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Der Klimawandel sorgt für sehr viel mehr Krankheiten – bei Tieren

Zwischen Blauzungen-Krankheit und Ebola - Forscher gehen davon aus, dass Erkrankungen bei Tieren eng mit dem Klimawandel zusammenhängen. Aber was genau ist der Auslöser und wie können sich Menschen darauf einstellen?

Foto: Die Stechmücke Culicoides (Foto: CC BY-SA 3.0: Alan R. Walker)

Die winzige Stechmücke Culicoides überträgt die Blauzungenkrankheit auf Schafe und andere Tiere.

Schafe in Deutschland bieten in letzter Zeit häufiger ein surreales Bild - sie fiebern, ihre Lippen, Augenlider und Ohren sind geschwollen und ihre Zungen und Mäuler nehmen eine blaurote Färbung an.

Diesem Symptom folgend, nennen Veterinärmediziner die Erkrankung “Blauzungenkrankheit”. Ausgelöst von einem Virus, war sie vor allem aus Afrika bekannt, sagt Heribert Hofer, Direktor des Leibniz Institut für Zoo und Wildtierforschung an der Freien Universität in Berlin. Das Virus befällt vor allem Nutztiere, Rinder, Schafe und Ziegen.

In den vergangenen 10 Jahren gab es immer wieder Fälle von Erkrankungen überall in Westeuropa, infolge von höheren Temperaturen und des feuchteren Klimas. Beides begünstigt die Ausbreitung der Erreger. Bis heute sind der Blauzungenkrankheit in Europa 1,5 Millionen Schafe zum Opfer gefallen.

“Der Klimawandel macht es dem Krankheitserreger leichter, sich auch außerhalb seines normalen Lebensraums auszubreiten”, sagt Hofer. “Wo der Krankheitserreger bereits aktiv ist, richtet er noch größeren Schaden an.”

Tierseuchen als "Kanarienvogel in der Kohlemine"

Die Blauzungenkrankheit ist nur ein Beispiel von einer ganzen Reihe von Krankheiten, deren Ausbreitung durch den Klimawandel begünstigt wird und Tiere befällt. Wissenschaftler wie Hofer sagen, dass sie häufiger auftreten werden, wegen der steigenden Temperaturen.

Tierseuchen sind so etwas wie der sprichwörtliche “Kanarienvogel in der Kohlenmine”, der in seinem Käftig von der Stange fällt, sollte der Sauerstoff knapp werden, ein Hinweis also schnellstmöglich etwas gegen die drohende Gefahr zu unternehmen. Immerhin stammen rund zwei Drittel aller Menschen-Erkrankungen ursprünglich von Tieren, etwa die Hälfte von Nutztieren, sagt Matthew Baylis, Leiter von LUCINDA an der Liverpool University. Er und sein Team beschäftigen sich mit dem Klimawandel und dem Zusammenhang mit Erkrankungen von Tieren.

Foto: Ein Schaf mit Blauzungenkrankheit (Foto: CC BY-NC 2.0: Wilson, Darpel & Mellor (2008) PLoS Biology 6(8): e210)

Die Blauzungenkrankheit hat ihren Ursprung in Afrika und hat sich innerhalb der vergangene zehn Jahre bis nach Europa ausgebreitet; hier tötete die Krankheit 1,5 Millionen Schafe.

Überträger der Blauzungenkrankheit ist Culicoides immitus, eine winzige Stechmücke, ähnlich den Insekten, die auch Malaria übertragen.

Der Wirkungsbereich dieser Erreger, also Mücken, Moskitos und Fliegen, war durch Klimafaktoren auf einen bestimmten geografischen Bereich oder Lebensraum begrenzt. Viele gedeihen prächtig, je wärmer es wird, können aber nicht in höheren Regionen überleben. Das ändert sich rasch, sagt Richard S. Ostfeld, ein leitender Wissenschaftler am Cary Institut of Ecosystem Studies in Millbrook, New York.

Die Spielregeln für Krankheitserreger ändern

“Alle sind sich einig, dass es aktuell Gebiete auf diesem Planeten gibt, wo es heute zu kalt ist, zu extrem für Erreger, um zu überleben”, sagt Ostfeld. “Aber wenn sich das Klima erwärmt, werden sich die Erreger in Richtung dieser Gebiete ausbreiten, sie werden ihren geografischen Horizont erweitern.”

Höhere Temperaturen geben den Insekten einen Wettbewerbsvorteil, sagen die Forscher Samuel S. Myers und Aaron Bernstein in einem Artikel der School of Public Health der Harvard University aus dem Jahr 2011. Nicht nur die Reproduktionsraten und die Überlebenschancen von beißenden und blutsaugenden Überträgern würden sich erhöhen. Im Gegenzug verkürzten sich die Entwicklungszeiten, die ein Parasit im Wirt braucht, um sich selbst weiter verbreiten zu können.

“Auch wenn die Temperaturänderungen aus unserer Sicht nicht sehr groß sind, aus Perspektive der Insekten sind sie es durchaus, weil sie und die Krankheitserreger, die sie in sich tragen, sehr viel sensibler für diese Änderungen sind”, sagt Baylis. “Alle Insekten sind beeinflusst von den Faktoren Temperatur und Regen.”

Das Rifftalfieber etwa, ein Virus, übertragen durch Moskitos, hat sich in letzter Zeit in Afrika und im Mittleren Osten ausgebreitet, weil es dort bis zu dreimal mehr Regen über das Jahr verteilt gab, als gewöhnlich. Die Seuche hat viele verendete Kamele, Rinder, Ziegen und Schafe hinterlassen und damit auch die Lebenssituation der Farmer drastisch beeinflusst.

Nicht nur die Erwärmung ist problematisch

Der Klimawandel sorge auch für Verhaltensänderungen bei Tieren und mache sie so anfälliger für Krankheiten, sagt Baylis. Während Dürreperioden müssten sich Tieren enger um Wasserlöcher scharen. Allein diese räumliche Nähe mache es Krankheitserregern leichter, sich auszubreiten. Und die Tiere, oft in schlechter körperlicher Verfassung wegen der Dürre, wären nicht in der Lage, zu widerstehen.

Es geht allerdings nicht nur um Erwärmungen. Klimaveränderungen im Ganzen sind es, die eine Verbreitung von Krankheiten fördern. So gibt es eine Reihe von Pilzarten, die als Erreger bei Tieren fungieren und unter kälteren Bedingungen besser gedeihen.

Foto: Ein Salamander, der von dem Bd Pilz befallen ist.

Eine Infektion mit Bd, einem Chytridpilz aus der Gruppe der Tröpfchenpilze, ist tödlich für Salamander und Molche in Europa. In kälteren Gebieten verbreitet er sich noch schneller.

BD (Batrachochytrium dendrobatidis) zum Beispiel, ein erst kürzlich identifizierter Pilz, der Europäische Salamander und Molche umbringt. Er verursacht eine tödliche Hautkrankheit und könnte eine Gefahr für mehr als 200 Amphibienarten auf der ganzen Welt bedeuten.

“BD breitet sich nicht so schnell und nachhaltig unter warmen Bedingungen aus”, sagt Ostfeld und ergänzt, dass auch bekannt ist, dass einige Amphibien anfälliger für Erkrankungen sind, je wärmer es wird. “Dem Pilz gefällt Kälte besser.”

Wie die meisten anderen Arten können sich auch diese Amphibien an Veränderungen in ihrer Umgebung anpassen. Allerdings geschehen die Änderungen manchmal zu schnell, um Schritt halten zu können. Deshalb schrumpfen Populationen und geographische Gebiete durch Krankheiten gleichermaßen.

Auswirkungen der Vielfalt

Infektiöse Krankheiten werden einen deutlicheren Einfluss auf die Artenvielfalt haben, als uns bislang klar ist, sagt Hofer.

“Wir erkennen, dass die Auslöser von Infektionskrankheiten einen großen Einfluss darauf haben, nicht nur die Ökologie von Ökosystemen zu verändern, sondern auch die weitere Entwicklung der Arten, ihre Fähigkeiten, auf Herausforderungen zu reagieren und ihre Artenbildung”, so Hofer.

Laut Ostfeld sind immense Investitionen notwendig, Training und die Entwicklung von Medikamenten, um auf solche Probleme reagieren zu können. Arten wandern, sie können ihren Ort als Reaktion auf veränderte Bedingungen anpassen, ergänzt er. Doch der Klimawandel schreitet “so schnell” voran, dass in vielen Fällen die Tiere weder die Chance haben sich ähnlich schnell weiterzuentwickeln, noch ihren Ort schnell genug zu verändern.

“Was auch immer wir tun können, um die Dinge etwas zu verlangsamen”, sagt Ostfeld, “würde einer unschätzbaren Zahl von Arten die Chance geben, sich anzupassen, anstatt einfach zu verschwinden.”

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