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Europa

Der KGB als großer Bruder

Zur Erbmasse des Ostblocks gehören die gewaltigen Geheimdienst-Archive, die nach der friedlichen Revolution 1989/90 schrittweise geöffnet wurden. Sie gewähren auch Einblicke in die Zusammenarbeit der Spitzel-Apparate.

KGB Emblem

Der KGB hielt engen Kontakt zu den Geheimdiensten anderer sozialistischer Länder

"Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" – dieses Bonmot sozialistischer Propaganda galt auch und ganz besonders für die Geheimdienste. Wie der innere und äußere Feind zu bekämpfen ist mit den Mitteln der Konspiration, Denunziation, Verfolgung bis hin zur Ermordung, dafür lieferte das sowjetische Komitee für Staatssicherheit (KGB) die Blaupause.

Hierarchie der Geheimdienste

Ohne die Abteilung X lief nichts zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR, kurz MfS, und den Geheimdiensten befreundeter sozialistischer Länder. Die Abteilung X war für internationale Verbindungen zuständig, weshalb sie auch viele Übersetzer beschäftigte. Besonders gefragt war Russisch, denn das große Vorbild war natürlich der sowjetische Geheimdienst KGB, erzählt der promovierte Historiker und Archivar Karsten Jedlitschka, der in der Archiv-Abteilung der Stasi-Unterlagen-Behörde das Grundsatz-Referat leitet: "Der KGB hat immer sehr viel von seinen Partner-Geheimdiensten abgefordert, und selber hat er sich relativ zurückgehalten. Das war dann doch ein hierarchisches Verhältnis."

Informationen eigener Quellen wurden den Verbündeten oft vorenthalten, während MfS-Akten mitunter im KGB-Bestand landeten. Etwa im Falle von überwachten Personen, für die sich auch der große Bruder Sowjetunion interessierte. Entsprechende Hinweise finden sich in den Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes, die vor der Vernichtung gerettet werden konnten.

"Vom großen Bruder gelernt"

Stasi Museum in Berlin

Ehemaliges Hauptquartier der Staatssicherheit der DDR

Generell hatte der KGB bedeutenden Einfluss auf die Arbeit des MfS, stellt Jedlitschka fest: "Es gibt Jahresberichte, es gibt auch Schulungsmaterial. Es gibt Unterlagen über Verhör-Methoden des KGB. Man hat ja vom großen Bruder gelernt." Wie intensiv die Zusammenarbeit zwischen dem KGB, dem MfS und den anderen osteuropäischen Geheimdiensten war, lassen allein schon die 158 Akten-Meter der Abteilung X erahnen. Hinzu kommen 128 Säcke mit Papier-Schnipseln, die im Januar 1990 von Bürgerrechtlern vor der endgültigen Vernichtung gerettet werden konnten. Inhaltlich ist schon vieles erschlossen, aber längst noch nicht alles.

Effektiv war die Zusammenarbeit der osteuropäischen Geheimdienste zweifelsohne. Karsten Jedlitschka schildert ein Beispiel: "Da wollte ein russischer Offizier, der in Brünn auf der Militär-Akademie war, über die tschechische Grenze fliehen. Der wurde dann aber vom tschechischen Geheimdienst verhaftet." Dies sei als großer Erfolg der Zusammenarbeit zwischen den Geheimdiensten gefeiert worden, berichtet Jedlitschka: "Dann sollte ausgewertet werden, welche Schlussfolgerungen man daraus ziehen kann, um in Zukunft in solchen Fällen vielleicht noch schneller tätig werden zu können."

Gemeinsame Erfassung von Gegnern

Fluchten zu verhindern, daran hatte die DDR natürlich ein besonders großes Interesse. Entsprechend weit verzweigt war das MfS-Netz, um potenzielle Republik-Flüchtlinge auch in befreundeten Staaten an ihrem Vorhaben zu hindern. "Die hatten vor Ort Operativgruppen", erklärt Jedlitschka. "Das lief dann so ab: wenn ein Grenzverletzer beim Fluchtversuch verhaftet wurde, dann wurde der von der tschechoslowakischen Polizei oder vom Geheimdienst verhaftet und zu der Operativgruppe gebracht, die zum Beispiel in der Botschaft war. Die hat den Flüchtling dann in die DDR gebracht, und dort wurde er dann verurteilt."

Ein Herzstück der Überwachung war das 1977 eingeführte elektronische "System der gemeinsamen Erfassung von Informationen über den Gegner". Die russische Abkürzung lautete SOUD. Zugriff auf die darin gespeicherten Daten, vor allem über Personen, hatten neben den meisten osteuropäischen Geheimdiensten auch die aus Kuba, der Mongolei und ab 1984 Vietnam.

Brief-Kontrolle auch im Ausland

Der erste Mauertote (Foto: AP)

Ein Ziel der Geheimdienste: "Republikflucht" zu verhindern

Die Kooperation und Überwachung über Ländergrenzen hinweg erstreckte sich auf alle Lebens- und Arbeitsbereiche. Das wussten oder ahnten die Menschen in der DDR. Und da Not bekanntlich erfinderisch macht, verschickten manche ihre West-Post aus der Tschechoslowakei. Ins Fadenkreuz der MfS-Spitzel gerieten sie dennoch. Dafür gab es ein ausgeklügeltes System, erzählt Jedlitschka: "Die entsprechenden Briefe der DDR-Bürger wurden an das MfS weitergeleitet und landeten so in der Brief-Kontrolle. Und dann wurden auch konspirative Wohnungen für das MfS bereitgehalten." Umgekehrt sei das MfS behilflich gewesen, wenn ein Partnerdienst konspirative Wohnungen in der DDR brauchte.

Gefahren witterten die osteuropäischen Geheimdienste naturgemäß bei Oppositionellen und Friedensbewegten, im Umfeld von Kirchen, Hochschulen und Sportvereinen. Überall dort, wo West-Kontakte zumindest theoretisch möglich waren. "Ein Schwerpunkt war die Beobachtung des in München ansässigen US-Senders Radio Free Europe", sagt Jedlitschka. "Da hat man natürlich auch zusammengearbeitet, weil die Abhör-Stationen hauptsächlich auf DDR-Gebiet lagen." Es wurde aber nicht nur abgehört, sondern direkt Einfluss genommen. Sowohl den Sowjets als auch den Polen gelang es, Agenten in den Redaktionen zu platzieren.

Grenzüberschreitende Aufarbeitung

Der Historiker und Archivar Karsten Jedlitschka ist überzeugt, dass sich im Stasi-Nachlass noch das eine oder andere Interessante über die Kooperation zwischen den osteuropäischen Geheimdiensten finden wird – "sicher teilweise auch sehr wertvolle Informationen. Und manches von dem, was bei uns vernichtet wurde, ist auf der polnischen oder tschechischen Seite überliefert und andersrum." Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit geht also weiter, dank der offenen Geheimdienst-Archive in Berlin, Prag, Warschau und zahlreichen anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks.

Nur einer tanzt aus der Reihe und hält das Meiste weiter unter Verschluss: der ehemalige KGB. Seit dem Ende der Sowjetunion 1991 ist FSB für die Aufklärung im Inland zuständig, der SWR für das Ausland. Außer den Namen aber hat sich kaum etwas geändert.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Stefan Dietrich

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