bereitet. Denn es entstand eine Gruppe junger Männer, die nur wenige Möglichkeiten hatten, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Als bewaffnete Gruppen ihnen einen Ausweg boten, waren sie reif für die Rekrutierung."

Terrorist des Geldes wegen

EineStudie der Nichtregierungsorganisation Mercy Corps (2016) unterstreicht diese Aussage. Mercy Group hatte 47 ehemalige Boko Haram-Kämpfer nach den Gründen für ihren Beitritt zur Terrorgruppe befragt. Religiöse Gründe spielten demnach kaum eine Rolle. Viel wichtiger für den Anschluss an Boko Haram waren wirtschaftliche Gründe: Der Wunsch nach Einkommen, nach Krediten und Bargeld, um heiraten zu können.

Klimawandel-Expertin Vivekananda erläutert, besonders anfällig seien Gemeinschaften und Gesellschaften, die bereits durch Konflikte oder überforderte Regierungen geschwächt sind: "Die Auswirkungen des Klimawandels lassen diese Gesellschaften dann in politische Instabilität abrutschen, sorgen für Nahrungsunsicherheit und verursachen große Migrationsbewegungen". Diese Wanderungen wirkten zusätzlich destabilisierend, das könne zu gewaltsamen Konflikten führen.

Afrika - humanitäre Hilfe im Tschadsee-Gebiet (Getty Images/AFP/I. Sanogo)

Acht Millionen Menschen im Gebiet des Tschad-Sees sind von Hilfslieferungen abhängig

Diese Wirkungskette beobachtet die Expertin auch in anderen Regionen wie Mali oder dem Sudan. Selbst in scheinbar stabilen Staaten wie Jordanien könnten die Auswirkungen von langanhaltender Trockenheit zusammen mit dem massenhaften Zustrom von Flüchtlingen aus Syrien die Balance in Richtung Instabilität kippen lassen.

Der Klimawandel und der Syrienkrieg

Auch der Syrienkrieg hängt mit dem Klimawandel zusammen. So sah es 2015 auch der damalige US-Präsident Barack Obama.

Eine Fallstudie der UN-Organisation für die Koordinierung Humanitärer Angelegenheiten (2016) stellt eindrucksvoll den Zusammenhang dar: Extreme Dürren in den 2000er Jahren, ein um 40 Prozent verringerter Zufluss des Euphrat, schlechtes Wassermanagement in Syrien und eine Reihe von Missernten führten zu einer massenhaften Landflucht. Die Folgen: Massenarbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit, Armut und Kriminalität. Als 2011 der "Arabische Frühling" Syrien erreichte, war der angestaute Sprengstoff groß - die brutale Unterdrückung der Opposition führte schließlich zur gewaltsamen Explosion.

Schon 2012 prophezeite ein gemeinsames Papier der US-Geheimdienste, "viele für die USA wichtige Staaten würden während der nächsten zehn Jahre unter Wassermangel oder auch Überflutungen leiden". Das würde das Risiko von Instabilität und scheiternden Staaten erhöhen und damit zu regionalen Spannungen führen.

Problem erkannt, aber noch nicht bekämpft

Dass bei der Sicherheitskonferenz in München auf zwei von rund 30 Panels über die Sahel-Zone und den Klimawandel als Sicherheitsrisiko diskutiert wird, ist für den Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI, Dan Smith, ein klarer Hinweis, dass die Diskussion den engen Zirkel von Experten verlassen hat.

Woran es aber noch fehle, sagt Smith gegenüber der DW, sei die Umsetzung der Erkenntnisse: "Es gibt bislang keine fokussierte, operationelle Reaktion etwa in der Sahel-Zone oder im Mittleren Osten, wo man sagen würde: Das müssen wir tun, um den Menschen und den Gemeinschaften zu helfen, sich an den Klimawandel anzupassen, damit das Risiko gewaltsamer Konflikte vermindert wird." Rechtzeitig solche Antworten zu finden, würde nicht nur den Menschen helfen. Es würde vermutlich auch Geld sparen. Dem Terror zumindest teilweise den Boden zu entziehen, wäre wohl deutlich billiger als ausschließlich militärische Antworten.

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