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Afrika

Der Kampf gegen die Genitalverstümmelung

Die weibliche Genitalverstümmelung ist in weiten Teilen der Welt verbreitet. Auch in Deutschland sind tausende Mädchen betroffen. Hoffnungen auf Besserung richten sich nach Berlin und eine neue Gesetzgebung.

Jawahir Cumar stammt aus Somalia. Die junge Frau wurde wie viele somalische Mädchen als Kleinkind beschnitten. Um anderen Mädchen die schmerzvolle Erfahrung zu ersparen, gründete sie 1996 den Verein "Stop Mutilation" - "Stoppt weibliche Genitalverstümmelung" - mit Sitz in Düsseldorf.

Jawahir Cumar (Foto: Priya Palsule)

Hilfe für Betroffene: Jawahir Cumar berät beschnittene Frauen in Deutschland

Cumar kennt die Schwierigkeiten der Betroffenen: Viele Mädchen und junge Frauen, die unter den Folgen der Beschneidung leiden, trauen sich noch nicht einmal, zum Arzt zu gehen. Oftmals stecken kulturelle Tabus dahinter. Wer es dennoch wagt, muss die Behandlung häufig aus eigener Tasche bezahlen. "Die Frauen berichten, dass die Krankenkasse sich oft weigern, die Operationskosten zu übernehmen", sagt Cumar, die 2011 für ihr Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. In einigen Fällen würden sie die Eingriffe gar als Schönheitsoperation abtun. "Dabei ist es für die Frauen ein lebenswichtiges Anliegen. Das muss man denen klarmachen."

Es gibt verschiedene Arten weiblicher Beschneidung, bei denen die äußeren Geschlechtsorgane beispielsweise ganz oder teilweise entfernt werden. Häufig wird auch eine Verengung der Vaginalöffnung durch Vernähen vorgenommen. Dabei werden die Mädchen zum Teil nicht einmal betäubt, als Werkzeuge werden schmutzige Rasierklingen oder Messer verwendet. Die Folgen: Infektionen, lebenslange Schmerzen, Zysten, psychische Probleme.

Keine eindeutige Rechtsgrundlage

Theateraufführung in Guinea-Bisau (Foto: Weltfriedensdienst)

Aufklärung durch Theaterstück: junge Frauen in Guinea-Bissau

Abgesehen von den Frauen, die bereits als Kinder dem schmerzhaften Ritual unterzogen wurden und heute mit den Folgen kämpfen, gelten in Deutschland tausende Mädchen als gefährdet. Genaue Zahlen gibt es wegen der hohen Dunkelziffer nicht. Für viele afrikanische Eltern gehört die Beschneidung zu einer Tradition, der sie auch fernab der Heimat weiter anhängen. Sie lassen ihre Töchter entweder illegal in Deutschland beschneiden, oder sie reisen dafür in ihre Heimatländer.

Um die Mädchen auch während eines "Heimaturlaubes" vor einer Verstümmelung zu schützen, bedürfe es einer eindeutigeren Rechtsgrundlage, sagt Dirk Wüstenberg. Der Rechtsanwalt war als Entsandter des Deutschen Netzwerks zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung Mitglied der 2009 eingesetzten Arbeitsgruppe des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

"Momentan ist das Strafmaß so wie vor Jahrzehnten: Maximal kommen dabei zehn Jahre heraus", so Wüstenberg. Eltern wurden in der Vergangenheit zu drei bis vier Jahren Haft verurteilt, Beschneiderinnen bis zu acht Jahren. Im deutschen Bundestag wird gerade diskutiert, ob man das Strafmaß erhöhen kann.

Frankreich als Vorbild

Neidisch blicken Frauenaktivistinnen wie Jawahir Cumar über die Grenze nach Frankreich. Dort müssen Eltern, die ihre Töchter beschneiden lassen, mit einer Haftstrafe zwischen zehn und 30 Jahren rechnen - oder mit der Abschiebung in ihre Heimatländer. In Frankreich habe man sich lange mit dem Thema auseinandergesetzt, sagt die aus Mali stammende Sozialarbeiterin Nana Camara, die in Frankreich arbeitet. "Wir haben Zeit gebraucht, um dahin zu kommen, wo wir heute sind, und die jetzige Regelung umzusetzen." Vielleicht könnten andere Länder - wie Deutschland jetzt - aus Erfahrungen, die man in Frankreich gemacht hat, lernen, hofft Camara.

Verschiedene Wege zu helfen

Logo des Vereins Stop Mutilation (Foto: Lidet Abebe)

Setzt auf Aufklärung: der Verein "Stop Mutilation"

Den betroffenen Frauen und Mädchen in Deutschland zu helfen, ist auch deshalb so schwierig, weil die Ärzte an ihre Schweigepflicht gebunden sind und die Strafverfolgungsbehörden nicht einweihen dürfen. Trotzdem gebe es Möglichkeiten, etwas zu unternehmen, sagt Christoph Zerm. Der Frauenarzt arbeitet mit dem Verein "Stop Mutilation" zusammen. Er berät und behandelt betroffene Frauen. So müsse nicht zwingend bei der Polizei Anzeige erstattet werden. Stattdessen könnten Jugend- und Gesundheitsämter benachrichtigt werden, damit die frühzeitig auf die Familie einwirken.

Laut Aktivistin Camara gehen die Opferzahlen nicht nur in Frankreich, sondern auch in ihrem Heimatland Mali und allgemein in Westafrika inzwischen zurück. In Deutschland könnte das derzeit diskutierte Gesetz zum Schutz der Mädchen Abschreckung leisten. Es soll Fachkräften ermöglichen, im Verdachtsfall Anzeige zu erstatten. Bis dahin setzen die Frauen von "Stop Mutilation" auf Aufklärung, um das Jahrtausend alte Ritual der Genitalverstümmelung abzuschaffen.

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