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Kultur

Der Kampf um das Geschlecht: "Queer British Art" in der Tate Britain in London

Vor 100 Jahren drohte ihnen noch Strafe: Künstler, die öffentlich ihre Homosexualität zur Schau stellten. Eine Schau in London präsentiert Werke, die lange Zeit tabu waren: Queere Kunst aus Großbritannien.

Das Abkürzungs-Ungetüm LGBTQ hat erst kürzlich Einzug in moderne Lexika gehalten. Die Buchstaben stehen stellvertretend für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Vor zehn Jahren waren diese Bezeichnungen noch nicht gebräuchlich. Eine neue Ausstellung in der Tate Britain in London stellt queere Kunst in den Mittelpunkt - sie untersucht den mühsamen Weg von der Aufhebung der Todesstrafe für Analverkehr im Vereinigten Königreich (1861) bis hin zur Abschaffung des Gesetzes, das Sexualverkehr zwischen Männern unter Strafe stellte (1967).

Vor 50 Jahren änderte sich die Gesetzeslage

Die Ausstellung findet pünktlich zum 50. Jubiläum dieser Gesetzesänderung statt und versucht sich an der Begriffsdefinition, was überhaupt unter dem Terminus "Queer British Art" zu verstehen ist. Handelt es sich um ein Kunstwerk, das von einem Künstler geschaffen wurde, der sich selbst als queer versteht? Oder sind auf dem Gemälde Menschen dargestellt, deren sexuelle Orientierung queer ist? Beides trifft zu. Die Ausstellung begibt sich auf Spurensuche und zeichnet den Einfluss von Künstlern und Intellektuellen aus Großbritannien nach, die mit ihren Werken Debatten über sexuelle Identität provozieren wollten. Und sie zeigt Werke, die durch das Spiel mit den Geschlechterrollen den Blick auf queere Kunst für ein breites Publikum geöffnet haben.

Der Ausstellungs-Parcours erstreckt sich über acht Stationen. Er beginnt mit den Kunstwerken der Prä-Raphaeliten in den 1860er Jahren, präsentiert Räume, die der Bloomsbury Group um Virginia Woolf gewidmet sind, und wandert weiter zum freizügigen Leben im Londoner Soho-Viertel in den 1960er Jahren.

100 Jahre dauerte die Befreiung der queeren Kunst

Die öffentliche Anerkennung queerer Kunst, das verdeutlicht die Ausstellung, fand ihren Nährboden in der zunehmenden Anerkennung prominenter Werke genauso wie der größer werdenden Akzeptanz prominenter Künstler. Ihr Kampf gegen gesellschaftliche Tabus hat Grenzen verschoben. Es wurde ihnen oft nicht leicht gemacht, sich öffentlich zu outen, ihre Filme zu drehen, Theateraufführungen zu produzieren, Zeitungen herauszugeben. Denn das Anderssein zu leben, war lange unter Strafe gestellt. 

Queer British Art 1861-1967 - Hannah Gluckstein 1985-1978 Gluck 1942 (National Portrait Gallery)

Hannah Gluckstein: Selbstporträt

Einige dieser queeren Künstler und Intellektuellen wurden berühmt und beliebt und gehören längst zum offiziellen Kunstkanon. Die Bücher von Oscar Wilde beispielsweise, darunter "Das Bildnis des Dorian Gray", werden nicht nur in Großbritannien in der Schule gelesen. Der schwule Autor selbst aber hat wegen "Unzucht" zwei Jahre im Gefängnis verbringen müssen. Die Tür seiner Zelle ist in der Ausstellung zu sehen.

Der Vergleich von Oscar Wildes Leben, der aus Angst vor Strafe England verließ und völlig verarmt in Paris starb, mit der Biographie von David Hockney, der heute zu den einflussreichsten Künstlers Großbritanniens zählt, stimmt nachdenklich. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Queere Kunst für eine offene Gesellschaft

Der Vorsitzende der Tate, Lord Browne von Madingley, schreibt in einem bewegenden Vorwort zum Ausstellungskatalog: "Als ich 18 wurde im Jahr 1966, wurde der einvernehmliche Geschlechtsverkehr zwischen Männern hart bestraft. Ein Jahr später wurde das Gesetz in Wales und England aufgehoben. Der Geschlechtsverkehr selbst war nicht länger illegal, aber Homosexualität war gesellschaftlich nicht akzeptiert. Vor diesem Hintergrund, gepaart mit den Erfahrungen meiner Mutter als Auschwitz-Überlebende, die als Zugehörige einer Minderheit verfolgt worden war, habe ich meine sexuelle Orientierung bis 2007 geheim gehalten. Fortschritt gab es nur, weil sich einige Individuen und Organisationen zusammengetan haben, um eine Atmosphäre des Zusammenhalts zu schaffen."

Einige dieser Vorkämpfer haben ihr Homosexualität in ihren Kunstwerken zum Ausdruck gebracht. Simeon Solomon, der 1873 mit einem anderen Mann an einem Pissoir erwischt wurde, malte in "Sappho and Erinna in a Garden at Mytilene 1864" zwei Frauen, die sich verliebt in die Augen schauen. Auch andere Künstler wie Virginia Woolf führten in den 1930er Jahren ein offenes Leben im Londoner Stadtteil Bloomsbury, in dem homo- und bisexuelle Beziehungen geduldet wurden.

Der Bloomsbury-Gruppe widmet die Ausstellung eine eigene Abteilung. Genauso wie dem Theater, das mit bizarren Kostümen, Perücken und Maskenspiel das Thema schon Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Bühne brachte. In der Ausstellung kommen verschiedene Ansätze und Materialien zum Einsatz. Was die Schau deutlich macht: Queere Kunst grenzte vor hundert Jahren noch an ein Verbrechen, heute gehört sie zum Mainstream. Provozieren kann sie nur noch in den seltensten Fällen.

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