1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Der Klang der Synagogen

Der Lebenstraum von Andor Izsák ist Wirklichkeit geworden: Im Europäischen Zentrum für Jüdische Musik in Hannover wird die verschollene Synagogalmusik zu neuem Leben erweckt.

Als Andor Izsák vor 30 Jahren Ungarn verließ, trug er einen Lebenstraum in sich: "Ich hatte die Hoffnung, im freien Westen die synagogale Musik des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu finden", erinnert sich Organist und Musikwissenschaftler. "Doch ich fand nur wenige Spuren. Es war, als hätte es diese großartige orgelbegleitete Chormusik nie gegeben. Denn als 1938 die Synagogen brannten, verbrannten auch die meisten Orgeln und Noten.“

Gegen das Vergessen

Titel: Andor Izsák, Leiter des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik, Foto: Archiv Europäisches Zentrum für Jüdische Musik

Andor Izsák hat sein Leben der Synagogalmusik gewidmet

1944 als Sohn jüdischer Eltern in Budapest geboren, entdeckte Andor Izsák schon als Kind seine Liebe für die Synagogalmusik. Zu Beginn des Musikstudiums spielte er die Orgel in der Dohány-Synagoge, dem größten jüdischen Gotteshaus Europas, und gründete einen Chor. “Es war das erste Ensemble, das nach der Shoah wieder synagogale Musik in Ungarn aufführte." Doch mit dem Ausbruch des Sechs-Tage-Krieges 1967 fand sein Engagement vorerst ein jähes Ende: Das sozialistische Ungarn erklärte Israel zum Klassenfeind und verbot jegliche jüdische Aktivität.

Als er nach seiner Ausreise aus Ungarn 1983 auf Tournee durch Europa ging, stieß seine Synagogalmusik auf große Begeisterung. “Die Konzerte waren ein unglaublicher Erfolg“, erinnert er sich. “Sie waren voller weinender und lachender Menschen, die sich freuten, diese so lang verstummte Musik endlich wieder hören zu können.“ Und er fand viele Freunde, die ihn bei seinen Nachforschungen unterstützten und in der Idee bestärkten, ein Forschungs- und Dokumentationszentrum für die Musik der Synagogen zu gründen.

Jahrzehntelange Suche

Ausstellung in der Villa Seligmann, Foto: DW/Marita Berg

Das Europäische Zentrum für Jüdische Musik in Hannover

Am Anfang stand aber mühsame Arbeit: In aller Welt fahndete er nach verschollenen Schellackplatten und Wachswalzen, nach Instrumenten und Noten, bat Shoah-Überlebende um Hinweise. “Im Laufe der Jahre sprach sich meine Suche herum", erzählt er. "Mich riefen Menschen aus Israel, Amerika, Südamerika und Australien an, die noch Noten oder Tonträger besaßen. Für sie waren das natürlich Erinnerungsstücke. Also musste ich meine ganze Überredungskunst aufbringen, damit sie mir diese Dokumente überließen.“

1992 kam Andor Izsák seinem Lebenstraum einen großen Schritt näher: An der Musikhochschule in Hannover wurde das Europäische Zentrum für Jüdische Musik (EZJM) gegründet, 2003 ein Studiengang für Synagogalmusik eingerichtet. "Jetzt musste ich nur noch einen Ort finden, der Platz für eine Ausstellungsfläche, eine Bibliothek und ein Forschungszentrum bietet, der aber auch als Konzert- und Begegnungsstätte geeignet ist."

Erfüllung eines Lebenstraums

Ausstellung in der Villa Seligmann, Foto: DW/Marita Berg

Sammlerstücke aus aller Welt in der Villa Seligmann

Auch diesen Ort hat er inzwischen gefunden: 2012 zog das EZJM um in die Villa Seligmann. “Als ich dieses Haus zum ersten Mal sah, habe ich mich gleich verliebt“, erzählt Andor Izsák. “Und meine Synagogenorgeln, die Tondokumente, Handschriften, Partituren und Bücher jetzt hier unter einem Dach vereint zu sehen, das ist die Erfüllung meines Traums.“

Bei der Führung durch die originalgetreu restaurierte Villa Seligmann strahlen Izsáks Augen: “Hier ist der historische Spieltisch der Orgel der Dohány-Synagoge in Budapest. Einst war sie die größte Synagogenorgel der Welt. Auf dem Instrument haben schon Franz Liszt und Camille Saint-Saens gespielt.“ Dass auch er als junger Mann auf der riesigen Orgel spielte, lässt der bescheidene Organist unerwähnt.

Ätherische Klänge

Mittelpunkt des 1600 Quadratmeter großen Jugendstilgebäudes ist die holzvertäfelte “Große Halle“, einst das Gesellschaftszimmer der jüdischen Industriellenfamilie Seligmann, das heute als Konzertsaal dient. Die Apsis des 10 Meter hohen Salons bietet Raum für das Herzstück des Zentrums: die restaurierte Sauer-Orgel mit golden glänzenden Pfeifen, erbaut im Jahre 1896. Es ist die einzige in Deutschland erhalten gebliebene Synagogenorgel. Izsák entdeckte sie in einer katholischen Kirche in Rheinland-Pfalz - ein Kantor hatte ihn auf das Instrument aufmerksam gemacht.

Andor Izsák an der Budapester Synagogen-Orgel, Foto: Marita Berg

Andor Izsák hat einst selbst auf der Budapester Synagogen-Orgel gespielt

“Eine Synagogenorgel hat keine prunkvoll glänzenden Register wie eine christliche Kirchenorgel", erklärt er, "sie klingt beinahe ätherisch. Die Orgel in jüdischen Gotteshäusern hat ausschließlich begleitende Funktion: Der orientalisch singende, oftmals improvisierende Kantor gibt eine musikalische Linie vor. Die Orgel schafft die Verbindung zwischen ihm und dem Chor. Das gibt ihr eine ganz besondere Kraft.“

Umstrittenes Kirchenstrument

Streng gläubige Juden lehnen den Einsatz der Orgel in der Synagoge bis heute aus theologischen Gründen ab: Nach orthodoxer Lehre ist Instrumentalmusik in der Liturgie verboten. Die fortwährende Trauer über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem erlaubt ihren Einsatz nicht.

Liberale Juden sehen sich hingegen nicht an diese frührabbinische Weisung gebunden. Sie führten im 19. Jahrhundert nicht nur den Chorgesang in die Liturgie ein, sie befürworten auch die Orgelbegleitung. Für sie ist die Orgel ein Instrument, das die Andacht fördert.

Und so erklangen Synagogalorgeln ab 1810 in rund 200 liberalen jüdischen Gemeinden in Deutschland - bis die Reichspogromnacht im November 1938 sie zum Schweigen brachte. “Da haben die Nationalsozialisten nachhaltige Arbeit geleistet“, sagt Andor Izsák bitter, “denn in den heutigen Synagogen-Neubauten heute gibt es keine Orgelemporen mehr. Musik mit Chor und Orgel ist einfach nicht mehr vorgesehen.“ Die Synagogalmusik droht so ein zweites Mal verloren zu gehen.

Unschätzbare Kostbarkeiten

Exponat in der Villa Seligmann, Foto: Marita Berg

Gesangspartituren mit Notizen des österreichischen Kantors Salomon Sulzer

In seinem Kampf für diese Kultur fühlt sich Andor Izsák manchmal, wie er sagt, “als letzter Mohikaner.“ In Hannover ist es ihm gelungen, viele Schätze zusammenzutragen, so zum Beispiel Manuskripte, gedruckte Partituren und Noten, die der Oberkantor Nathan Saretzki am 9. November 1938 aus der brennenden Frankfurter Hauptsynagoge retten einer befreundeten christlichen Familie anvertrauen konnte - kurz bevor er nach Auschwitz deportiert wurde.

“Diese Sammlung ist von unschätzbarem Wert", sagt Andor Izsák sichtlich berührt. "Endlich werden wir so lange verloren geglaubte Kompositionen wieder veröffentlichen können." Und er fügt hinzu: "Für mich ist diese Sammlung das beste Beispiel dafür, dass es den Nazis doch nicht gelungen ist, alles zu zerstören.“

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links