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Geschichte

Der Klassenfeind aus der Flimmerkiste

Die DDR kontrollierte und lenkte ihre Medien. Die Journalisten aus dem Westen waren für sie eine Bedrohung ihres sozialistischen Systems – zu Recht? Wie haben die Medien in Ost und West den Mauerfall beeinflusst?

Siegbert Schefke filmt den Zerfall der Städte in der DDR 1980

Filmen im Auftrag des Westens

Eigentlich war es eine schöne Geschichte. Da steht eine Familie aus Hessen Mitte der 1980er-Jahre an der Grenze zur DDR und möchte einreisen. "Sind Sie arbeitslos?", fragte der Grenzer ungläubig. Nein, man wolle in der DDR leben und eine Kneipe aufmachen. Ulrich Schwarz muss heute noch darüber lachen. Der ehemalige DDR-Korrespondent des Magazins "Der Spiegel" hat damals über die hessische Familie geschrieben. Wenig später wurde er ins Außenministerium der DDR zitiert.

Der ehemalige Spiegel-Korrespondent Ulrich Schwarz mit dem Schild des DDR-Büros

Ulrich Schwarz durfte das Redaktionsschild nur innen im Hausflur anbringen

"Da wurde mir dann mitgeteilt, Sie hatten keine Genehmigung da hinzufahren. Und da habe ich gesagt, dann verwarnen Sie mich doch und wir machen eine Hausmitteilung im Spiegel, unser Korrespondent ist verwarnt worden, weil er eine positive Geschichte über die DDR geschrieben hat! Das haben sie dann doch gelassen." Der "Spiegel" und die DDR, das ging nie gut. Das politische Magazin durfte in der DDR nicht erscheinen, zwischen 1976 und 1985 schloss die SED das Redaktions-Büro in Ostberlin, weil es die kritische Schrift einer Oppositionsgruppe innerhalb der SED veröffentlicht hatte.

Arbeit im Feindesland

"Die DDR war für ausländische Journalisten zu wie eine Auster", sagt Schwarz. "Die Wohnung und das Büro waren verwanzt, die haben zum Teil richtig mitgeschnitten, auch Gespräche in meinem Wohnzimmer, die ich mit Besuchern hatte. Immer wenn ich von Westberlin über die Heinrichstraße einreiste, dachte ich, jetzt bist du in Feindesland." So, wie sie ihre eigenen Medien lenkten und kontrollierten, wollten SED und Stasi vor allem auch die westdeutschen Journalisten in Schach halten.

Jochen Staadt in seinem Büro an der FU Berlin

Jochen Staadt hat die Stasi-Tätigkeiten in den Medien untersucht

Die ersten ständig akkreditierten westdeutschen Korrespondenten gab es in der DDR ab 1973. Sie mussten alle Reisen außerhalb Ostberlins 24 Stunden vorher beantragen und jede Art von Berichterstattung im Auswärtigen Amt anmelden. Über jeden einzelnen westdeutschen Korrespondenten führte das Ministerium für Staatssicherheit eine geheime Akte, um jeden einzelnen wurde ein Netz aus Spitzeln gespannt. "Alle offiziellen Kontaktpartner waren entweder Parteileute oder verdeckte Stasi-Leute. Sie können rechnen, dass auf jeden ständig akkreditierten Korrespondenten ungefähr 15 bis 20 Aufpasser kamen", sagt Jochen Staadt vom Forschungsverbund "SED-Staat" der Freien Universität Berlin.

Zerfallene Häuser in Potsdam 1987

Als besonders gefährlich galten die Mitarbeiter von Radio und Fernsehen. Denn der westdeutsche Rundfunk überwand die Grenze, und über die Flimmerkiste kamen Berichte in die Wohnstuben, die das zeigten, was die DDR verheimlichen wollte. Die Umweltverschmutzung in der DDR zum Beispiel oder den Verfall der Städte.

Undercover-Journalisten

Stasi-Foto von Bürgerrechtler Siegbert Schefke

Die Stasi beobachtet Siegbert Schefke (rechts) 1988

Die Informationen und das Material über heikle Themen bekamen die Westjournalisten unter anderem von Siegbert Schefke und Aram Radomski. Die beiden waren Ende 20 und hatten "noch eine Rechnung offen" mit dem Regime, als sie Mitte der 1980er-Jahre begannen, den Westjournalisten Informationen zu besorgen und filmten, was diese nicht hätten filmen können.

So wie am 9. Oktober 1989 in Leipzig, als sich die beiden abends in den Taubendreck auf einem Kirchturm legten und heimlich die Demonstration von 70.000 DDR-Bürgern gegen das SED-Regime filmten.

Der Bürgerrechtler Aram Radomski mit seiner Kamera

Aram Radomski arbeitete heimlich für Westmedien

Die Aufnahmen gaben sie dem "Spiegel"-Korrespondenten Ulrich Schwarz, der sie in den Westen brachte. Am nächsten Tag sahen auch die DDR-Bürger in der "Tagesschau", dass nicht 500 Besoffene auf dem Leipziger Ring randaliert hatten, wie es die DDR-Medien gemeldet hatten.

"Wir haben darauf aufmerksam machen können, was in Leipzig stattgefunden hat, und das ist mit Sicherheit eine Initialzündung gewesen für weitere Proteste in der DDR, aber da ist man, glaube ich, immer nur ein Mosaikstein in so einem ganz großen Prozess", sagt Aram Radomski heute.

Auswandern per Fernseher

Jochen Staadt vom Forschungsverbund "SED-Staat" ist überzeugt, dass neben den persönlichen Westkontakten und den vielen Ausreisenden auch das Westfernsehen und der Hörfunk ein Nagel im Sarg des SED-Regimes waren. "Die ständige Präsenz der anderen Welt, die die Bürger, die das Land nicht verlassen konnten, mit den Grundinformationen über die Weltereignisse versorgt hat und damit auch die Propaganda des DDR-Fernsehens und des DDR-Hörfunks und der Zeitungen konterkariert hat, ist eine Bedingung, glaube ich, dass wir 1989 überhaupt so erlebt haben, wie wir es erlebt haben."

Journalist Harald Händel in Berlin

Harald Händel war Journalist in der DDR

Die Medien der DDR selbst beeinflussten den Mauerfall indirekt, weil sie nicht über das berichteten, was die Bürger wirklich interessierte. "Die Berichterstattung des Westens, die im Osten gesehen wurde, hat die Massen ermutigt, sie haben gesehen, was sie bewegen können, und sie haben auch die Unfähigkeit dieses Systems gesehen," sagt Harald Händel, der in den 1980er-Jahren als junger Redakteur beim DDR-Fernsehen immer nur eins sein wollte – Auslandskorrespondent und weit weg vom Regime. "Wer hätte denn gedacht, dass es diese unblutige Revolution geben wird? Ich glaube, die hätte es nicht gegeben ohne die Berichterstattung darüber und ohne das Ignorieren der Entwicklung durch die Ostmedien."