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Bildung

Der Kampf um einen Ausbildungsplatz

Viele freie Stellen, aber tausende von Jugendlichen suchen noch eine Lehrstelle. Zum Auftakt des neuen Ausbildungsjahres ist ein altes Problem wieder zurückgekehrt. Wie finden Unternehmen und junge Leute zusammen?

Bewerber Yasin Abdelkrim vor der Jobbörse-Tafel in der Arbeitsagentur in Bonn (Foto: DW / André Leslie)

Yasin Abdelkrim will Industrie- oder Anlagemechaniker werden

Vor den Stellwänden mit Ausbildungsangeboten drängen sich dutzende Jugendliche. Mit Papier und Stift notieren sie die Kontaktadressen der Firmen, die hier Stellen ausschreiben. Veranstalter dieser sogenannten "Jobbörse" ist die Bundesagentur für Arbeit in Bonn. Gedacht ist sie für junge Bewerber, die für dieses Jahr noch keinen Ausbildungsplatz in einem handwerklichen Betrieb oder in der Industrie gefunden haben. Auch Yasin Abdelkrim sieht sich die Ausbildungsangebote an den Wänden interessiert an. Der 20-Jährige bewirbt sich schon seit Anfang des vergangenen Jahres auf einen Ausbildungsplatz als Industrie- oder Anlagemechaniker. Er versteht nicht, warum er bisher noch keinen Erfolg hatte. "Ich habe eigentlich einen relativ guten Abschluss, aber im Moment klappt es einfach nicht. Die Konkurrenz ist schon ziemlich groß."

Dabei scheinen die Zahlen etwas anderes zu sagen. Im September waren noch über 90.000 Ausbildungsplätze deutschlandweit ausgeschrieben. Die Zahl der Bewerber lag hingegen nur bei 88.000. War das Verhältnis vor einigen Jahren noch umgekehrt, so müssen sich die Firmen heute regelrecht um junge Leute bemühen, die einen Beruf in ihrem Unternehmen erlernen sollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt, dass die Chancen für Ausbildungssuchende noch nie so gut gewesen seien wie jetzt. Nachzügler sollten also theoretisch gute Aussichten haben.

Unterschiedliche Branchen, unterschiedliche Erwartungen

Junge Bewerber vor den Angebotstafeln bei einer Veranstaltung der Arbeitsagentur Bonn (Foto: DW / André Leslie)

Der Andrang ist groß bei der Jobbörse der Arbeitsagentur

In der Praxis sieht es allerdings anders aus. Ein Grund sind die hohen Ansprüche der Arbeitgeber. Yasin Abdelkrim ist auf Lehrstellensuche. Er hatte schon öfter mit diesem Problem zu kämpfen. "Viele denken, dass man Abitur braucht, also eine allgemeine Hochschulreife. Im handwerklichen Bereich ist das aber oft gar nicht notwendig." Yasin ist nicht allein mit seiner Meinung. An diesem Tag beschweren sich die meisten Schulabgänger über die Voraussetzungen, die man erfüllen soll, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

In der IT-Branche zum Beispiel erwarten viele Firmen, dass die Jugendlichen sich bereits vor Antritt ihrer Lehrstelle mit Technik und sogar mit den Programmiersprachen richtig auskennen. Vor zwei Jahren ist Sören Kampschroer erfolgreich bei dem kleinen Bonner IT-Unternehmen "Glamus" eingestiegen. Der Auszubildende hat dort schon während seiner Schulzeit gejobbt und hatte deswegen gute Karten bei der Bewerbung. Geschäftsführer Gerhard Loosch betont, dass die Azubis in seiner Firma direkt in die aktuellen Projekte einbezogen werden. Da seien gute Vorkenntnisse ein Muss. "Wenn ein Bewerber im Alter vom 18 oder 20 Jahren noch nicht programmiert hat, dann ist wahrscheinlich kein richtiges Interesse da. Dann ist er hier fehl am Platz."

Staatliche Initiativen

IT-Azubi Sören Kampschroer am Bürotisch(Foto: DW / André Leslie)

Azubi Sören Kampschroer hat seinen Traumberuf gefunden

Doch es liegt nicht immer an zu anspruchsvollen Arbeitgebern, dass die Bewerber keine passende Ausbildungsstelle finden. Manchmal hake es auch einfach an den Bewerbungsunterlagen, sagt Carola Kipka. Sie ist Teamleiterin bei der Bundesagentur für Arbeit in Bonn und dort zuständig für die Betreuung von Arbeitssuchenden unter 25 Jahren. "Manchmal schreiben junge Leute über 100 Bewerbungen. In so einem Fall läuft normalerweise etwas schief." Entweder seien die Bewerbungsunterlagen fehlerhaft oder nicht komplett oder der Jugendliche bewerbe sich in einem Bereich, wo es wenig Ausbildungsstellen gebe.

Bereits seit einigen Jahren sind Berufe wie Mechatroniker und Einzelhandelskaufmann beziehungsweise Einzelhandelskauffrau beliebt. Auch ins Bankgeschäft wollen viele. Da ist die Konkurrenz dann tatsächlich groß, und nicht jeder kann seinen Traumberuf verwirklichen. Außerdem werden für die verschiedenen Berufssparten auch unterschiedliche Schulabschlüsse nachgefragt, und da passen Wunsch und Wirklichkeit oft nicht zusammen. Aus diesem Grund bietet die Bundesagentur für Arbeit Jugendlichen ein einjähriges Schulungs-Programm an. Es gibt extra Deutsch- und Mathekurse, Übungen für Bewerbungsschreiben und Gespräche zur Karriereplanung. Auch Praktika in Betrieben sind vorgesehen. Die Berater der Arbeitsagentur versuchen, die Jugendlichen später dann auch als Azubis in diese Unternehmen zu vermitteln.

Die Industrie macht mit

Azubi Emrah Ceylan in der Telekom-Geschäftsstelle in Bonn (Foto: DW / André Leslie)

Emrah Ceylan macht eine Ausbildung bei der Telekom

Vor sieben Jahren, als die Lehrstellen noch knapp waren, schlossen Bundesregierung und Wirtschaft den sogenannten "Ausbildungspakt". Es ging darum, jedem Jugendlichen eine adäquate Lehrstelle zu verschaffen. Der demografische Wandel und der Mangel an Fachkräften zwingt die Industrie heutzutage dazu, sich stärker um die Jugendlichen zu bemühen, die eine Ausbildung suchen. Viele Unternehmen präsentieren ihre Berufssparten deshalb bereits in den Abschlussklassen der Schulen. Auch Bewerber, die ansonsten nicht durch den üblichen Bewerbungsprozess durchkommen würden, sind für die deutsche Industrie interessant geworden. Oft haben sie einen Migrationshintergrund. Dennis Dennert, Sprecher für Ausbildung bei der Deutschen Telekom, sagt, dass seine Firma durch den demografischen Wandel gezwungen sei, frühzeitig zu reagieren: "Wir können nicht warten, bis es keine passenden Fachkräfte mehr gibt."

Die Deutsche Telekom bietet deshalb eine "Einstiegsqualifizierung für Jugendliche", kurz EQJ. Das Programm wird zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit koordiniert. Genau wie bei einer normalen Ausbildung bekommen die Jugendlichen einen Ausbildungsvertrag und damit eine Chance, in den Betrieb einzusteigen und gleichzeitig zur Berufsschule zu gehen. Der EQ-Vertrag geht aber höchstens über ein Jahr. Je nachdem, wie der Auszubildende abschneidet, fängt er oder sie dann anschließend mit der richtigen, drei Jahre dauernden Ausbildung an. Bei der Telekom gibt es das Programm seit 2009. Hier werden nur Verträge an Jugendliche vergeben, die schon längere Zeit Sozialleistungen vom Staat bekommen.

Emrah Ceylan war im ersten Jahrgang dabei. Der Sohn türkischer Einwanderer hat 2009 bei der Telekom angefangen, nachdem er ein Jahr lang erfolglos auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz war. Ceylan gibt selbst zu, dass er ziemlich schlechte Noten auf seinem Abschlusszeugnis hatte. In der Praxis aber zeigte sich, dass Emrah Ceylan so gut war, dass er nach seinem Probejahr sofort ins zweite Ausbildungsjahr gehen durfte. Er hat – ohne Zweifel – den Weg zum passenden Arbeitgeber gefunden.


Autor: André Leslie
Redaktion: Gaby Reucher

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