1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Global Ideas

Der Klimafeind in meinem Haus

Hypermodern, skurril, recycelt: Baustoffe dürfen heutzutage alles sein – nur nicht klimaschädlich. Ein Überblick über alte Klimasünder und neue Ideen für Häusle-Bauer

Ein Haus aus Yak-Dung (Photo: scjody / CC BY-SA 2.0)

Dung bietet vielfältige, ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten

Rund die Hälfte der weltweit produzierten Energie verbrauchen Privathaushalte. Deshalb ist umweltgerechtes Bauen einer der erfolgversprechendsten Wege, den Klimawandel aufzuhalten. Rund 90 Prozent der in privaten Haushalten eingesetzten Energie wird zum Heizen und Kühlen verwendet. Schlecht isolierte Dächer und veraltete Heizanlagen sind eine Seite des Problems, die energieintensive Erzeugung von Baustoffen eine andere. Neue Materialien können Bauen klimafreundlicher machen.

Ein Musterkind und ein böser Bube auf dem Wege der Besserung

Ein beschlagener Holzbalken (Foto: photofarmer / CC BY 2.0)

Holz wächst nicht nur nach, sondern hat auch ein großes CO2-Einsparpotenzial.

Das Musterkind unter den traditionellen Baustoffen ist Holz. Holz hat nicht nur hervorragende Wärmedämmeigenschaften sondern ist vor allem schon von Natur aus ein CO2-Speicher: Bäume haben die einzigartige Eigenschaft, bei der Photosynthese Kohlendioxid aufzunehmen und als Kohlenstoff zu speichern. In jedem Kubikmeter Holz ist nach heutigem Forschungsstand etwa eine Tonne CO2 gebunden. So lange das Haus steht, gelangt dieser Kohlenstoff nicht zurück in die Atmosphäre. Ein Einfamilienhaus in Holzfertigbauweise kann laut der Initiative HolzProKlima bis zu 80 Tonnen CO2 einsparen.

Ein anderer klassischer Baustoff ist Beton. Laut World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) ist dessen Hauptbestandteil Zement nach Wasser der am häufigsten verbrauchte Stoff auf der Welt. Moderner Zement enthält drei Teile Calcium und ein Teil Silikat, einer Art Mineral-Sand. Zur Gewinnung des Calciums muss der Kalkstein bei rund 1400 Grad gebrannt werden. Dazu werden weltweit Unmengen fossiler Brennstoffe verheizt. Außerdem entweicht beim Brennvorgang jede Menge CO2 aus dem Kalkstein. So gehen fünf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen allein auf das Konto der Zementindustrie!

Blick auf ein Fabrikgelände, eine Zementfabrik, im Vordergrund ein Fluß (mab-ken / CC BY-SA 2.0)

Zementfabriken gehören zu den schlimmsten Dreckschleudern der Welt

Um das zu ändern, mussten Forscher dem ausgehärteten Beton erstmal auf atomarer Ebene zu Leibe rücken, erläutert Franz-Josef Ulm, Professor am Massachusetts Institute of Technology. “Jetzt, da wir die molekulare Struktur kennen,” sagt der Bauingenieur, der als einer der führenden Wissenschaftler im Bereich Betonforschung gilt, “ist es möglich, Calcium durch andere Stoffe zu ersetzen und damit große Mengen Treibhausgase einzusparen.” Die Zementhersteller warten noch ab, doch Ulm sieht die Zukunft positiv: Sobald sich die Politik dazu entscheidet, die Verursacher von Treibhausgasen zur Kasse zu bitten, haben wir innerhalb kürzester Zeit ganz andere Produkte auf dem Markt.“

Schmelzendes Wachs gegen die Hitze

Andere High-Tech-Materialien können über Umwege CO2-Emissionen verringern. Sie halten Räume kühl und können den Einsatz von Klimaanlagen beinahe überflüssig machen. Das lohnt sich auch finanziell, vor allem für Bürokomplexe aus Glas und Stahl. Die werden im Sommer zu regelrechten Treibhäusern, wenn die Kühlaggregate nicht auf Hochtouren laufen.

Von BASF entwickelte winzige Wachskügelchen in Acrylglashülle, die Klimaanlagen überflüssig machen sollen, weil sie Hitze einfach absorbieren. ++ BASF SE ++

Micronal PCM – Wachskügelchen in Acrylglashülle im Baumaterial

Forscher des Chemiegiganten BASF und des Fraunhofer-Instituts haben ein Isoliermaterial entwickelt, das die Hitze in sich aufnimmt statt sie weiterzugeben. “Im Zentrum der Idee stand die Fähigkeit von Wachs, Wärme zu speichern“ erklärt Kresimir Cule, Produktmanager bei BASF. Micronal PCM, so heißt das fertige Produkt. Es besteht aus winzigen Wachskügelchen, die von einer Hülle aus Acrylglas umgeben sind. Ab ca. 26°C schmilzt das mikroverkapselte Wachs, nimmt dabei Wärme auf und senkt die Raumtemperatur um bis zu vier Grad. Wenn in der Nacht die Temperatur sinkt, erstarren die PCM-Kügelchen wieder.

Wenn Schnee warm hält

Igludorf am Wilden Kaiser, an der Bergstation der Gondelbahn Hochbrixen ++ APLENIGLU ++

Igludorf, Österreich

Ungewöhnliche Orte erfordern ungewöhnliche Baustoffe. In der Arktis hat das Iglu zwar seit den 50er Jahren als Wohnstätte ausgedient. Anderswo kommt der kalte CO2-neutrale Baustoff zu neuen Ehren. Der Österreicher Benno Reitbauer hat das Iglu-Bauen im hohen Norden Finnlands gelernt. Heute baut er selber Jahr für Jahr auf 1400 Metern in den Tiroler Bergen ein ganzes Dorf nur aus Schnee. “Die Innentemperatur liegt konstant bei minus zwei bis Null Grad,” schwärmt er, “das hört sich jetzt erstmal nicht so warm an, aber wenn draußen -20°C herrschen, fühlt sich das richtig gut an.” Reitbauer ist vor allem von der Formbarkeit des glitzernden Baustoffs begeistert: „Mit Wänden hart wie Beton können wir Iglus mit 6 Meter Innenhöhe bauen, aber auch Möbel und zarte Reliefs für die Inneneinrichtung.“

Bauen mit Kuhdung – kein Scheiß!

Baumaterial ist teuer und die Ressourcen sind gerade in ärmeren Ländern knapp. Da bietet es sich an, das eine oder andere Material zu recyceln. Das gilt zum Beispiel auch für den Dung von zahlreichen Nutztieren. In vielen Teilen Afrikas baut man Mauern und auch ganze Häuser, indem man Kamel-Dung mit Schlamm und Stroh vermischt und auf ein zuvor geflochtenes Gerüst aufträgt. Doch auch im Industrieland Deutschland wird noch mit Mist gebaut: Bei Fachwerkhäusern werden die Räume zwischen den Balken mit einer Mischung aus Kuhdung, Kalk und Lehm gefüllt. “Das Bauen mit Lehm hat eine 9000 Jahre alte Tradition,” erzählt Robert Kehl begeistert. Mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung ist der Maurermeister aus Thüringen eine Art graue Eminenz, wenn es um Fachwerk geht. Er empfiehlt sogar Innenräume mit dunghaltigem Lehm zu verputzen. Denn in Badezimmern und anderen feuchten Räumen kann man damit Schimmelbildung vermeiden. “Die Kuh hat ein Ferment im Magen, das Schimmelpilze zerstört. Zugegeben - ein Anstrich mit Kuhdung stinkt schon seine fünf bis sieben Stunden,” sagt Kehl, “aber wenn er erst mal getrocknet ist, riecht man nichts mehr.”